Fußball-WM 2018 in Russland Jeder gegen jeden?

Von Marco Seliger 

Steht Rede und Antwort: Deutschlands Kapitän Manuel Neuer Foto: Getty
Steht Rede und Antwort: Deutschlands Kapitän Manuel Neuer Foto: Getty

In der Nationalmannschaft scheinen sich die Führungsspieler nicht einig zu sein. Kapitän Manuel Neuer spricht jetzt Klartext.

Watutinki/Sotschi - Der Mann also, der bis dahin Stammkraft war. Ein altes Schlachtross im Kreis des Nationalteams. Ein sogenannter Führungsspieler, ein Mitglied des Mannschaftsrats.

Und plötzlich einer, der nur noch auf der Bank saß. Per Mertesacker aber schmollte nicht. Er reichte die Flaschen, und wenn er das nicht tat, dann klatschte er in die Hände und brüllte, um die anderen anzufeuern. Er wurde das Sinnbild für das funktionierende deutsche Gefüge. Für die Mannschaft.

Das war 2014. Jetzt, vier Jahre später, hat die deutsche Elf in Russland ihr Auftaktspiel verloren. Hinterher verlor sie noch etwas – so zumindest der Eindruck der Öffentlichkeit: ihren Zusammenhalt. Mats Hummels, ein Mitglied des Mannschaftsrats, schoss direkt nach Schlusspfiff scharf gegen die Kollegen. Seine Sätze werden, egal, wie das Turnier weiter verläuft, in jedem WM-Rückblick zu sehen sein. Entweder als Sinnbild des Scheiterns, als Beleg der Zerwürfnisse im Team. Oder als ultimativer und wirkungsvoller Weckruf.

Noch einmal zur Erinnerung. „Wenn sieben oder acht Mann offensiv nach vorne spielen, kann man nach hinten nicht vernünftig verteidigen“, sagte Hummels. „ Ich habe das mehrfach intern angesprochen, offenbar wird da nicht auf mich gehört.“

Vor vier Jahren in Brasilien blaffte Per Mertesacker nach schwacher deutscher Leistung im Achtelfinale gegen Algerien in seinem legendären Interview den ZDF-Reporter Boris Büchler an und legte sich dann drei Tage in die Eistonne. Das Team zog auch daraus Kraft. Und entwickelte so etwas wie eine Wagenburg-Mentalität. Wir gegen die da draußen.

Wir gegen uns

Jetzt, in Russland, scheint die Devise nach dem Auftakt eine andere zu sein. Wir gegen uns. Führungsspieler gegen Führungsspieler. Hummels attackierte schließlich auch die Kollegen aus dem Mannschaftsrat, Toni Kroos und Sami Khedira, die ihm immer zu weit vorne agierten und nach Ballverlust nicht schnell genug umschalteten. Die klaren Ansagen werfen Fragen auf: Wer darf und sollte sich im inneren Führungszirkel der Nationalelf wie äußern? Wie ist der Umgang untereinander? Und sind sich, ähnlich wie 2014, überhaupt alle irgendwie einig?

Am Dienstag betrat der Kapitän Manuel Neuer das Podium in Watutinki – und sprach kurz vor dem Abflug zum nächsten Spielort Sotschi Klartext zur Thematik. „So stark wie nach dem Mexiko-Spiel war die Kommunikation in unserer Mannschaft noch nie“, sagte Neuer also – und wurde konkret. Der Keeper berichtete, dass es vor allem in den Gesprächen zwischen den Führungsspielern heiß hergegangen sei: „Wir nehmen kein Blatt vor den Mund, wir haben uns ehrlich die Meinung gesagt. Es hat geknallt, das kann man so sagen.“

In jeder Fußballmannschaft geht es immer auch um persönliche Eitelkeiten, das ist in der Kreisliga nicht anders als ganz oben. Wenn der eine über den anderen meckert, keilt dieser oft zurück. Nach dem Motto: „Kümmere dich erst einmal um deine Leistung.“ Genau das hätte Sami Khedira nach dem Spiel gegen Mexiko zu Mats Hummels sagen können, schließlich agierte auch der Abwehrchef nicht fehlerfrei und hatte wie der Mittelfeldspieler seinen Anteil am Gegentor. Womöglich hat er das in den Klartextrunden auch getan.

Neuer legt den Finger in die Wunde

Khedira ist schließlich ein Mann mit Führungsanspruch, ebenso Toni Kroos, der Weltstar von Real Madrid. Auch er sieht sich als Sprachrohr dieser Elf. Gemeinsam mit Hummels sowie Kapitän Manuel Neuer und Thomas Müller bildet dieses Duo das Quintett, das den Mannschaftsrat repräsentiert. Inoffizielles Mitglied dieses Führungskreises: Jérôme Boateng – auch der Bayern-Star moserte am Sonntag in bester Hummels-Manier los. Weshalb der Führungszirkel der DFB-Elf in diesen Tagen auch so etwas wie ein großes Fragezeichen verkörpert. Manuel Neuer legte nun den Finger in die Wunde.

„Die Hauptursache für die Niederlage gegen Mexiko liegt bei den Führungsspielern. Wir hatten nicht die Bereitschaft, es selbst zu organisieren und die Sache in die Hand zu nehmen“, sagte er. Und weiter: „Wir müssen alle an einem Strang ziehen. Es darf keine zwei Meinungen geben, wenn wir auf dem Platz stehen.“

Es ist ja immer leicht, die Vergangenheit zu glorifizieren, wenn in der Gegenwart mal was nicht so läuft. Klar aber ist: 2014 in Brasilien war es noch undenkbar, dass der Kapitän zwei Tage nach einem Spiel über interne und vor allem öffentlich ausgetragene Differenzen spricht und die Dinge – wie nun Neuer – irgendwie wieder geradebiegen muss. Da gab es Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Per Mertesacker und Miroslav Klose. Und dazu – noch nicht in der totalen Verantwortung wie heute – Khedira, Hummels, Neuer, Müller und Boateng. Der Laden lief. Hinterfragen, Diskussionen, Korrekturen gab es hinter verschlossenen Türen. Am Ende war man sich einig. Und heute?

Schmerzhafte Entscheidungen

Gibt es nun wenigstens das öffentliche Bekenntnis des Kapitäns, dass jetzt alle wissen, worum es geht. Schaffen es die Platzhirsche also doch noch, sich zusammenzuraufen, sich dem gemeinsamen Ziel unterzuordnen, Lösungen zu organisieren und womöglich auch eine Nebenrolle zu akzeptieren? Man könnte ja – rein theoretisch – auch mal von der Bank aus führen. Siehe Per Mertesacker 2014.

Klar ist: Nach den gezeigten Leistungen hätte Joachim Löw viele Gründe, den einen oder anderen Spieler, der sich der Treue des Bundestrainers bisher sicher sein durfte, auch die Bank zu setzen. Was die Frage anschließt, ob ein Weltmeister dies als Majestätsbeleidigung empfinden und sich in die Schmollecke zurückziehen würde. Die Stimmung würde so sicher nicht besser.

Andererseits hat Löw vor vier Jahren in Brasilien gezeigt, dass er in der Lage ist, auch schmerzhafte Entscheidungen zu treffen. So wie das bei Per Mertesacker der Fall war. Bei dem Mann also, der den aktuellen Führungsspielern als Vorbild dienen könnte. Nach dem Motto, das Manuel Neuer nun vorgegeben hat: Nicht reden, machen – und zwar ganz im Sinne des Teams.

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