Anja Mittag (rechts) im WM-Spiel in Kanada gegen die Norwegerinnen. Foto: AP

Sie ist die auffälligste Spielerin im deutschen Kader: Und das liegt nicht nur an den vier Toren, die Anja Mittag bei der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen in Kanada geschossen hat. Auch sonst ist sie ein echter Hingucker.

Ottawa/Stuttgart - Anja Mittag ist nicht unbedingt die lauteste unter den deutschen Fußballerinnen – sie ist zurückhaltend und bescheiden, zumindest abseits des Spielfelds. Aber sie ist wohl eine der auffälligsten Spielerinnen im Team. Wegen ihres Drangs zum Tor. Und weil etliche Tattoos ihre Arme zieren, der linke ist fast ganz bedeckt. Die Motive, die sie sich stechen lässt, sind bewusst gewählt – zum Beispiel der Leuchtturm auf ihrem rechten Unterarm. „Lights will guide you home“ („Lichter werden dich nach Hause leiten“), steht darunter. Ihr Zwillingsbruder trägt dasselbe Motiv – es soll ein Symbol sein für Heimatverbundenheit.

Heimat, das ist für die 30-Jährige Chemnitz. Mit fünf Jahren beginnt sie hier mit dem Fußballspielen, angestiftet von ihrem älteren Bruder. Schon mit 17 verlässt sie ihre Geburtsstadt, um beim Bundesligisten 1. FFC Turbine Potsdam zu spielen. Fast zehn Jahre lang bleibt sie dort, 2004 bestreitet sie ihr erstes Länderspiel. Eine Erfolgsgeschichte beginnt. Mit der Nationalmannschaft gewinnt sie den Titel bei den Europameisterschaften 2005 und 2009 sowie Gold bei der WM 2007. Die Fußballkarriere läuft gut, jahrelang.

Irgendwann aber ist die Luft raus, Mittags Leistung stagniert: „Ich hatte die Lust am Fußball verloren und war ausgebrannt“, sagt sie über diese Phase. Der Tiefpunkt kommt 2011, kurz vor der Weltmeisterschaft in Deutschland. Nach knapp sieben Jahren und dutzenden Spielen fliegt sie wegen nachlassender Leistungen aus dem Kader der Nationalmannschaft, darf die WM im eigenen Land nicht spielen.

Ihre Rettung – so sagt sie es selbst – ist der Wechsel von Potsdam nach Schweden, zum LdB FC Malmö, später umbenannt in FC Rosengard. Zweimal wird sie mit dem neuen Verein Meister, außerdem Torschützenkönigin und Spielerin der Saison. Das bleibt auch Bundestrainerin Silvia Neid nicht verborgen: „Anja hat eine gute Entwicklung vollbracht. Sie ist sehr viel selbstbewusster und übernimmt Verantwortung“, sagt Neid damals. Bei der EM 2013 in Schweden steht Mittag wieder im Deutschlandtrikot auf dem Platz – und erzielt im Endspiel gegen Norwegen den Siegtreffer. Das Datum – 28.07.2013 – lässt sie sich auf die Innenseite ihres linken Arms tätowieren.

Nun also wieder Norwegen, und wieder ein Treffer. Bereits in der sechsten Spielminute bringt Mittag ihr Team im zweiten Vorrundenspiel in Führung. Die norwegische Torhüterin hält den Ball nach einem Distanzschuss von Dzsenifer Marozan nicht fest – Mittag schiebt den Ball aus kurzer Distanz ins Tor. Es ist ihr vierter Treffer bei der WM der Frauen in Kanada, doch gegen die Norwegerinnen reicht es am vergangenen Donnerstag trotzdem nur zum 1:1 (1:0).

Richtig zufrieden ist Mittag nicht: „Das Ergebnis ist nicht okay, das ist ärgerlich. Wir haben so viele Chancen in der ersten Halbzeit gehabt. Schade, dass wir uns nicht belohnen. Nach der Pause haben wir es nicht geschafft, so präsent zu sein wie in der ersten“, sagt sie. An diesem Montag trifft die deutsche Mannschaft nun auf Thailand (22 Uhr / ZDF und Eurosport), als klarer Favorit. „Das Spiel gegen Thailand ist noch nicht gewonnen, es ist noch alles offen: Wir wollen den Gruppensieg holen“, sagt die Stürmerin.

Nach der WM wird Mittag übrigens nach Paris wechseln, zum französischen Vizemeister Paris Saint-Germain. Vielleicht prangt dann ja ein neues Tattoo auf ihrem Körper – eines von der WM. Eine Geschichte kann sie davon schon jetzt erzählen.

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