Der Trainer Oliver Stierle war am Samstag mit einigen Dingen „absolut gar nicht zufrieden“. Foto: Archiv/Günter Bergmann

Erst nach einem Pausendonnerwetter ihres Coachs kommen die Nord-Stuttgarter gegen den FSV Waiblingen in Fahrt. Vor allem einer der Joker stellt sein feines Füßchen unter Beweis.

Die Begrüßung nach dem Spiel fiel ebenso herzlich wie launig aus. Und sie zeigte, wie schnell es in der Fußballbranche gehen kann. Gerade einmal zwei Jahre ist es her, dass Alexander Schweizer und Oliver Stierle beim ASV Botnang noch in der Kreisliga A ein Trainerteam gebildet haben. Zweitunterste Spielklasse. Heute? Da darf Schweizer eben mit den Botnangern sensationell auf den Durchmarsch in die Landesliga hoffen – weshalb Stierle seinem unter den Zuschauern weilenden alten Weggefährten schon mal lachend ein „Hey, Landesliga-Trainer!“ entgegenwarf. Und Stierle selbst? Der steuert mit seinem jetzigen Verein TSV Weilimdorf sogar noch eine Etage weiter oben auf Überraschungskurs.

 

Das 4:1 am Samstag gegen den Tabellenvorletzten FSV Waiblingen ist für die Nord-Stuttgarter der fünfte Sieg aus den vergangenen sieben Verbandsliga-Begegnungen. Ein wichtiger nächster Schritt also in Richtung Nichtabstieg. Auch wenn dem Coach zwischendurch der Kragen platzte.

Weilimdorfer Trainer Stierle hält eine Standpauke

Davon, dass Stierle unter der Woche noch krank im Bett gelegen war, war jedenfalls nichts mehr zu sehen. „In der Halbzeitpause hat es eine Standpauke gegeben“, berichtete der 42-Jährige, der an der Giebelstraße kurz vor einer Vertragsverlängerung steht. „Heute haben mir einige Dinge absolut gar nicht gefallen.“ Vor allem eines hat Stierle, der Ärmelhochkrempler und Kämpfer, in der ersten Hälfte vermisst: die nötige Mentalität. Seine Kritik: „Keine Körpersprache, alles brav und leise. Wie auf einem Friedhof.“ Hatte manch einer seiner Kicker in Anbetracht des Gegners gedacht, dass es diesmal auch mit Halbgas geht? Die Gäste, ebenfalls Liganeuling, waren am Spieltag zuvor vom Spitzenreiter Young Boys Reutlingen mit 0:9 geschreddert worden.

Am Ende gestaltete sich für die Weilimdorfer dann aber doch noch vieles gut, zuvorderst das Ergebnis. Mit den erneuten drei Punkten festigen Stierle und die Seinen ihren zehnten Platz. Dieser könnte im schlechtesten Fall zwar zum Relegationsrang werden, würde Stand jetzt aber für die direkte Rettung reichen. Freilich: Die Ermittlung der letztlich genauen Absteigerzahl bleibt ein wackeliges Rechenspiel. Abhängig sein wird diese vom Ausgang in der Oberliga. Sprich: wie viele württembergischen Teams von dort absteigen.

Einstweilen spielten die Männer in rot schließlich eine ihrer seit Jahren größten Stärken aus. Ruhende Bälle, Standardsituationen – stehen diese an, müssen eigentlich bei jedem Kontrahenten bereits die Alarmlichter angehen. Drei der vier aktuellen Treffer entstanden auf diese Weise. Der Weilimdorf-Klassiker schlechthin dabei beim 1:0 im noch Stierle-gescholtenen ersten Durchgang: Nach einem Eckball von Jonathan Zinram-Kisch wuchtete Erdinc Bozoglu die Kugel erstaunlich unbedrängt mit der Stirn ins Netz – für das „Kopfballungeheuer“ des Vereins sein bereits achtes Saisontor (37.). Und umso bemerkenswerter, weil der Mann ja eigentlich kein Angreifer, sondern Innenverteidiger ist.

Daniel Baierle (links) eröffnete die zweite Hälfte mit einem Blitztor zum 2:0. Foto: Günter Bergmann

Dann fiel Daniel Baierles 2:0 nur Sekunden nach Wiederanpfiff auf Zinram-Kisch-Flanke ausnahmsweise aus dem Spiel heraus – ehe im Stierle’schen Donnerwetter-Schub zwei weitere Standardstreiche folgten, diesmal jeweils mit Freistößen als Ausgangspunkt. In diesen beiden Szenen bewies der eingewechselte Tamer-Harun Fara ein feines Füßchen. Einmal überlistete er den Gästekeeper Philipp Gutsche mit einem direkten Schuss ins kurze Eck, einmal legte er für den Kopfballschützen Roman Kasiar auf (55./78.).

Warum für den Routinier gerade nur die Jokerrolle bleibt? „Seine Rückwärtsbewegung gefällt mir nicht ganz so gut“, erläuterte Stierle. Aber: „Ich weiß, was ich an ihm habe. Auch als Einwechselspieler kann man sich zu 100 Prozent auf ihn verlassen.“

Maximilian Wojcik mit Comeback nach langer Pause

Die Erfahrenen, keine Frage, sollen auch im nun anstehenden Saisonendspurt zu wichtigen Trümpfen werden. Ein Bozoglu, Genc, Zinram-Kisch, Fara, mithin die Ü-Dreißiger – und vielleicht ein an der Schwelle dazu stehender Akteur wie Maximilian Wojcik. Jener erhielt nach langer Verletzungspause erstmals seit November wieder Erste-Mannschaft-Einsatzminuten.

Das Restprogramm der Weilimdorfer ist happig. Am nächsten Sonntag das Derby bei Calcio, dann fast nur noch Gegner aus der oberen Tabellenhälfte. Wohl auch deshalb ist Stierle bemüht, weiter keinen Millimeter nachzulassen. Das im Prinzip bedeutungslose späte eine Gegentor durch Mardoche Siku Mourera kommentierte er trotz des Siegs grantelnd und schimpfend: „Mega ärgerlich.“ Ein wirkliches Lachen huschte erst über sein Gesicht, als sein Blick durch die Zuschauer schweifte.

Aber hallo! Da war ja der alte Kumpel Schweizer. In spätestens zwei Monaten wird man wissen, ob beide etwas zu feiern haben.

Weilimdorfer „Spieler des Spiels“

Tamer-Harun Fara (Nominierungen: 2). Er nehme seine aktuelle Rolle vorbildlich an, berichtet der Trainer Stierle – nämlich jene als nur Mann von der Bank. Beweis an diesem Samstag. Fara kam, sah und traf. Mehr noch: Er war nach seiner Einwechslung der Aktivposten schlechthin im Weilimdorfer Spiel. Beinahe hätte er noch ein zweites Mal eingenetzt, der Gästekeeper lenkte seinen Lupfer aber übers Tor.

TSV Weilimdorf: Heske – Krasniqi, Bozoglu, Kuchler, Milenkovic (81. Njie) – Zinram-Kisch – Berretta (52. Fara), Genc, Scarcelli (73. Wojcik) – Baierle (68. Offei), Bouich (57. Kasiar). FSV Waiblingen: Gutsche – Körner (67. Keyerleber), Vullo, Braun, Kolb (46. Pasca) – Mouhssine, Bernsee Villiers, Jelic (60. Bönisch), Mourera – Cardinale (60. Nnokoson), Marvin Zimmermann (79. Pantzaridis).