So sah das Anwesen in den 1930er Jahren aus. Foto: Sammlung Müller/Gohl

Was hat es mit dem betürmten Bauwerk auf sich in der Gänseheidestraße auf sich, das neben der Aussichtsplattform Geroksruhe steht?

Stuttgart-Ost - Wer, von der Filderhöhe kommend, mit dem Auto oder der Stadtbahn in den Stuttgarter Osten fährt, der entdeckt, nahe der Haltestelle Geroksruhe, rechts ein markantes Gebäude mit einem schmucken Türmchen. Für ein normales Wohnhaus scheint der Bau mit der Adresse Gänsheidestraße 125 zu groß zu sein. Und doch weist kein auffälliges Schild auf die Bedeutung des Hauses hin.

 

Im Jahre 1905 ließ sich der Architekt und Bildhauer Eugen Klaiber das Gebäude errichten und verpachtete es als Höhengaststätte. Als erster „Restaurateur“ auf dem „Frauenkopf“ genannten Lokal ist 1907 ein Karl Klenk nachgewiesen. Trotz der herrlichen Lage mit ihrem großartigen Blick und der guten Luft scheinen die Geschäfte nicht gut gelaufen zu sein: Ausweislich der Adressbücher wechselte bis in die 1920er-Jahre der Pächter fast jährlich.

Gebäude hat Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden

Zu Beginn der 1930er Jahre kam das Anwesen in den Besitz einer Familie Halbach, die es 20 Jahre lang behielt und teilweise auch selbst betrieb. Nun bot man Fremdenzimmer an, nannte das Anwesen stolz „Kurhotel Frauenkopf“. Um die Mitte der 1930er Jahre konnte der Wirt unwidersprochen behaupten: „Frauenkopf – schönst gelegenes Höhen-Café-Restaurant Stuttgarts“. Weiter lobte er „Garten und Terrassen mit herrlicher Fernsicht“ vor allem nach Nordosten, sowie den prächtigen Saal und die Gesellschaftszimmer.

Den Zweiten Weltkrieg überstand das Gebäude unbeschadet, beherbergte und bewirtete nach wie vor Gäste aus nah und fern. Mitte der 1950er Jahre begann dann ein ganz anderes Kapitel in der Geschichte dieses Hauses. Und das hat mit der Merz-Schule zu tun, die 1918 in der nahen Villa Gänsheidestraße 119 gegründet, während der Nazi-Zeit zwangsweise geschlossen und 1945 wiedereröffnet worden war.

Im Sommer 1955 hörte Volker Merz, der Sohn des Schulgründers Albrecht Leo Merz (1884-1967), zufällig beim Getränkeholen einen heftigen Disput unter den Wirtsleuten des Frauenkopfes. Dem war zu entnehmen, dass die beiden das Haus im bevorstehenden Herbst verlassen wollten. Das erschien Merz als große Chance. In Windeseile galt es, eine Finanzierung zu erstellen, die Besitzerin zum Verkauf zu bewegen, der Stadt und der Brauerei das Vorkaufsrecht auszureden und einen Kaufvertrag zu unterzeichnen. Es gelang – der jetzt 89-jährige Volker Merz kann darüber noch heute schmunzeln.

Wo liegt der Ursprung für den Namen des Gebäudes her?

1956 zog das Internat der Merz-Schule in das ehemalige Hotel ein. In den 1960er-Jahren waren dann einige der Plätze für Schülerinnen und Schüler der Ballettschule von John Cranko (1927-73) reserviert. Heute leben rund 20 Kinder und Jugendliche in dem Haus, untergebracht in Ein- bis Dreibettzimmern. Außerdem befinden sich hier die Gold- und Silberschmiede der Schule, die Schreinerei und die Keramikwerkstatt. In der erst jüngst umgebauten Küche im Untergeschoss bereiten die Köche und ihre Helfer täglich rund 300 Essen für die gesamte Merz-Schule zu.

Bleibt nur, die seltsamen Namen Frauenkopf für das Gebäude (und das angrenzende Waldgebiet samt Stadtteil) und Geroksruhe zu klären. Im 16. Jahrhundert stand hier in der Nähe eine Marienkapelle, die wohl vor allem von Hirten benutzt wurde. Maria, das ist „unsere liebe Frau“. Das Kirchlein hieß deshalb auch Frauenkapelle und davon abgeleitet der angrenzende Wald Frauenwald. Den Hügel in jenem Forst nannte man Frauenwaldkopf, bald verkürzt zu Frauenkopf.

Karl Gerok (1815-1890) war Oberhofprediger und überaus erfolgreicher Lyriker. Sein berühmtestes Werk, die „Palmblätter“ von 1849, erreichte bis 1900 eine Auflage von rund einer halben Million Exemplaren. Hier oben soll sein Lieblingsplatz gewesen sein. Hier soll er auch 1868 seinen vielzitierten „Gruß an Stuttgart“ verfasst haben, der mit den Worten beginnt: „Hier liegst du nun im Sonnenglanz, schön wie ich je dich sah, in deiner Berge grünem Kranz, mein Stuttgart, wieder da!“