Unterstützen sich gegenseitig bei der Gartenarbeit in ihren Schrebergärten: Brigitte Kerndlmaier (links) und Manuela Kunz. Foto: Eva Funke

Große Gartenparadiese Mitten in der Innenstadt? Die gibt es tatsächlich wie zum Beispiel die Kleingartenanlage Stuttgart-Prag.

S-Nord - „Die Hobbygärtner sind dort hinter den Büschen. Die sieht man nicht“, sagt ein Anwohner. Die Kleingartenanlage Stuttgart-Prag an der Otto-Umfrid-Straße ist tatsächlich schwer zu finden. Doch wer dorthin gefunden hat, merkt nicht mehr, dass er in der Innenstadt ist. Alles ist grün und statt Baustellen- und Autolärm gibt es Vogelgezwitscher. 30 Parzellen zwischen 100 und 300 Quadratmetern bewirtschaften die Gartenfreunde. Mitglieder hat der Verein jedoch 70.

„Wer ein Grundstück pachten will, muss bei uns Mitglied sein“, sagt Manuela Kunz. Die 50-Jährige ist stellvertretende Vorsitzende des Vereins und gärtnert seit etwa drei Jahren in der Anlage, die der Verein vom Garten-, Friedhofs- und Forstamt gepachtet hat. Insgesamt verpachtet die Behörde im Stadtgebiet 171 Schrebergarten-Anlagen.

Wer eine Parzelle möchte, muss Mitglied werden und Geduld haben

Etwa zwei Jahre hat Kunz auf ihre Parzelle warten müssen. Etwas schneller ging es bei Brigitte Kerndlmaier. Nach gut einem Jahr konnte sie ihre Beete beackern. „Früher musste man sehr lange auf sein Grundstück warten, denn die Mitglieder sind jahrzehntelang der Gärtnerei treu geblieben. Doch mittlerweile geben viele ihre Gärten altershalber auf.“ Also ein guter Zeitpunkt, sich um eine Parzelle zu bewerben, meint Kerndlmaier. Sie kam fast zufällig zu ihrem Grundstück. „Auf meinem Weg zur Arbeit bin ich hier vorbeigekommen und hab oft gedacht, wie schön es wäre, hier einen Garten zu haben. Und als ich bei einem Fest Musik gehört habe bin ich einfach hin und Mitglied geworden“, erinnert sich Kerndlmaier.

Sie und Kunz haben festgestellt, dass sich die Struktur der Mitglieder in den vergangenen Jahren verändert hat. Seit im Nordbahnhofviertel neue Wohnungen entstehen, ziehen junge Familien her, denen das Thema Nachhaltigkeit wichtig ist und die gern eigenes Gemüse ernten wollen und werden Mitglied.

Verzicht auf Gift und Kunstdünger

Die Themen Nachhaltigkeit und biologischer Anbau beschäftigt auch immer mehr die langjährigen Mitglieder. Ziel des Vereins sei es, ökologisch zu gärtnern, sagt Kunz. Sie und Kerndlmaier verzichten seit längerem aufs Spritzen und künstliches Düngen. Statt dessen wählen sie ihre Pflanzen so aus, dass sie sich gegenseitig im Wachstum unterstützen und Insekten anlocken. „Ringelblumen sondern zum Beispiel Substanzen gegen Bodenschädlinge ab. Und wenn in der Nähe von Rosen Lavendel wächst, wehrt das Blattläuse von den Rosen ab“, sagt Kunz. In dieser Kombination sei aber Fingerspitzengefühl gefragt, da Rosen viel, Lavendel wenig Wasser brauchen.

In dem Garten der 50-Jährigen wachsen außer Tomaten, Bohnen und Hortensien vor allem auch Kräuter wie Andorn, ein Bitterkraut für Wohlbefinden im Magen-Darm-Trakt, Spitzwegerich, der antibiotisch wirkt und Wunder bei Insektenstichen vollbringt. Auf Heilkräuter hat sich Kunz spezialisiert und sogar eine Ausbildung als Kräutertherapeutin absolviert. Auch Brenn­nesseln hat sie angepflanzt, weil sich darüber einige Schmetterlingsarten freuen. Und selbstverständlich hat sie an ihrem Gartenhäuschen ein Insektenhotel angebracht.

Brigitte Kerndlmaier liebt Wicken und Rosen – und weil die viel Wasser brauchen, kommt sie bei so extremer Hitze wie in den vergangenen Wochen bereits um 5.30 Uhr in ihren Garten. Mittags geht sie heim und kommt abends eventuell nochmals zum Gießen. Während Kunzes Garten im Schatten liegt, ist ihrer auf der Sonnenseite. „Bei der Hitze halte ich das am Nachmittag nicht aus“, stöhnt die 66-Jährige, die in ihrem Gärtchen auch Gurken, Johannisbeeren und Äpfel ernten.

Im Sommer stecken die Hobbygärtner täglich vier bis sechs Stunden Arbeit in ihre Gärten. Für Kunz ist das auch eine Art Meditation. Und beide Frauen sagen, dass sie in ihren Gärten in eine andere, Welt eintauchen und zur Ruhe kommen. „Es ist so schön, Vögel, Bienen und Schmetterlinge zu beobachten“, sagt sie.

Sämtliche Hobbygärtner in der Anlage müssen einen Zier- und einen Gemüsegarten anlegen, denn das Bundeskleingartengesetz schreibt vor, dass die Pächter auf einem Drittel ihres Grundstücks Gemüse und auf einem weiteren Drittel Zierpflanzen anbauen müssen. Das letzte Drittel können sie als Freisitz nutzen. „Einige Interessenten haben einen Rückzieher gemacht, weil sie das gesamte Grundstück als Freifläche nutzen möchten“, sagt Manuela Kunz. Die Miete ist moderat: Kunz bezahlt rund 120 Euro für etwa 120 Quadratmeter. Dazu kommen noch die Wasserkosten.

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