Jubel nach dem Tor zum 1:0 gegen Algerien: André Schürrle Foto:  

Marco Reus ist schnell, kreativ und torgefährlich – aber wegen Verletzung nicht bei der WM. André Schürrle hat diese Qualitäten auch. Das kann gegen Frankreich den Unterschied ausmachen.

Santo André - Schelmisch blickt sie drein, die hübsche Blondine. Montana Yorke hält sich lächelnd den rechten Zeigefinger an den Mund, das deutsch-kanadische Model amüsiert sich prächtig. Es ist aber auch witzig, das Video, das sie auf ihrem Instagram-Account gepostet hat: Ihr Freund scheitert grandios an der Aufgabe, einen Krawattenknoten zu binden. Ihr Freund, das ist André Schürrle. Und wie der Mittelfeldspieler des FC Chelsea die Krawatte auch dreht und wendet – er bekommt den Knoten einfach nicht hin. Am Ende ist wieder Montana Yorke zu sehen, die sich vor Lachen nicht mehr einbekommt.

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Es gibt im Leben eines Mannes ja auch einfachere Dinge als Krawatten zu binden. Zum Beispiel, was viele Hobbykicker nicht glauben mögen, Tore mit der Hacke zu erzielen. Schürrle hat das im Achtelfinale beim 2:0 gegen Algerien getan, es war die befreiende 1:0-Führung und der Grundstein dafür, dass die Nationalmannschaft sich weiter auf Dienstreise und nicht schon zu Hause befindet – und es war nicht Schürrles erstes Hackentor. Sein Treffer vom Montag war fast eine Kopie seines Tors zum 1:0 im letzten WM-Testspiel gegen Armenien (6:1). Nur, dass statt Thomas Müller damals Lukas Podolski die Vorarbeit vom linken Flügel geleistet hatte. „Beide Treffer zählen zu meinen schönsten Toren, aber das mit der Hacke kann ich eben“, sagt der Angreifer des FC Chelsea.

In dieser einen Szene zeigen sich Schürrles Raffinesse und Unverbrauchtheit, sein Wagemut und sein Selbstvertrauen – kurz: sein ganzes Können. Diese Qualitäten vereint in der aktuellen Nationalmannschaft keiner so wie André Schürrle. Das macht ihn zum idealen Joker – als Einwechselspieler hat der gebürtige Pfälzer aus Ludwigshafen in 36 Länderspielen sechs seiner insgesamt 14 Tore erzielt. Dabei drängt sich immer mehr, verstärkt nach seiner göttlichen Eingebung gegen Algerien, der Eindruck auf: Als „Spezialkraft von der Bank“, wie Bundestrainer Joachim Löw seine Joker nennt, ist Schürrle schlicht verschenkt.

Mehr noch: Im Viertelfinalduell gegen Frankreich an diesem Freitag (18 Uhr/ARD) kann Schürrle den Unterschied ausmachen, gerade wegen der spielerischen Armut gegen Algerien. Eigentlich sollte bei der WM ja Marco Reus im linken Mittelfeld spielen. Dann hat sich der Dortmunder verletzt, weil er nicht nur top in Form war, sondern auch schnell, beweglich, kreativ und torgefährlich ist – was seine bisherigen Vertreter Mario Götze und Lukas Podolski nicht sind. Doch dann kommt dieser Schürrle daher, reißt eine lethargische Mannschaft aus ihrem Tiefschlaf und trifft nicht nur, sondern zaubert die Kugel ansatzlos mit einem frechen Absatzkick ins Tor. „André hat neue Impulse gebracht“, lobt Joachim Löw. Weil er jemand ist, „der schnell im Spiel ist, der dem Spiel Tiefe gibt“, wie Teammanager Oliver Bierhoff analysiert.

Nicht immer, aber immer öfter. Seit Andre Schürrle im vergangenen Sommer zum FC Chelsea gewechselt ist, hat er einen bedeutenden Schritt nach vorn gemacht. Er ist verstärkt zum Krafttraining gegangen und hat körperlich zugelegt, aber auch spielerisch und mental ist er gewachsen. Als er kam, hatte Trainer José Mourinho über Schürrle gesagt: „Er ist ein Kind.“ Ein Jahr später sagt er immerhin schon: „André ist noch im Lernprozess in England. Aber er bleibt cool und ist gut im Abschluss. Das erwarte ich von ihm.“ Was wohl heißen soll: Schürrle wird über kurz oder lang noch viel mehr können, er ist noch lange nicht am Ende seiner Entwicklung.

Der Nationalmannschaft tut er jetzt schon gut – doch was ist gut für ihn? Er gilt als der geborene Joker, doch das ist nur die halbe Wahrheit. In 24 seiner 36 Länderspiele kam er von der Bank, wertvoll kann er aber auch in der Startelf sein: Beim 5:3 im Oktober in Schweden erzielte er drei Treffer.

Bei der WM hat er sieben Minuten gegen Portugal gespielt, eine Minute gegen die USA und 75 Minuten gegen Algerien. „Dabei hat er gezeigt, dass er jederzeit auch von Anfang an spielen kann“, sagt Per Mertesacker. Dafür spricht auch das Leistungsprinzip, das Joachim Löw als entscheidendes Kriterium für seine Aufstellung anführt. „Ich bin heiß“, sagt Schürrle, „ich bin gut in Form, und natürlich fühle ich mich wohler, wenn ich von Anfang an spiele.

Womit das geklärt wäre. Bleibt nur eine Frage: Wer bindet Andre Schürrle eigentlich die Krawatte, wenn er mit der Nationalmannschaft unterwegs ist?

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