Das Objekt der Begierde: der WM-Pokal Foto: dpa

Es kann nur einen Fußball-Weltmeister geben – da sind wir uns alle einig. Sonst liegen wir weit auseinander – sechs Sportredakteure unserer Zeitung, sechs Meinungen zur der Frage: Wer wird Weltmeister?

Stuttgart - Die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland beginnt. Vom Eröffnungsspiel an diesem Donnerstag bis zum Finale am 15. Juli in Moskau geht es letztlich vor allem um die Frage, wer den Titel gewinnt. Sechs Sportredakteure unserer Zeitung versuchen sie schon vorab zu beantworten: Sie benennen ihren Favoriten und nennen die Gründe, die gerade für diese oder jene Mannschaft sprechen. Sechs Köpfe, sechs Meinungen.

Marco Seliger tippt auf Deutschland: die wahre Nummer eins

Der Weltmeister wird Weltmeister, das klingt nicht nur gut – es wird in Russland auch so kommen. Die Achse von Rio 2014 steht auch in Moskau. Wie eine Eins. Womit wir schon beim Hauptgrund für den Erfolg sind. Manuel Neuer, die einzig wahre Nummer eins, der beste Torhüter der Welt, ist zurück. Mehr noch: Es ist so, als sei er nie weg gewesen. Wer zuschauen durfte in Südtirol im Trainingslager und bei den WM-Tests, der weiß: Auf Neuer wird Verlass sein. Mehr denn je. Körpersprache und Können sind einzigartig – und womöglich musste er erst so lange weg sein, um sein Repertoire mal wieder schätzen zu wissen. Und es ist nicht, wie teils in den Jahren zuvor, als Selbstverständlichkeit hinzunehmen. An Neuer werden sie sich wieder die Zähne ausbeißen, die Stürmer. Und auch die Mittelfeldspieler der Gegner, die wieder für einen Moment denken, sie hätten den Traumpass ihres Lebens gespielt – bis Manu, der Libero, mit dem Kopf, der Brust oder sonst was vor dem Sechzehner alles entschärft. Weil er mitspielt, weil er Weitblick hat. Weil er der Beste ist. Vor Manuel Neuer tummeln sich auch noch einige Weltmeister in der Startelf. Auch auf sie wird Verlass sein. Sie haben neuen Titelhunger entwickelt. So wie die Nummer eins. Die einzig wahre.

Marko Schumacher tippt auf Frankreich: der 300-Millionen-Sturm

Aus Ibiza meldete sich unlängst Franck Ribéry zu Wort und bot dem französischen Nationalcoach Didier Deschamps seine Mitarbeit an. „Oh, Didier, ich bin bereit!“, twitterte der Spaßvogel und fügte ein halbes Dutzend Smileys an, damit niemand auf die Idee kommen konnte, er meine es so ernst wie Diego Maradona. Frankreich, findet Argentiniens Legende, „wäre stärker, wenn Ribéry noch dabei wäre“.

Nein, Frankreich braucht keinen Ribéry, um in Russland Weltmeister zu werden. Das klappt auch so. Wer daran zweifelt, darf sich gerne noch einmal die Ausschnitte des Testspiels in Nizza anschauen, bei dem die Italiener neulich mit dem 1:3 bestens bedient waren. Keine andere Mannschaft auf der Welt spielt einen so schnellen, kraftvollen und gleichzeitig eleganten Fußball wie die Équipe tricolore mit ihren Starstürmern Antoine Griezmann, Kylian Mbappé und Ousmane Dembélé, deren Marktwert sich auf 300 Millionen Euro summiert. Auf schlanke 30 Millionen wird Benjamin Pavard noch taxiert, doch dürfte sich dies bald ändern, wenn der Verteidiger des VfB auch bei der WM so spielt wie gegen Italien.

Auch eine Revolte wie bei der WM 2010 in Südafrika wird Frankreich diesmal nicht stoppen. Frank Ribéry ist schließlich nicht mehr dabei.

Carlos Ubina tippt auf Spanien: gnadenlos gut dank Ramos

Es ist die Nummer 15. Sie ist die Schlüsselfigur für die Mission Titelgewinn 2018: Sergio Ramos. Der Innenverteidiger bildet im spanischen Starensemble den Gegenpol zu all den Ballartisten um ihn herum. Denn während Andrés Iniesta oder Thiago mit ihren feinen Füßchen den Ball lieber einmal mehr passen, anstatt auf das Tor zu schießen, bevorzugt Sergio Ramos das Spiel mit Haken und Ösen. Er ist der Typ, der auf dem Rasen Grenzen für die Gegner zieht – bis hierher und nicht weiter.

Das hat Sergio Ramos außerhalb der Iberischen Halbinsel zwar keine Freunde eingebracht, aber dem spanischen Ensemble verleiht er ein Element, das es zuletzt bei Turnieren vermissen ließ: Emotionalität. Wenn es also schwierig wird, geht er voran. Das ­ergibt eine verheißungsvolle Mi­schung: Technik und Leidenschaft. Dazu kommt wieder der Respekt der Gegner. Gnadenlos sind die Grätschen von Ramos, eisern führt er seine Kopfballduelle, und der Kapitän von Real Madrid ist auch der König des verdeckten Ellbogenchecks. So einen will jeder Stürmer lieber im eigenen Team haben, als den Stierkampffanatiker aus Sevilla zu reizen. Aber nur der Weltmeister von 2010 hat den Heißsporn in seinen Reihen – und damit den Schlüssel zum Erfolg.

Gerhard Pfisterer tippt auf Brasilien: Arbeiter und Artisten

Wer auf den besten Defensivspieler der vergangenen Bundesligasaison in seinem 23-köpfigen WM-Aufgebot verzichten kann, der muss einen ziemlich guten Kader beisammen haben. Und das ist bei Brasilien der Fall, weshalb der Nationaltrainer Tite den torgefährlichen Abwehrrecken Naldo von Schalke 04 geflissentlich übergehen konnte. Dabei ist die Verteidigung – ganz typisch für die Brasilianer – nicht die größte Stärke. Dafür verfügt die Seleção – ganz untypisch für die Brasilianer – in Alisson (AS Rom) über einen herausragenden Torhüter. Und im Mittelfeld gibt es genug Abräumer vom Schlage eines Casemiro (Real Madrid), die den famosen Offensivkräften den Rücken freihalten.

Alle Welt redet über den Supersturm der Franzosen, doch der wiedergenesene Star Neymar (Paris St.-Germain), Gabriel Jesus (Manchester City) und Philippe Coutinho (FC Barcelona) brauchen sich davor nicht zu verstecken, zumal es Alternativen wie Roberto Firmino (FC Liverpool) gibt. Sie überstrahlen alles, doch titelreif macht das Team die stimmige Mischung aus kilometerfressenden Arbeitern und zauberhaften Ballkünstlern. Diesmal lastet auf den Brasilianern auch nicht wie 2014 die Bürde der Heim-WM, weshalb sie das tun können, was sie am besten können: ohne Geheule frei aufspielen und den Titel holen; es wäre Nummer sechs für den Rekordweltmeister.

Dirk Preiß tippt auf Argentinien: Zeit für Messis Krönung

Er war ein Gewinner, aber eigentlich der große Verlierer des WM-Endspiels 2014. Lionel Messi wurde als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet, blickte aber enttäuscht ins Leere, schließlich hatte er sein großes Ziel wieder verfehlt. Mit dem FC Barcelona hat er alle wichtigen Titel im Vereinsfußball gewonnen, als Einzelkönner wurde er fünfmal Weltfußballer, mit der Albiceleste aber klappte es nie wie erhofft.

Messi trat zurück, kam wieder – aus dem einen Grund: um in Russland bei seiner vierten WM endlich den Titel zu holen. Das Team, das er um sich hat, strotzt vor Erfahrung, ist aber lange nicht überaltert. Die Offensive, ein Traum für jeden Fan des Erlebnisfußballs: Messi, Higuain, Dybala, Agüero, di Maria. Dahinter solide, aber technisch versierte Arbeiter, hinten kompromisslose Verteidiger. Und an der Seitenlinie ein Trainer, der nicht auf Zweikampfhärte und Athletik setzt, sondern das schnelle druckvolle Spiel liebt: Jorge Sampaoli, der 2014 mit Chile Spanien nach Hause schickte. Die Topfavoriten sind andere, dennoch sind die Argentinier am Zug – weil das Team alles dafür tun wird, ihrem Besten den größten Wunsch zu erfüllen. Cristiano Ronaldo hat 2016 den EM-Titel seiner Sammlung hinzugefügt. Messi macht es seinem ewigen Widersacher nach – mit dem WM-Pokal.

Tobias Schall tippt auf England: Harry Kane und ein Torhüter

England wird Fußball-Weltmeister. Gelächter in der Runde der Sportredaktion. Ungläubige Blicke. Nicht dein Ernst.

Doch!

Bei solchen Prognosen wie hier wird in Redaktionen oft einer gesucht, der der Form halber halt noch einen exotischen Tipp abgibt. England ist brutal exotisch, ja, aber aus vollster Überzeugung steht hier der Satz: England wird Fußball-Weltmeister!

Warum? Darum: England hat Harry Kane. Die ganzen Messi- und Ronaldo-Groupies mögen das anders sehen, aber unter uns Experten ist klar: Kane ist der beste Stürmer der Welt. 30 Tore in der Premier League. Sieben in der Champions League, 1,88 Meter. Kann alles. Ein Sturm-Monster. Dazu kommen Supertalente wie Dele Alli, Raheem Sterling oder Marcus Rashford und einige erfahrene Haudegen – die Mischung im Team ist titelreif.

Und das Wichtigste: England hat einen Torwart. Klingt wie ein Witz. Ist aber keiner. Nach Jahren der aus einem Monty-Python-Sketch entsprungenen Tollpatsche im Tor steht dort jetzt Jordan Pickford, ein künftiger Welttorhüter. Dass die notorischen Loser Titel holen können, hat der Sommer 2017 gezeigt: U-17-Weltmeister, U-20-Weltmeister, U-19-Europameister. Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: