An der Sporthochschule Köln bildet Daniel Memmert die treibenden Kräfte des modernen Fußballs aus: Datenanalysten. Ein Gespräch über Big Data, die Magie des Zufalls und die Taktik von morgen.
Köln - Pures Gold für Analysten und Taktiker: An einem Spieltag in den ersten beiden Ligen des deutschen Fußballs werden rund 65 Millionen Daten erhoben – diese auszuwerten, einzuordnen und in zählbare Erkenntnisse zu verwandeln, ist die Zukunft des Fußballs. An der Deutschen Sporthochschule in Köln bildet der Wissenschaftler Daniel Memmert (49) die Datenanalysten aus, die das Spiel rasant weiterentwickeln. Wir haben mit dem Sportwissenschaftler über Big Data, kleine Feinheiten und die Schnelllebigkeit des Spiels gesprochen.
Herr Memmert, können Sie eigentlich noch „normal“ Fußball schauen?
Natürlich habe ich immer ein bisschen die taktische Brille auf, und es gibt eben taktische Muster, die mich richtig anspringen. Aber darauf, nun zum Beispiel bei der Europameisterschaft, im Freundeskreis, emotional Spiele anzuschauen, habe ich mich lange gefreut.
Wie gefällt Ihnen der Fußball bei der Euro bisher?
Mich hat auch ein wenig das EM-Fieber gepackt, obwohl ich nicht so viele Spiele schauen kann, wie ich mir wünschen würde. Natürlich ist es auch sehr schön, wieder Zuschauer in den Stadien zu sehen, dies hat schon gefehlt. Ich wünsche mir, dass unsere Mannschaft uns noch viel Freude machen wird.
Der Zufallsanteil des Spielausgangs liegt, laut Ihnen, bei rund 46 Prozent. Helfen Big Data und Spielanalyse, den Zufallsfaktor zu verkleinern, oder dienen sie der Optimierung der restlichen 54 Prozent?
Das weiß man nicht so genau. Tatsächlich glaube ich, dass die Spielanalyse dazu beiträgt, dass die Mannschaften immer besser vorbereitet ins Spiel gehen. Die Matchpläne werden detaillierter, das sieht man auch daran, dass Mannschaften zur Vorbereitung nicht nur wie früher zwei Spiele auswerten, sondern auf die Daten von vier bis fünf Spielen zugreifen. Zum anderen hilft auch die Dokumentation aus dem Training. Das alles hat Einfluss darauf, wie strukturiert man ein Spiel angeht. Auf welche der Prozentzahlen das einwirkt, ist aber schwer zu sagen.
Lässt sich der Zufall überhaupt berechnen?
Man kann sich dem Zufall annähern. Wir haben kürzlich eine Studie in der britischen Premier League durchgeführt und dabei alle Tore aus den Spielzeiten 2012/13 bis 2018/19 auf ihren Zufallseinfluss ausgewertet – 7273 Tore. Spannend ist das, weil man normalerweise ja Erfolgsfaktoren untersucht, es sich beim Zufall aber gerade andersrum verhält: abgefälschte Schüsse, der Ball springt vom Pfosten oder Abwehrspieler zum einschussbereiten Stürmer der gegnerischen Mannschaft – solche Fälle haben wir untersucht. Dabei kam heraus: Ungefähr jedes zweite Tor besaß einen Zufallseinfluss. Bei schwächeren Mannschaften oder einem Spielstand, der unentschieden steht, war der Zufallsanteil übrigens stärker ausgeprägt.
Woran liegt das?
Das wissen wir nicht. Was wir durch die Studie aber sagen können: Der Zufallsanteil hat mittlerweile abgenommen und lag im vergangenen Jahr bei grob 44 Prozent.
Verändert die Datenanalyse das Spiel?
Natürlich. Die Spielanalysten, die wir an der Deutschen Sporthochschule Köln ausbilden, werden immer besser ausgebildet, und dadurch entwickelt sich auch das Spiel weiter. Die Analysten werden immer schneller darin, gewisse Muster und Spielweisen aus einem Spiel herauszulesen – „entlarven“ will ich nicht sagen, aber zumindest werden die Details offengelegt. Somit müssen Mannschaften ihr Konzept und Spiel öfter ändern und weiterentwickeln.
Wenn ein Trainer oder Spieler einen guten Trick hat, dann fliegt der durch die Spielanalyse früher auf?
Das ist richtig. Um’s mal platt zu formulieren: Wenn jemand, wie zum Beispiel die Leipziger oder Salzburger Schule, viel presst, dann kommt man dem mit langen Bällen über die Pressinglinien hinweg entgegen. Deswegen musste sich deren Spielweise wieder in Richtung Ballbesitz weiterentwickeln. Die Kritiker sagen, Trainer Julian Nagelsmann hätte in Leipzig die DNA des Vereins verlassen, weil er das Pressing nicht mehr forciert hat. Aber andererseits: Er konnte gar nicht anders, denn andere Vereine hatten sich immer mehr auf diese Spielweise eingestellt.
Liegt das Erfolgsgeheimnis in den Daten oder eher in der richtigen Interpretation der Daten? Man kann Daten ja unterschiedlich lesen.
So viel man heute anhand von Daten weiß, desto weniger weiß man, in welcher Art man diese Informationen interpretieren und an das Trainerteam weitergeben muss. Da gibt es so gut wie keine empirischen Evidenzen darüber, was richtig wäre. Ein Spiel kann von zwei verschiedenen Menschen komplett unterschiedlich wahrgenommen werden. Es gibt kein Richtig und Falsch, es können auch beide falsch- oder beide eben auch richtigliegen. Daran arbeiten wir gerade. Wir versuchen, empirisch zu klären, was man genau unter einer guten Spielanalyse versteht. Die Frage ist doch: Was passiert, wenn ich zehn Analysten ein Spiel anvertraue? Sind die in ihrer Einschätzung ähnlich oder total verschieden?
Also braucht jede Mannschaft zehn, zwölf Analysten, und man guckt, was dabei herauskommt?
(lacht) Das würde ich alleine aus Platzgründen in den Büros eher nicht vorschlagen. Viel wichtiger ist, dass Trainer und Analyst eine gemeinsame Spielidee verfolgen. Wen nimmt Nagelsmann von Leipzig mit nach München? Wen nimmt Tuchel von Paris nach England mit? Einen Spielanalysten. Der Spielanalyst ist mittlerweile eine Kernfigur im Profifußball und wird im Paket mit einem Trainer gehandelt.
Gibt es einen bestimmten Punkt, an dem sich diese Entwicklung festmachen lässt?
Das war in Leverkusen, in der Saison 2014/2015. Der Videoanalyst Lars Kornetka wurde unter Roger Schmidt in den Status des Co-Trainers gehoben – mittlerweile ist das in vielen Vereinen Usus. Es bedeutet nicht nur, dass der Analyst jetzt viel mehr Geld verdient. Durch die Position als Co-Trainer werden ihm auch eine ganz andere Wertigkeit und ein Zugriff aufs Team zuteil.
Wie sehr hat die Analyse den Sport verändert?
Analysen schaffen ein differenziertes Bild über Prozesse bei der Bewertung von Leistungen im Sport. Somit entwickeln sie den Sport natürlich weiter. Oder andersrum gesagt: Sie tragen maßgeblich dazu bei, dass der Sport sich weiterentwickelt.
War Fußball früher doof?
Nein, das ist mir zu populistisch. Wir dürfen nicht immer miteinander vergleichen. Wir stehen im Heute, nutzen fundierte wissenschaftliche Evidenzen und bauen die ins Spiel ein.
An was forschen Sie eigentlich zurzeit?
Wir versuchen, Spiele zu analysieren, um eine Idee zu generieren, die zu Taktiken führt, die in einem halben Jahr wichtig sein könnten. Im Moment simulieren wir Spiele, Daten und Prozesse, beispielsweise Pressing oder Ballkontrolle. Wir versuchen, daraus Ideen zu gewinnen, wie die beiden interagieren – und letztendlich zu mehr Torabschlüssen führen. Das ist ein klassischer Informatikansatz – durch Simulationen neue Prozesse und Interaktionen aufzudecken.
Sie arbeiten an der Taktik der nächsten Jahre?
Ja, genau. Na ja, beziehungsweise eher an der Taktik des nächsten Jahres.