Angela Merkel und Jogi Löw Zwei Topmanager in der Krise

Von Tim Schleider 

Unter Druck: Angela Merkel und Joachim Löw Foto: dpa
Unter Druck: Angela Merkel und Joachim Löw Foto: dpa

In Brüssel und Sotschi entscheidet sich an diesem Wochenende der Sommer 2018. Das Problem dabei: Die Deutschen zweifeln an ihren beiden wichtigsten Topmanagern, Angela Merkel und Jogi Löw. Warum eigentlich?

Berlin - An diesem Wochenende kann sich Geschichte entscheiden. Am Samstagabend muss die Bundeskanzlerin Angela Merkel dafür sorgen, dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mittels eines Sieges gegen Schweden nicht vorzeitig aus der Weltmeisterschaft fliegt. Und am Sonntagabend muss der Bundestrainer Joachim Löw auf einem EU-Sondertreffen seinen Partnern in der Flüchtlingsfrage so viele Zugeständnisse abgerungen haben, dass die aktuelle deutsche Bundesregierung nicht sehr vorzeitig schon wieder zerbricht. Oder war es umgekehrt?

Dass innerhalb weniger Stunden an zwei Orten Europas (Sotschi und Brüssel) wichtige Wettkämpfe für die Deutschen ausgetragen werden, ist ja nichts Ungewöhnliches und erklärt noch nicht die dramatische Stimmungslage, wie man sie gerade in Medien und sozialen Netzwerken miterleben kann. Bundeskanzlerin Merkel hat schon zu vielen Krisensitzungen reisen müssen, und Bundestrainer Löw seine Spieler schon in manche Entscheidungsspiele geführt. Das Frappierende in dieser Woche aber war, dass offenbar sehr viele Menschen damit rechnen, dass es sowohl in Sotschi als auch in Brüssel schiefgehen wird, und zwar so gründlich, dass nach diesem Wochenende die beiden zentralen Mannschafts-Leitungsposten des Landes vakant werden.

Man suhlt sich geradezu in den Zweifel-Wortwolken

Richtig vernünftig ist diese Erwartung nicht. Eine halbwegs nüchterne Betrachtung aller Voraussetzungen ergibt, dass die Chancen der deutschen Fußballer, ihre schwedischen und dann am Mittwoch ihre südkoreanischen Kollegen zu besiegen, ausreichend groß sind für eine optimistische Einstellung. Der Löw wird das schon muddeln. Ähnliches gilt in der Politik: Die Möglichkeit, dass die EU-Spitzenkräfte Angela Merkel beim Aushandeln des nächsten Kompromisses in der Flüchtlingsfrage hängen lassen, mag man ja noch für gegeben halten. Die Wahrscheinlichkeit aber, dass es CDU und CSU über den Streit tatsächlich zum Bruch der Koalition, der Union, aller Wahlversprechen und zu hochriskanten Neuwahlen kommen lassen, ist, rational betrachtet, gering. Die Merkel ist hartnäckig genug.

Oder vielleicht eben doch nicht? Die Stimmung im Land ist gerade alles andere als vernünftig. Man suhlt sich geradezu in den Zweifel-Wortwolken: Diesmal haben Merkel und Löw überreizt! Diesmal geht es schief! Diesmal werden sie scheitern. Wobei diese Zweifel mal aggressiv, mal larmoyant vorgetragen werden. Bei den Aggressiven fällt die Beschreibung leicht. Das Anti-Merkel-Lager umfasst ja keineswegs nur die Pegida- und AfD-Fraktion. Es gibt genug Chefanalysten und Leitartikler im Land, die im Grunde seit rund 13 Jahren die Kanzlerschaft von Angela Merkel und ihren Führungsstil missbilligen und seit fast genau dem gleichen Zeitraum einfach nicht verstehen können, wie sich eine Frau derart lang an der Macht halten konnte. Wenn nun endlich die Gelegenheit winkt, eben dieser Frau beim Scheitern zuschauen zu können, beginnt man sogar, das seit Jahren politisch völlig irrlichternde Gebaren eines Horst Seehofer als konsequent, kraftvoll-zupackend und den Problemen angemessen zu preisen.

Zu viel Slim Line, zu wenig Krombacher

So ähnlich kriegt es auch der Löw ab. Von den immer wiederkehrenden Angriffen in gewissen Kreisen gegen Fußballspieler nicht reinrassig-blonder Herkunft wollen wir hier gar nicht reden. Aber die aktuelle Löw-Häme geht ja auch anders: Er wirkt für viele Fußballfreunde zu sehr als Philosoph, zu wenig als wahrer Sportsfreund. Er begreift Fußball doch tatsächlich als Spiel: zu viel Slim Line, zu wenig Krombacher. Der Weltmeistertitel 2014 schien dem System Löw zwar lange Zeit triumphal recht zu geben, aber vier Jahre später zählt das nicht mehr. Oder wie es Waldemar Hartmann, der Horst Seehofer der öffentlich-rechtlichen Sportpublizistik, am Mittwoch im ZDF bei „Lanz“ frisch zu Wort brachte: „Löw muss endlich lernen, dass Fußball Krieg ist.“

Autsch! Haben wir da nicht exakt den Punkt? War das nicht genau die Hoffnung, die tatsächlich die beiden deutschen Führungsfiguren Merkel und Löw in der Wahrnehmung vieler verbindet, ganz abgesehen von dem Umstand, dass sie beide ungefähr gleich lang im Amt sind? Dass man nämlich auch in Deutschland Politik ohne Krieg führen kann, also ohne einen Krieg der Moral, der Werte, der Hormone, der Grenzposten, der Aufplusterungen – wir behaupten gar nicht, dass dies Merkel im Einzelfall immer auch so praktiziert hat, wir beschreiben nur ein Bild; ein Bild, das allerdings deutlich näher an der Realität ist als die Behauptung, bei Söder und Seehofer handele es sich um stets grundgute Verteidiger der abendländischen Frauen-Nichtverschleierung.

Statt Fußball schauen lieber Kreuz aufhängen?

Und so war es nur konsequent, das Angela Politik-ohne-Krieg-Merkel über all die Jahre immer wieder gern in der Spielerkabine des Fußball-ohne-Krieg-Löw vorbeischaute, um seinen – ob nun blond oder braun – Spielern freundlichst die Hand zu schütteln. Das passte einfach zusammen. Und daher neben der aggressiven Stimmung bei vielen anderen die Larmoyanz: Kann es sein, mit diesem Ohne-Krieg ist es eben tatsächlich auch in Deutschland vorbei? Bekommen die Waldis dieser Welt auch bei uns recht? So wie ja schon in Moskau und Istanbul, in Warschau und Budapest, in Rom und London, in Washington? Aus der großen Angst, dass wir uns Montag früh beim Aufwachen dies womöglich eingestehen müssen, nehmen wir das Scheitern lieber vorweg. Oje! Wollen wir am Samstagabend wirklich Fußball schauen? Sollten wir nicht lieber über unserem Hauseingang schon mal das Kreuz befestigen?

Aber jetzt mal stopp! Ruhe bewahren! Schock bekämpfen! Noch sind sie am Ball. Noch ist nichts verloren. Auch, wenn es manche glauben machen wollen.

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