Die Falkenjagd erfreut sich in Katar großer Beliebtheit. Der Stolz der Raubvögel spiegelt sich auch im Auftreten der Monarchie am Golf. Foto: Imago/Sylvie Van Roey

Katar gewinnt mit strategischen Investitionen mächtige Verbündete – auch in Deutschland. Die Fußball-WM soll diese Stellung jetzt ausbauen. Liegt darin auch die Chance für eine neue Politik im Nahen Osten?

Es gibt kein anderes Thema, dass die Sportgemeinschaft zuletzt so aufgebracht hat wie der ökonomische Einfluss Katars in Europa. Diese Ablehnung dürfte mit zunehmender Aufmerksamkeit steigen. Am 20. November beginnt am Persischen Golf die Fußball-Weltmeisterschaft. Seit Monaten organisieren Fangruppen Protestveranstaltungen und planen Alternativturniere während der WM. Bei Bundesligaspielen präsentieren sie Banner mit dem Schriftzug „Boycott Qatar“. Es läuft auf einen Dualismus hinaus: Hier das gute demokratische Deutschland, dort das böse autokratische Katar.

 

Doch die Wahrheit ist komplizierter. Nicht nur der europäische Fußball steht in Abhängigkeit zum wohlhabenden Katar, sondern auch Politik und Wirtschaft. Das wurde spätestens beim Besuch von Bundeskanzler Olaf Scholz Ende September in Doha deutlich, als er um Lieferungen von Flüssiggas warb. Entlang dieser Annäherung lassen sich zentrale Fragen diskutieren: Wie können deutsche Organisationen für Menschenrechte eintreten, ohne auf ökonomische Partnerschaften zu verzichten? Wie kann sich die emotionale Fußballindustrie auf die Realpolitik innerhalb einer globalisierten Wirtschaft einlassen?

Katar investiert seine Milliarden in aller Welt

Mehr als zwei Milliarden Euro dürfte Katar in europäische Fußballclubs investiert haben. Gemessen an den Gesamtinvestitionen des Emirats eine überschaubare Summe. Die Qatar Investment Authority, einer der größten Staatsfonds der Welt, soll in Dutzenden Ländern mehr als 350 Milliarden Euro angelegt haben. Katar hält Anteile an Kapitalmärkten wie der Londoner Börse und an Banken wie Barclays und Credit Suisse.

Katar legt sein Geld in zukunftsfähigen Branchen langfristig an und kalkuliert das gelegentliche Scheitern mit ein. Seit der Entdeckung eines der weltweit größten bekannten Erdgasfelder vor der katarischen Küste Anfang der siebziger Jahre hat sich Doha zu einem wichtigen Gasexporteur entwickelt. Das Land verfügt über 12,5 Prozent der weltweit bekannten Gasreserven. Fast sechzig Prozent der Staatseinnahmen stammen aus diesem Sektor. Doch die Zeit fossiler Rohstoffe geht mittelfristig zu Ende. Katar muss neue Wirtschaftszweige entwickeln. Dienstleistungen, Technologien, Tourismus.

Hard Power – aber auch Soft Power

Am Persischen Golf liegt Katar auf einer kleinen Halbinsel, umgeben von den Regionalmächten Saudi-Arabien und Iran, die in Feindschaft verbunden sind. Doha ist seinen Nachbarn militärisch klar unterlegen. Viele Katarer haben die Sorge, dass ihnen etwas Ähnliches widerfährt wie Kuwait, das 1990 vom Irak unter Saddam Hussein überfallen wurde. Seither knüpft Katar fein verstrickte Sicherheitsnetzwerke. Zum einen bindet man sich an den Westen. Seit 2003 beherbergt das Land eine der größten US-Militärbasen im Nahen und Mittleren Osten. Zudem setzt Doha auf Soft Power, auf milliardenschwere Investitionen in Mobilität, Medien, Wissenschaft und Sport. Prominente Beispiele: die staatliche Fluglinie Qatar Airways oder der Nachrichtensender Al-Jazeera. Überdies die Education City, ein Campus mit Außenstellen westlicher Universitäten, und die Übernahme des Fußballclubs Paris Saint-Germain.

Diese Investments halten Katar international im Gespräch und drängen andere Themen in den Hintergrund. Die Erbmonarchie duldet keine freien Wahlen. Gewerkschaftliche Strukturen unterliegen strengen Kontrollen. Homosexuelle müssen mit Inhaftierung rechnen, und Frauen benötigen häufig die Erlaubnis eines männlichen Vormunds. Reporter ohne Grenzen führt das Land in der Rangliste der Pressefreiheit von 180 bewerteten Staaten auf Platz 119.

Das Emirat Katar ist ein Familienbetrieb

Von den rund 2,6 Millionen Einwohnern haben lediglich 300 000 einen katarischen Pass. Staat, Wirtschaft und Kultur sind verflochten. Die Schaltstellen werden von der Dynastie al-Thani dominiert, zum erweiterten Familienkreis gehören wohl mehr als 20 000 Menschen. Ihr Pro-Kopf-Einkommen zählt zu den höchsten weltweit. Um diesen Wohlstand nicht zu gefährden, hat Katar früh auf die Kritik aus dem Westen reagiert. Man gibt Milliarden für das eigene Image aus, für PR-Agenturen, Lobbyisten und lässt eine gewisse staatliche Flexibilität erkennen. So ist Doha seit Langem für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich, gründete aber 2002 ein Nationales Komitee für Menschenrechte. Katar verzeichnet pro Kopf mit die höchste Emissionen der Welt, veranstaltete aber 2012 die UN-Klimakonferenz in Doha. Das Regime unterbindet Streiks, trat aber 2018 dem Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte der Vereinten Nationen bei.

Diplomaten betrachten Katar als seriösen Vermittler

Dieses System der Zweideutigkeiten hat Katar zu einem Machtzentrum im Nahen Osten heranwachsen lassen. Mit diesem Selbstvertrauen mischte sich Doha in regionale Konflikte ein, förderte während der arabischen Aufstände ab 2011 die Rebellen in Ägypten, Syrien und Libyen. 2012 ließ sich der damalige Emir als erster Staatschef im Gazastreifen von der Hamas empfangen, einer Organisation, die in vielen westlichen Staaten als terroristische Vereinigung eingestuft wird. Darüber hinaus hält Katar Verbindungen zur Muslimbruderschaft und gestattete den Taliban 2013 in Doha die Öffnung ihres ersten „diplomatischen Büros“ außerhalb Afghanistans.

In Deutschland werden diese Beziehungen mitunter als „Förderung von Terrorismus“ zusammengefasst. Was selten erwähnt wird: Die Fachleute im Auswärtigen Amt oder im State Department betrachten Katar in der Regel als verlässlichen Vermittler, der von eigenen Interessen geleitet wird, aber weniger von Ideologie. Auch auf Drängen Washingtons wurde der Rückzug der US-Truppen aus Afghanistan bis Februar 2020 vor allem in Doha verhandelt.

Andere Monarchien am Golf blicken misstrauisch auf den Aufstieg Katars. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate stimmten sich zuletzt in ihrer Politik gegen Katar ab. 2017 dann eine neue Eskalationsstufe: Eine Allianz unter Führung Saudi-Arabiens verhängte eine wirtschaftliche Blockade über Katar und kappte die diplomatischen Beziehungen mit Doha. Allerdings gelang es dem Emir Tamim bin Hamad al-Thani, die Blockade zu umgehen.

Am Sponsoring Katars entzündet sich heftige Kritik

Auch die Bundesregierung hat ein Interesse an der Stabilität Katars. 2018, während der Blockade, empfing Bundeskanzlerin Angela Merkel den Emir zu einem Wirtschaftsgipfel in Berlin. Katar gehört zu den größten Auslandsinvestoren in Deutschland, mit einem Volumen von mehr als zwanzig Milliarden Euro. Über seinen Staatsfond hält Doha Anteile an Volkswagen, an der Deutschen Bank oder an der Großreederei Hapag-Lloyd. Zudem waren deutsche Konzerne an Infrastrukturprojekten in Katar beteiligt: die Deutsche Bahn und Siemens beim Aufbau des Nahverkehrs, SAP bei der Digitalisierung. Vor der Pandemie war Deutschland für Katar der drittwichtigste Handelspartner, die Exporte nach Doha erreichten einen Wert von 1,5 Milliarden Euro.

Mit der Fußball-Weltmeisterschaft als Werbeplattform wollte Katar die nächste Entwicklungsstufe ebnen. Doch lange schien der Plan in Europa nicht aufzugehen. Im Rahmen des Sponsorings beim FC Bayern entzündete sich immer wieder hitzige Kritik an den menschenunwürdigen Bedingungen für die Gastarbeiter in Katar. Konservative Strömungen in Katar fühlen sich neokolonial gemaßregelt. Einige von ihnen lehnen die Weltmeisterschaft inzwischen ab, denn die Aufregung gefährdet ein hohes Gut: die nötige Diskretion für die globalen Geschäfte.

Katar und Deutschland könnten zusammenarbeiten

Bis zum WM-Finale am 18. Dezember dürften Menschenrechte in Katar ein Dauerthema bleiben. Doch aus der Politik ist die Kritik nicht mehr allzu laut. Von den Gasimporten in die EU kamen im Jahr 2020 rund vierzig Prozent aus Russland und nur vier Prozent aus Katar. Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine will die Bundesregierung das grundlegend ändern. Im Mai empfingen Bundespräsident und Bundeskanzler den Emir in Berlin. Ende September machte Olaf Scholz auf seiner Reise an den Golf mit einer Wirtschaftsdelegation auch in Doha Station. Katarische Diplomaten können ihre Genugtuung kaum verbergen, dass die größte Volkswirtschaft Europas bald auf das kleine Katar angewiesen sein könnte.

Auch Anhänger der sogenannten wertegeleiteten Außenpolitik dürften inzwischen einsehen, dass für den heimischen Wohlstand mitunter die Zusammenarbeit mit autokratischen Regimen notwendig ist. Doch die stolzen Katarer wollen sich nicht auf Gaslieferungen in der Krise reduzieren lassen. Es gibt Themen, bei denen Deutschland und Katar zusammenarbeiten könnten. Zum Beispiel im Abfallmanagement, in der Wasseraufbereitung oder bei der Gewinnung erneuerbarer Energien, einem Bereich, in dem Katar kaum Fortschritte erzielt. Auch der Medizinsektor wäre ein Feld: 17 Prozent der erwachsenen Katarer leben mit Diabetes, siebzig Prozent mit Übergewicht. Für die Entlastung des Gesundheitssystems möchte die katarische Regierung den Breitensport mit Fitnessstudios und Radwegen ausbauen. Eine Orientierung könnte das deutsche Vereinswesen darstellen.

Mittlerweile lässt Katar auch internationale Organisationen und Gewerkschaften für Inspektionen ins Land. Neue Gesetze sehen vor, dass die Wanderarbeiter, die vor allem aus Südasien stammen, einen höheren Mindestlohn erhalten, ihre Anstellung schneller wechseln und ausbleibende Gehälter einklagen können. Doch die Umsetzung verläuft schleppend. Tausende Arbeiter berichten weiterhin von Lohnraub und wohnen in engen Unterkünften. Aus Angst vor der Ausweisung wagt es kaum jemand, gegen regierungsnahe Unternehmer vorzugehen.

Es geht auch um die globale Arbeitsmigration

Mit dem Entwicklungsministerium, mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und den Auslandsbüros der parteinahen Stiftungen gehört Deutschland zu den Taktgebern der globalen Entwicklungshilfe. Dieses Netzwerk müsste seinen Fokus auf die Golfregion und auf die Herkunftsländer der Arbeiter ausweiten. In Nepal etwa sind fast sechzig Prozent der Haushalte von Arbeitsmigration abhängig. Überweisungen aus dem Ausland machen hier ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts aus.

Aufklärungsprojekte rundum die Fußball-WM sollten nicht nur Katar, sondern die globale Migration und die gesamten Lieferketten der Sportindustrie in den Blick nehmen. Derzeit läuft die Maschinerie der Sportartikelhersteller auf Hochtouren. Adidas produziert pro Jahr eine halbe Milliarde Kleidungsstücke und setzt dabei auf rund 520 Zulieferbetriebe in fünfzig Ländern, vor allem in Südostasien. Millionen Euro fließen in Werbespots, Online-Kampagnen und an Stars wie den argentinischen Spieler Lionel Messi. Von den Erlösen der Trikots, die meist einen Kaufpreis von neunzig Euro überschreiten, landet nur ein Prozent bei den Näherinnen in Bangladesch oder Pakistan. Fußballfans machen diese Ausbeutung selten zum Thema. Das sollte sich ändern.

Der Autor spricht am 8. November, 19 Uhr, im Stuttgarter Hospitalhof über die WM in Katar und die politischen Folgen.