Manches Gemüse und Obst wächst im Gewächshaus, anderes im Garten. Foto: Sabrina Höbel

In den Bezirken auf der Filderebene gibt es zahlreiche besondere Gärten. Unsere Redaktion hat einige besucht. Birgit Wiesmann baut so viel Obst und Gemüse an, dass sie nur selten in den Supermarkt gehen muss.

Sillenbuch - Wenn Bekannte den Garten von Birgit Wiesmann zum ersten Mal sehen, folgt immer dieselbe Reaktion: „Du hast ja keinen Garten, sondern eine Gärtnerei.“ Diese Einschätzung ist berechtigt. Die Pflanzenvielfalt im Garten der Rentnerin aus Sillenbuch ist größer als die der Frischeabteilung von so manchem Supermarkt. Spargel, Kürbis, Erbsen, Paprika, Bauernkiwi und vieles mehr sind in den fein säuberlich angelegten Beeten und im Gewächshaus gepflanzt.

Im hinteren Teil, wo das lange Grundstück in der Kolpingsiedlung abfällt, wachsen verschiedene Obstbäume. „Hier gibt es im Grunde alles“, sagt Wiesmann und klingt stolz. Seit 15 Jahren pflegt die 74-Jährige die große Gartenanlage hinter ihrem Haus – und das komplett alleine.

Den Supermarkt meidet Wiesmann, so gut es geht. Sie ist Selbstversorgerin, kauft an Gemüse und Obst praktisch nichts im Laden. „Das Einzige, was ich kaufe, ist mal eine Mango im Winter“, sagt Wiesmann. Für sie gehe nichts über die Frische aus dem Garten, die könne man nicht kaufen. Für ihren Obst- und Gemüseanbau macht sich die Rentnerin täglich die zarten Hände schmutzig. „Der Garten will jeden Tag seinen Herren sehen“, erklärt sie.

Der Garten ist wichtiger als Urlaub

Zum Gießen hat Wiesmann 2000 Liter Regenwasser in zwei großen Tanks neben dem Haus. Verteilt wird das Wasser per Hand. Spritzmittel oder anderes Pflanzengift gibt es bei der 74-Jährigen nicht. Seit vier Jahren benutzt Wiesmann nur noch homöopathische Hilfsmittel, um Schneckenbefall oder anderen Schäden vorzubeugen. Eine Pause vom Gärtnern nimmt sich Wiesmann nie und fährt deshalb auch nicht in den Urlaub. „Ich habe eh schon so viel gesehen“, sagt sie. Auf ihrer Terrasse mit Blick auf den großen Garten sitze sie doch ohnehin im Paradies.

Die Ernte teilt die Selbstversorgerin mit Freunden und Bekannten, die sie regelmäßig mit Salat, Gurken, Äpfeln und mehr versorgt. Auch ihre große Familie bekommt einen Teil des Ertrags. Aus dem Überschuss macht die Rentnerin Marmelade, Säfte oder Kompott. „Einmal hatte ich so viele Pfirsiche, dass ich daraus sogar einen Pfirsichschnaps gemacht habe. Furchtbar war das“, sagt sie und lacht. Der Schnaps landete schlussendlich bei den Nachbarn.

Sie pflegt den Garten völlig alleine

Das Teilen ist eine Leidenschaft der erfahrenen Gärtnerin: „Jede Rose, die man verschenkt, ist doch eine Freude.“ Eine üppige Ernte ist allerdings keine Selbstverständlichkeit. Dieses Jahr trägt keiner von Wiesmanns Obstbäumen Früchte. Der Grund sei der lange Winter. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt sie. Schuld sei wohl der Klimawandel. Die schnellen Wetterwechsel und die langen Frostperioden – das habe es früher nicht gegeben, sagt sie.

Birgit Wiesmann hat das Grundstück am Eichenhain in Sillenbuch im Jahre 2002 übernommen. Es ist das Haus ihrer Eltern, dort wuchs sie auf. Den Garten kennt sie also von klein auf. Mutter und Vater waren es auch, die ihr das Gärtnern beibrachten. „Wir mussten mithelfen, da gab es kein Wenn und Aber“, erinnert sie sich an ihre Kindheit und Jugend.

Später arbeitete sie als Krankenschwester in München. Dort hatte sie keinen Garten. 31 Jahre ohne frische Lebensmittel fielen ihr ganz schön schwer: „Ich habe dann jedes Mal, wenn ich bei meinen Eltern in Sillenbuch war, eine große Ladung an Obst und Gemüse eingepackt“, erinnert sich Wiesmann. Am Ende ihrer Karriere musste sie sich entscheiden: zurück nach Stuttgart oder in München bleiben? Sie entschied sich für Sillenbuch und den Garten, den sie seither allein bepflanzt, pflegt und aberntet. In ihrer Siedlung, wo sie jeden kennt, findet sie bei dringendem Bedarf aber stets Hilfe.

„Im Garten verliert man Sorgen und Kummer“

Für Wiesmann ist der Garten mehr als ein Hobby oder eine reine Nahrungsquelle. „Wenn man in den Garten geht, verliert man alle Sorgen und allen Kummer“, sagt sie. Auch in zahlreichen Studien ist die wohltuende Wirkung von Gartenarbeit bewiesen worden. In einigen Einrichtungen wird die Betätigung im Grünen sogar als Therapiemethode eingesetzt.

Birgit Wiesmann sagt, im Garten könne sie auftanken und alles vergessen. Deshalb denke sie auch noch lange nicht daran, ihren Garten – oder besser gesagt ihre kleine Gärtnerei – abzugeben: „Solange es gesundheitlich möglich ist, mache ich weiter“, sagt sie. Ihr Geheimtipp, um motiviert bei der Gartenarbeit zu bleiben: „Man muss Liebe zu den Pflanzen empfinden – ohne Liebe geht es nicht.“

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