Nach der Pause bliesen plötzlich mutig entschlossene Echterdinger plötzlich zum Angriff. Im Bild rechts: Royal-Dominique Fennell. Foto: Günter Bergmann

Die Echterdinger verkaufen sich bei ihrer 1:3-Heimniederlage gegen den großen Favoriten Türkspor Neckarsulm teuer. Auch, weil der Trainer Valentin Haug zur zweiten Hälfte eine mutige Entscheidung trifft.

Die Geschehnisse nach dem Abpfiff hatten etwas Paradoxes. Da stand auf der einen Seite der Verlierer und wurde von seinem Trainer mit feurig-lobenden Worten in die Osterfesttage verabschiedet. Und keine 50 Meter davon entfernt herrschte beim Gewinner offenkundig dicke Luft. Gleichfalls noch auf dem Rasen mussten sich dessen Kicker von ihren Teamverantwortlichen in den Senkel stellen lassen. Alle Mann stramm stehen, und dann bitte die Ohren anlegen. Es war ein Szenario, das einiges über das soeben beendete Donnerstagabendspiel der Verbandsliga aussagte.

 

Ja, der Tabellenletzte TV Echterdingen hatte gegen den Tabellenersten Türkspor Neckarsulm standesgemäß verloren. Endstand: 1:3. Und ebenso ja: Selbst den Größten unter allen gelb-schwarzen Optimisten muss mittlerweile klar sein, dass der eigene Abstieg nicht mehr zu verhindern ist. Das letztjährige Fußball-Märchen, als dank einer tollen Rückrunden-Aufholjagd doch noch der Klassenverbleib gelang, wird keine Wiederholung erhalten. Zumal es aufgrund der Konstellation in den übergeordneten Ligen in der eigenen Staffel nach jetzigem Stand fünf oder sechs Direktabsteiger geben würde. Gleichwohl arbeiten alle Beteiligten in den Goldäckern weiter emsig daran, ihre Konkurrenzfähigkeit zu demonstrieren. „Haben Sie hier einen Unterschied gesehen, dass der Letzte gegen den Ersten spielt?“, merkte Valentin Haug, der besagte Coach, rhetorisch an. Gäbe es einen Sonderpreis für nimmermüden Einsatzwillen aller sportlichen Aussichtslosigkeit zum Trotz, keine Frage, er müsste dieser Tage an die Echterdinger gehen. Aktuell setzten sie vor allem in der zweiten Hälfte auf diese Weise selbst dem Titelfavoriten ordentlich zu.

Freilich, dass der Filderclub in der Punkterunde seit inzwischen knapp fünf Monaten sieglos ist, kommt dito nicht von ungefähr. Stets knapp daneben, ist halt auch daneben. Was Haug schon wochenlang und aktuell erneut zum Hadern bringt: „Wir machen dann einfach zu viele kleine Fehler. Da fehlt es an Reife und Kompromisslosigkeit.“ Die diesmalige Folge: In Durchgang eins ließen die Seinen mit einer Fünferabwehrkette wenig zu – lagen zur Pause aber dennoch drei Tore hinten. Drei eigene kurze Schwächemomente verschmolzen verhängnisvoll mit einer dreifachen kühlen gegnerischen Effizienz. Beim 0:1 war das Zweikampfverhalten zu zögerlich, worauf der Ex-Kickers-Torjäger Cristian Giles Sanchez mit dem ersten Neckarsulmer Torschuss der Begegnung prompt zur Gästeführung traf (27.). Dann, beim 0:2, schaltete der Gegner nach einer Freistoßflanke im Strafraumgetümmel schneller – Mert Okar staubte ab (42.). Und das 0:3? „Muss man nichts extra dazu sagen“, sagt Haug. Es sprach für sich. Ausgerechnet einer seiner Erfahrensten leistete sich einen Blackout. Ein Rückpass von Caglar Celiktas wurde zur unfreiwilligen Steilvorlage erneut für Giles Sanchez (45.).

„Wenn wir dabei unter die Räder kommen. . .“

Damit war die Partie eigentlich durch. Wer hätte sich wundern wollen, hätte sich die Heimelf darauf in Anbetracht von Tabellen- und Spielstand sowie obendrein nasskaltem Schmuddelwetter gedanklich bereits aufs warme Sofa verabschiedet? Gekommen ist es allerdings ganz anders. Offensichtlich auch zur Überraschung des Kontrahenten, der seinerseits schon in den Sparmodus geschaltet hatte. Mit der mutigen Entschlossenheit dessen, der nichts mehr zu verlieren hat, bliesen die Echterdinger plötzlich zum Angriff. „Ich habe den Jungs in der Pause gesagt: Wir versuchen jetzt noch einmal alles. Wenn wir dabei unter die Räder kommen, nehme ich es auf meine Kappe“, berichtete Haug.

Verdienter Lohn war immerhin noch der Ehrentreffer nach einer Kombination der eingewechselten Dominik Renz und Kevin Prekaj (48.) – während bei Haugs Gegenüber, dem Neckarsulmer Spielertrainer Julian Grupp, die Laune in den Keller sank. Sein Fazit nach der Partie: „In den zweiten 45 Minuten indiskutabel von uns. Das Positivste sind die drei Punkte.“ Insgesamt sechs liegen die Seinen nun zumindest bis diesen Samstag vor ihrem Meisterschaftsfernrivalen FC Holzhausen. „Kompliment an Echterdingen“, befand Grupp – dafür „mit welcher Intensität sie gespielt und wie sie sich trotz ihrer Situation gepusht haben“.

Dazu passt es dann auch, dass ebenso trotzdem bislang nur vier Spieler fix sind, die im Sommer gehen werden: Das aktuelle Tor-Duo Renz (Studium in den USA) und Prekaj (zum FC Esslingen) sowie Jakob Ehret (beruflich bedingter Umzug) und der von vornherein nur für ein halbes Jahr eingeplante Keeper Ricardo Boroni stehen als Abgänge fest. Demgegenüber haben bereits 13 Mann des Kaders ihren Verbleib zugesagt, mittlerweile auch noch Ismail Oguz und Anes Handanagic.

Entsprechend geht es in die jetzigen Feiertage zwar nicht mit einem Hurra, aber doch mit einem deutlich besseren Gefühl, als man es bei einem Tabellenschlusslicht vermuten könnte. „Buenos Aires“, kalauerte der Stadionsprecher Alfons Kasper zuletzt übers Mikro. Übersetzt für alle, die den Gag nicht verstanden haben: gute Eier, frohe Ostern.

Echterdinger „Spieler des Spiels“

Leo Milutinovic. Gute Antizipation, gute Spielübersicht – der 21-Jährige zeigte in der Abwehrzentrale, dass er zurecht einer der Spieler ist, denen im Echterdinger Kader die Zukunft gehören soll. (Nominierungen: 3)

TV Echterdingen: Boroni – Handanagic, Heinrich (84. Ehret), Milutinovic, Toth, Jonus (46. Renz) – Pirracchio, Fennell, Boljanic (22. Prekaj), Dölker (57. Smiljic) – Celiktas (68. Tunjic).

Türkspor Neckarsulm: Rombach – Moos, Hellmann, Avdic, Zinram-Kisch (72. Di Biccari) – Grupp – Uslu (66. Trianni), Heinle (88. Icmez), Alabas, Okar (82. Divkovic) – Giles Sanchez (66. Sohm).