Nach der Gartenarbeit genießt Wolfgang von Stryk die Ruhe im kleinen grünen Paradies zwischen den Nachbarhäusern. Foto: /Gaby Weiß

Die Dachterrasse der Familie von Stryk in der Esslinger Heugasse ist eine üppig und vielfältig bepflanzte Oase zwischen Himmel und Erde.

Wolfgang von Stryk ruht abends nach Einbruch der Dunkelheit im Liegestuhl auf seiner Dachterrasse und schaut in die Sterne. Mitten in der Esslinger Altstadt, zwischen Heu- und Webergasse, hegt und pflegt Familie von Stryk ein üppig bepflanztes Dachgarten-Paradies, das zum Entspannen und Träumen einlädt.

 

1982 haben Wolfgang von Stryk und seine Frau Ulrike das nur sechs Meter breite Haus in der Heugasse, das 1377 erbaut wurde, gekauft. Im darauffolgenden Jahr wurde das Projekt Dachgarten gestartet. Ein damals aktuelles städtebauliches Konzept zur Entkernung der Altstadt sah vor, die um 1600 angebaute hintere Haushälfte abzureißen, um einen Innenhof zu gestalten. „Bei diesen hohen Nachbarhäusern ringsum hätte aber nur um die Mittagszeit die Sonne bis auf den Boden gescheint“, erklärt Wolfgang von Stryk. Nach einigen Diskussionen hatte das Baurechtsamt ein Einsehen, und die von Stryks durften das Erdgeschoss des Hinterhauses stehen lassen und auf dessen Dach einen Garten errichten.

Mitten in Esslingen ein Kamin mit venezianisch anmutenden Zinnen

Das ursprüngliche Blechdach wurde durch Holzplanken ersetzt, in einem kleinen Abstellraum mit großen Fenstern, in dem die empfindlichen Pflanzen überwintern, lagern Gartengeräte. Den einstigen Kamin des Hinterhauses hat Italien-Fan Wolfgang von Stryk mit venezianisch anmutenden Zinnen versehen. Beete wurden entworfen, mit Teichfolie abgedichtet, mit einer Drainage versehen und mit Erde und Kies aufgefüllt. Jeder Eimer Material musste die engen Treppen hinaufgetragen werden.

Vor neugierigen Blicken geschützt hat sich die sonnengeflutete Dachterrasse zu einer grünen Oase entwickelt. Jede Menge Kübelpflanzen wachsen und gedeihen auf den rund 80 Quadratmetern. Die „Exoten“-Ecke des Hausherrn liebt die sommerliche Hitze: Dort wächst die „Buddhas Hand“ genannte Finger-Zitrone mit Früchten von betörendem Aroma, die er an befreundete Gastronomen verschenkt. Genau wie die Früchte der Kaviar-Limetten mit ihren kleinen zitronig-frischen Kügelchen. Ein alter Olivenbaum fühlt sich hier ebenso wohl wie eine Kastanie im Pflanzkübel. „Die wuchs in den 80er-Jahren in der Weitsprunggrube der Schule“, erzählt von Stryk, der wie seine Frau Lehrer an der Katharinenschule war. „Wir haben sie mit den Schülern ein Schuljahr lang im Klassenzimmer aufgepäppelt und vor den großen Ferien hierher gebracht.“

Was zu voluminös für die Terrasse wird, wird verschenkt. Ein 40 Jahre alter Perückenbaum und ein weiß blühender Schneeball sind derzeit im Dachgarten die größten Exemplare. Daneben gibt es Flieder, Hortensie, eine zufällig gewachsene Mini-Birke und einen ins Freie gepflanzten ehemaligen Weihnachtsbaum. Mit der wuchernden marokkanischen Minze aus dem Kräuterbeet werden die Innenstadt-Cafés versorgt. Mit seinem Pfirsichbäumchen hat Wolfgang von Stryk dagegen trotz seines grünen Daumens Pech: „Dem macht Ungeziefer zu schaffen. Aber ich will einen Baum nicht mit Gift spritzen, wenn ich später seine Früchte essen will.“

Im Lauf der Jahre wurde die Gestaltung der Terrasse an die Ansprüche angepasst: Als die Tochter klein war, gab es Sandkasten, Planschbecken und einen selbstgebauten Teich mit Wasserfall. Eine Zeitlang wurden Beeren und Gemüse angebaut: „Unsere Tomaten sind prima gewachsen, aber irgendwann mussten wir täglich 20 Stück ernten und essen, das wurde zu viel“, erinnert sich von Stryk, der die Terrasse von seinem Schreibtisch aus im Blick hat. Mittlerweile legt er Wert darauf, dass sich der Dachgarten leicht pflegen lässt.

Wiesenblütenpracht in Rosa, Blau und Lila

So hat er im Frühjahr in einem der Beete selbst gesammelte Wildblumensamen ausgestreut: Eine Wiesenblütenpracht in Rosa, Blau und Lila belohnt seinen Mut. „Die Bienen, die da hineinfliegen, kommen vom Blütenstaub pink gefärbt wieder heraus“, erzählt Wolfgang von Stryk von den tierischen Besuchern. Das Taubenschwänzchen senkt seinen Saugrüssel in die lila-blauen Agapanthus-Blüten. „Und ich bewundere den Falken, der majestätisch am Himmel kreist, die ganze Stadt im Blick.“

Auch den Gang der Jahreszeiten erleben Dachterrassen-Gärtner intensiv: „Im Winter ist es kahl, ab und an liegt Schnee, im Frühjahr wird alles wieder grün, dann werde ich unruhig und will wieder loslegen, bevor die Blätter- und Blütenpracht regelrecht explodiert“, berichtet Wolfgang von Stryk. In der Sommerhitze beginnt er erst abends, im Garten zu werkeln: „Hacken, ausschneiden, düngen, gießen – da ist immer etwas zu tun.“ Aber gemeinsam mit seiner Frau weiß er diese grüne Insel zwischen den Dächern auch zu genießen: Den Blick auf das älteste Haus Esslingens oder auf die Hochwacht. Die Stimmen der Nachbarn, einer italienischen Großfamilie: „Wenn sie miteinander reden, klingt das, als wäre man in Italien im Urlaub“, sagt Wolfgang von Stryk und freut sich am freien Blick in den Himmel über Esslingen.

Dieser Text wurde angepasst und neuveröffentlicht. Die Erstveröffentlichung war am 12. August 2024.

Gießen und genießen

Bewässerung Eine computergesteuerte Beregnungsanlage mit vier Kreisläufen hatte Wolfgang von Stryk für seinen Dachgarten entworfen und eingebaut, damit die Pflanzen auch im Urlaub dosiert bewässert werden. „Die hat ein Marder zerfetzt, ein wirklich hübsches Kerlchen. Jetzt muss ich leider wieder mit dem Schlauch gießen“, bedauert von Stryk, der bereits über eine neue Anlage mit biss-sicheren Leitungen nachdenkt.

Vogelwonnen Zwei Meisenfamilien besuchen Familie von Stryk regelmäßig auf ihrer Dachterrasse. „Wenn ich lese, planschen sie neben mir im Vogelbad. Sie kommen in mein Büro und sitzen auf dem Drucker. Sie lernen ihre Kids an, wie sie ans Futtersäckchen drankommen. Und wenn das Futter alle ist, hängen sie am Fensterkreuz und klopfen mit dem Schnabel: ‚Auffüllen, bitte!‘“, erzählt Wolfgang von Stryk.