Gabor Steingart verlässt das „Handelsblatt“ Ein Dynamiker muss gehen

Von Thomas Klingenmaier 

Der profilierte Gabor Steingart verlässt das „Handelsblatt“. Foto: dpa
Der profilierte Gabor Steingart verlässt das „Handelsblatt“. Foto: dpa

Der Herausgeber Gabor Steingart hat das „Handelsblatt“ gründlich modernisiert. Nun räumt der kantige Schnelldenker seinen Posten, im Streit über Zahlen und Stil.

Stuttgart - Der frühe Vogel fängt den Klick, dieser Gedanke scheint bei Gabor Steingart, bis zum Wochenende Herausgeber der Wirtschaftszeitung „Handelsblatt“, als Turboladerdosis Koffein gewirkt zu haben. Wenn viele seiner Kollegen noch schliefen, jagte er schon ein „Morning Briefing“ durch die digitalen Kanäle. Selbst gerade mal wach, konnte man lesen, wie einer schon den Tag geordnet hatte, Themen setzte, aufgriff, kommentierte, dabei die Märkte der Welt genauso im Blick zu haben schien wie die Berliner Politik.

Wer sich so in den Tag scheuchen ließ, lautete das Kalkül, würde tagsüber immer wieder für Informationen zu dieser digitalen Marke zurückkehren, zur Online-Ausgabe des „Handelsblatts“, und auch die gedruckte Ausgabe wieder ernst nehmen, nicht als Relikt vordigitaler Zeiten, sondern als nachhaltige Variante einer Informationsmaschine im Blitz-Info-Tempo elektronischer Börsen. Gabor Steingart galt vielen Kollegen und Lesern als Prototyp des Journalisten eines neuen Zeitalters.

Ende einer Partnerschaft

Als am Freitag vergangener Woche kein Morning Briefing von Steingart erschien, war auch Optimisten klar, dass an den Gerüchten und Meldungen über heftige Verwerfungen hinter den Kulissen viel dran sein musste. Nachmittags gab es dann Klarheit durch eine Mitteilung der in Stuttgart ansässigen Dieter von Holtzbrinck Medien GmbH, zu der das „Handelsblatt“ gehört: Nach sieben Jahren äußerst erfolgreicher und freundschaftlicher Zusammenarbeit habe man sich auf eine Beendigung der beruflichen Partnerschaft verständigt.

Durchgesickert war vorab große Unzufriedenheit Dieter von Holtzbrincks mit einem Kommentar Steingarts zu Martin Schulz. Dem unterstellte Steingart, er meuchle den Parteifreund Gabriel: „Die Tränen der Schlussszene sind dabei die größte Herausforderung für jeden Schauspieler und so auch für Schulz, der nichts Geringeres plant als den perfekten Mord.“ Um diese einzelne Schärfe aber konnte es nicht gehen. Steingart, dem Freund wie Feind schnelles Erfassen, rasches Weiterdenken und promptes Formulieren bescheinigen, pflegt lange schon eine harte Gangart, und Holtzbrinck gilt als toleranter Machtmensch im Verlagsgeschäft, der sich kaum in die Redaktionsarbeit mischt.

Die Zahlen lassen zu wünschen übrig

Die Erklärung aus seinem Hause zum Sturz Steingarts nennt denn zwar eine „im Einzelfall unterschiedliche Beurteilung journalistischer Standards“. Sie weist aber auch auf ein anderes Problem hin: „Differenzen in wesentlichen gesellschaftsrechtlichen Fragen“. Im Klartext heißt das wohl: Gabor Steingart hat mit seinem Auftreten, seinen Texten, Strukturentscheidungen und Strategien zwar für viel Profil und Resonanz in Profimedien und sozialen Netzwerken gesorgt. Aber noch immer lassen die Zahlen zu wünschen übrig.

Beide Seiten mühen sich, den Schock zu dämpfen. Die Holtzbrinck Medien GmbH lobt: „Das Multitalent Gabor Steingart hat in wenigen Jahren zunächst das ,Handelsblatt‘, danach die gesamte ,Handelsblatt‘-Gruppe auf großartige Weise weiterentwickelt und erneuert, was höchsten Respekt und größten Dank verdient. Dabei hat sich der preisgekrönte und breit gebildete Publizist als äußerst kreativer und dynamischer Unternehmensstratege gezeigt, als mutiger und charismatischer Führer.“

Ein Gefühl von Entzauberung

Steingart lässt sich ebenso sacht zitieren: „Dieter von Holtzbrinck ist ein wunderbarer Mensch und erfahrener Verleger, dessen Geduld ich über so viele Jahre nicht nur strapaziert, sondern oft genug auch überstrapaziert habe . . . Unsere Freundschaft und meine Wertschätzung ihm gegenüber bestehen unvermindert fort.“

Das alles kann ein Gefühl von Entzauberung nicht vertreiben. Entweder kann auch der größte Dynamiker Image, Tempo digitale Präsenz nicht in hinreichenden Umsatz umwandeln. Oder ein solcher Frühaufsteher und Antreiber ist nicht teamfähig genug, in komplexen Strukturen als Retter zu funktionieren. Immerhin: Man wolle den von Steingart eingeschlagenen Weg nicht verlassen, heißt es bei Holtzbrinck. Und Steingart will seinen 700 000 Abonnenten nun weiterhin sein Morning Briefing liefern, vorerst als Einzelkämpfer.

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