Normalerweise sorgt die Ultra-Gruppe Schwabensturm in Fußballstadien für Halligalli. Nun, wo es keine Spiele gibt, nutzt sie ihre große Energie anderweitig. Foto: Baumann

Die VfB-Ultras gelten gemeinhin als fußballverrückte Krawallmacher. Doch während der Corona-Krise zeigen sie sich von einer anderen Seite: Sie kaufen ehrenamtlich für Senioren ein. Wir haben sie begleitet.

Stuttgart - Mercedes-Benz Arena Stuttgart, VfB gegen Arminia Bielefeld. Das Stadion ist fast ausverkauft. Cannstatter Kurve , Trommelschläge. Bumm, bumm, bumm. Clemens Knödler steht mit einem Megafon vor einer tobenden Menge. Er stimmt die Stadiongesänge an. Der ganze Fanblock grölt mit.

 

Das war vor sechs Wochen. Wenige Tage nach Abpfiff übernahm Sars-CoV-2 die Kontrolle über die Stadien. Alle Großveranstaltungen wurden wegen des Coronavirus abgesagt – auch die Spiele des Zweitligisten VfB.

Der VfB ist die große Leidenschaft der Ultra-Gruppe Schwabensturm. Unzählige Stunden investieren die eingeschworenen Fans, um Fahrten zu Auswärtsspielen zu organisieren, Stadionchoreografien, sogenannte Tribünenbilder, zu planen, Fahnen zu bemalen oder Flyer zu gestalten. Manche Ultras verbringen mit anderen Ultras mehr Zeit als mit ihrem Partner. Was bleibt ihnen, wenn ein wichtiger Teil des Lebens einfach wegfällt?

Zum Beispiel der Einkaufszettel von Frau Bayer: sechs bis sieben Scheiben Bauernbrot, festkochende Kartoffeln, Kassler (leicht mit Fett durchzogen), Linsen, rote Äpfel, Zitronenkonzentrat (in einer gelben Plastikzitrone), Blutwurst, Dosenchampignons, Klopapier.

Im Opel zu Lidl

Ursula Bayer aus Zuffenhausen hat die Nummer der Nachbarschaftshilfe der Schwabensturm-Ultras für kranke und alte Menschen gewählt. Die 73-Jährige gibt ihre Einkaufswünsche am Telefon durch, der Ultra Johannes Efinger notiert sie sich fein säuberlich. Dann steigt er in seinen roten Opel Corsa und fährt zu einem Discounter. Auf dem Parkplatz trifft er sich mit Clemens Knödler.

In der Heckscheibe des Corsa kleben zwei Flugblätter. „Gemeinsam helfen 0711“ steht auf dem einen, der andere zeigt einem Korb mit Wurst, Saft und Baguette: „Einkaufshilfe Coronavirus. Für ältere Mitmenschen und Betroffene.“ Clemens Knödler und Johannes Efinger haben die Einkaufshilfe mit anderen Schwabenstürmern auf die Beine gestellt. Mit dem gefalteten Einkaufszettel in der Hosentasche geht Efinger zum Supermarkt, zwei Meter hinter ihm folgt Knödler. Am Eingang steht ein Security-Mitarbeiter und desinfiziert den Griff ihres Einkaufswagens.

Johannes Efinger, 28, ist ein Anführer der Schwabensturm-Ultra-Gruppe. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Sozialpädagoge, auf dem Rücken trägt er einen Jutebeutel mit der Aufschrift „Zeltlager St. Georg Stuttgart“. Clemens Knödler, 33, agiert im Stadion als Vorsänger. Seine breiten Schultern, die in einer schwarzen Jacke mit „Ultra“-Schriftzug auf der Brust stecken, wirken respekteinflößend. Sein Beruf und sein Gesicht müssten in einer Tageszeitung nicht auftauchen, meint Knödler. Schließlich ginge es in der Reportage ja nicht um seine Person, sondern um die Hilfsaktion, die er mitorganisiert hat.

Viel zu viele Menschen auf viel zu engem Raum: In den Gängen des Discounters führen die Kunden und Mitarbeiter jenes merkwürdige Corona-Ballett auf, das man in diesen Tagen so oft sieht: Sie schauen sich nicht an, weichen einander aus, versuchen, so viel Abstand wie möglich zu den anderen zu halten, aber das ist schwer. Die empfohlenen zwei Meter hält fast keiner ein. Manche tragen Atemschutzmaske und Gummihandschuhe.

Mittlerweile gibt es 280 Helfer

Efinger legt die Dosenchampignons neben das Bauernbrot in den Einkaufswagen und streicht einen Punkt von seiner Liste. Knödler sucht derweil die Regale nach Linsen und Blutwurst ab. Zuerst bot die VfB-Ultra-Gruppe die Einkaufshilfe nur in Stuttgart und im Rems-Murr-Kreis an. Inzwischen übernehmen 280 Leute die Einkaufsdienste in der gesamten Region: Hinzugekommen sind der Landkreis Esslingen, der Kreis Ludwigsburg plus die nördlich angrenzenden Gemeinden im Schozachtal sowie das Stadtgebiet Böblingen/Sindelfingen. Für jeden Kreis gibt es eine Whatsapp-Gruppe. Kommt ein Auftrag rein, erledigt ihn derjenige, der gerade Zeit hat.

Viele der ehrenamtlichen Helfer sind Ultras aus der Cannstatter Kurve – aber längst nicht mehr alle. „Es hat mich überrascht, wie viele Menschen sich uns angeschlossen haben, die nichts mit Fußball zu tun haben“, sagt Clemens Knödler. „Normalerweise gehen die Leute eher auf Abstand, wenn sie das Wort Ultra hören.“ Grölende Fans, die von der Polizei zum Stadion begleitet werden, manche betrunken, manche vermummt, viele ganz in Schwarz gekleidet. Aggressive Sprechchöre, geballte Fäuste, Pyrotechnik. Auf viele Bürger wirkt dieses martialische Auftreten beängstigend. „Ganz klar, wir sind keine Engel und nicht die Caritas“, sagt Clemens Knödler. „Wir sind Ultras und wissen um unsere Ecken und Kanten.“

Im Frühjahr herrschte dicke Luft in den Stadien. Deutschlandweit protestierten Ultras gegen die Deutsche Fußball-Liga (DFL), den Deutschen Fußball-Bund (DFB) und den zunehmenden Kommerz im Fußball. Dietmar Hopp, der als Investor den Aufstieg der TSG Hoffenheim vom Dorfverein in die Bundesliga ermöglicht hatte, wurde zum Feindbild auserkoren. „Das Stadion ist und wird ein Ort bleiben, an dem sich Menschen artikulieren und Kritik äußern, vielleicht auch auf eine Art und Weise, die gemeinhin als nicht gesellschaftsfähig gilt“, sagt Clemens Knödler und meint damit wohl Plakate mit beleidigenden Worten wie „Hurensohn“. Man müsse wohl selbst ein Ultra sein, um die Fankultur der Ultras zu begreifen, sagt Knödler, und dass er und seine VfB-Freunde sich oft missverstanden fühlen. Deswegen würden sie sich meistens von der breiten Öffentlichkeit abschirmen.

Wie Vorurteile verschwinden

Durch die „Gemeinsam helfen“-Aktion hat sich das schlagartig geändert. In Einkaufswagen und an Schwarzen Brettern in Supermärkten finden sich seit mehreren Wochen die selbstgestalteten Flyer der VfB-Ultras. Neben dem Angebot, Einkäufe zu erledigen, sammeln sie Spenden. Zuletzt überreichten sie Schecks an die Schwäbische Tafel, die Evangelische Gesellschaft und das Café 72, eine Tagesstätte für wohnungslose Menschen. „Wir Ultras sind Lokalpatrioten – wir fühlen uns der Region und den Menschen verbunden und wollen Verantwortung übernehmen“, sagt Knödler. Dabei sei es egal, ob ein VfB-Fan Hilfe brauche oder die Anhänger des Erzrivalen Karlsruher SC. „Ist ja ein Ausnahmezustand“, sagt Efinger und lacht.

Auf der Webseite der Schwabenstürmer – www.blog.schwabensturm02.net – sind die Kontaktdaten zu finden. Wer Hilfe braucht, ruft einfach an, gibt seine Einkaufsliste durch, und die Helfer besorgen die Lebensmittel, stellen die Tüte samt Kassenbon vor der Tür ab, klingeln und bekommen das vorgestreckte Geld zurück. Der Service selbst ist natürlich vollkommen kostenfrei.

Johannes Efinger legt die Lebensmittel aufs Warenband und packt sie nach und nach in eine Papiertüte. Macht 19,60 Euro. Auf dem Parkplatz holt Efinger sein Handy aus der Jackentasche und ruft Ursula Bayer an. „Ich bin jetzt mit dem Einkauf fertig“, sagt er, „nicht wundern, wenn es gleich bimmelt.“ Die Seniorin wohnt nur wenige hundert Meter vom Supermarkt entfernt, der Weg lässt sich leicht zu Fuß zurücklegen. Nach fünf Minuten sind Efinger und Knödler am Ziel. Ursula Bayer öffnet die Haustüre, mustert die beiden Männer von oben bis unten, dann sagt sie: „Sie sind jetzt also diese Ultras? Die hatte ich ja immer als ganz radikal im Kopf.“ Efinger lacht: „Das kommt darauf an, wie Sie radikal definieren.“ Er schiebt die Lebensmitteltüte ins Treppenhaus. „Klopapier gab es leider keines mehr. Ich kann morgen noch mal schauen, wenn Sie möchten. So lange habe ich Ihnen drei Rollen von mir zuhause mitgebracht.“ Ursula Bayer ist sichtlich gerührt von so viel Fürsorge. Überschwänglich bedankt sich die 73-Jährige.

Zurück zu den Wurzeln

Auf dem Weg zu seinem Opel Corsa erzählt Efinger, dass er durch die Corona-Pandemie zur Ruhe komme. Plötzlich habe er Zeit, Dinge zu tun, die er schon lange nicht mehr getan hat. Zum Beispiel Akkordeon spielen. Empfinden die VfB-Ultras, die normalerweise sehr viel Energie in die Unterstützung ihres Teams stecken, die spielfreie Zeit am Ende als gar nicht so schlimm? „Jeder, der schon mal Stadionverbot hatte, weiß, dass die Welt ohne Fußball nicht gleich untergeht“, sagt Clemens Knödler. „Es gibt jetzt einfach wichtigere Dinge. Auch für uns.“

Efinger und Knödler hoffen, dass der Fußball durch die Corona-Krise wieder zu seinen Wurzeln zurückfindet: weniger Kommerz, dafür rote Halbzeitwürste, sportliche Tradition und echter Vereinsgeist. Die Profigehälter seien völlig überzogen, meinen sie. Der Fußball werde vom Geld regiert, Spieler kommen und gehen, keiner von ihnen suche noch den persönlichen Kontakt zu den Ultras.

In einem der Lieder, die Johannes Efinger und Clemens Knödler im Stadion singen, heißt es; „Wenn die ganze Kurve tobt, schlägt mein Herz in Weiß und Rot. Ich lass’ dich niemals allein, du bist ewig mein Verein. Wir werden niemals untergeh’n, solange uns’re Fahnen wehn!“ Wann Efinger und Knödler wieder die weiß-roten Fahnen im Stadion schwenken können, weiß niemand. Frühestens am 9. Mai werden die Profis wieder den Rasen betreten – und dann, wenn überhaupt, vor leeren Rängen, in sogenannten Geisterspielen. Veranstaltungen mit großem Publikum wird es bis mindestens zum 31. August nicht geben. Bis dahin bleibt also noch viel Zeit, anderen Menschen zu helfen.