Der Stuttgarter Verbandsligist beendet seine Sieglos-Strecke mit einem 3:2 gegen Rottenburg, allerdings flankiert von mehreren Abers und einem geschafften Trainer.
Mehr Beleg, dass der Fußball eine emotionale Achterbahnfahrt sein kann, war nicht mehr möglich. Es lief bereits die Nachspielzeit: Vier Mann waren gerade dabei, den offenbar schwerer verletzten Torhüter Sunny Simone auf einer Trage in die Kabine zu schleppen, als direkt neben ihnen schlagartig Jubel aufbrandete und die Teamkollegen des Lädierten auf dem Rasen tanzten. Der Verbandsligist TSV Weilimdorf zwischen betrübt und jauchzend, welch Kontrast. Mit der buchstäblich letzten Chance vor der Winterpause ist den Nord-Stuttgartern doch noch das so sehr herbeigesehnte Erfolgserlebnis gelungen. Ein Last-Minute-Treffer zum 3:2 im Aufsteigerduell mit dem FC Rottenburg beendet eine neunwöchige Sieglos-Durststrecke – was allerdings nichts daran ändert, dass drumherum einige Abers stehen.
Der Trainer Oliver Stierle wirkte jedenfalls weniger erlöst als fühlte er sich für die „Klapse“ reif. „Die machen mich fertig“, stöhnte er. „Die“ gleich seine Mannschaft, in der der eingewechselte Terry Offei zum Matchwinner avancierte. Nach einer Flanke von Bastian Joas schraubte sich der Angreifer in die Luft und wuchtete den Ball mit dem Kopf ins Netz (90.+1). Ein Happy End, an das auf Weilimdorfer Seite wohl kaum noch einer geglaubt hatte. Denn eigentlich schien das Momentum aufseiten des Gegners, nachdem es jenem in der zweiten Hälfte gelungen war, per Blitz-Doppelschlag einen Zwei-Tore Rückstand zu egalisieren.
Insgesamt kamen die Gastgeber auf fast schon aberwitzige Weise einer Ankündigung ihres Coachs nach. Wie hatte es jener vorab formuliert? „In den Wochen zuvor oft gut gespielt und verloren. Jetzt gerne schlecht spielen, dafür aber punkten.“ Gesagt, getan. Freilich: dass es in einer zerfahrenen Partie über weite Strecken gleich derart dürftig geriet, war dann auch wieder nicht eingeplant. Hinterher konstatierte Stierle: „Einer unserer schwächsten Auftritte in dieser Saison.“ Ja, aus seiner Sicht gar „unterirdisch“. Allein mit Kampfgeist übertünchten die Seinen schließlich ein Gemisch aus Ballverlusten, fußballerischem Stückwerk und praktisch nicht vorhandenem Spielfluss.
Kein großer Prophet muss man sein, um anzumerken, dass mit der Form dieses letzten Spieltags im Kalenderjahr beide Kontrahenten zu den Abstiegskandidaten gehören. Eben in der roten Zone überwintern beide nun auch. Die Weilimdorfer schieben sich mit den drei Zählern zwar an ihrem aktuellen Gegner vorbei auf Platz zwölf. Doch würde der nach jetzigem Stand nicht zum Klassenverbleib reichen. Wäre heute schon Schluss, müssten in der 17er-Staffel rekordverdächtige sechs oder sieben Teams direkt absteigen. Schuld ist die Konstellation in den übergeordneten Ligen.
„Uns fehlen sechs bis acht Punkte, die realistisch gewesen wären“, zieht der sportliche Leiter Michael Bachmann ein Zwischenfazit. Die Versäumnisse sieht er dabei vor allem aus der Anfangsphase der Saison. Sprich: nicht unter Stierle, sondern noch unter dessen Amtsvorgänger Manuel Fischer (inzwischen VfR Heilbronn), als die Mannschaft als Neuling Lehrgeld bezahlte. Bachmanns Hoffnungen für die Rückrunde ruhen nicht zuletzt auf einem Weilimdorf-Phänomen: In der Vergangenheit haben die Kicker von der Giebelstraße fast immer eine bessere zweite als erste Saisonhälfte gespielt.
Damit daraus erneut etwas wird, hält allerdings zumindest Stierle einen personellen Zuschlag für dringend nötig. Während bei den aufs Abstellgleis geratenen Angelo Kakou, Fadel Boukari und Yasin Kadir Yilmaz die Zeichen auf Abschied stehen, wünscht sich der Coach für die Defensive zwei Verstärkungen. Ein Innenverteidiger, ein Sechser. Warum, das habe auch das Rottenburg-Spiel wieder gezeigt. „Wir kriegen den Laden hinten einfach nicht dicht“, sagt Stierle.
Baierle trifft artistisch zur Führung
So vermittelte die zwischenzeitliche 2:0-Führung eine trügerische Sicherheit. Jeweils nach Eckbällen von Jonathan Zinram-Kisch hatten die Weilimdorfer vorgelegt. Zwei Standards. Wie auch sonst, wenn aus dem Spiel heraus nichts geht. Erst beförderte Daniel Baierle die Kugel halb mit der Hacke, halb mit dem Außenrist artistisch über die Linie (2.), darauf war Erdinc Bozoglu mit dem Kopf zur Stelle (69.).
Dann aber schlug der Gegner mehr oder weniger aus dem Nichts zurück. Lukas Behr per Freistoß und Nick Heberle glichen aus (73./76.). „Jeweils fatal verteidigt“, knurrt Stierle, „beim ersten Gegentor zudem klar das Torwarteck.“ Doch um jenen Torhüter, Sunny Simone, gab es am Ende wie gesagt erst einmal andere Sorgen. Trage, Krankenstand, nachdem ihn der Rottenburger Leon Oeschger im Luftduell etwas übermotiviert angegangen hatte.
Ein Grund mehr, dass ein geschaffter Stierle nicht mehr so recht wusste, wo ihm der Kopf steht. Stichwort Achterbahn der Gefühle. Auch wenn es tags darauf dann ein Stück weit Entwarnung gab. Gerissen ist im Knie seines Keepers, der den seinerseits verletzten Matej Barisic (Muskelfaserriss) vertrat, wohl nichts.
Weilimdorfer „Spieler des Spiels“
Terry Offei (Nominierungen: 1). Viele Ballaktionen hatte er nach seiner späten Einwechslung nicht mehr – die eine entscheidende aber doch. Mit seinem Nachspielzeit-Treffer wurde Offei zum umjubelten Matchwinner.
TSV Weilimdorf: Simone (89. Köhler) – Rinis Krasniqi, Bozoglu, Zinram-Kisch, Sadikovic – Küley (59. Fara) – Bouich (69. Berretta), Genc, Scarcelli – Joas, Baierle (82. Offei).
FC Rottenburg: Fazli Krasniqi – Votentsev, Hirschka, Baur (70. Kiesecker), Leyhr – Stepanenko (86. Jansen), Rohrer, Heberle, Oeschger – Behr, Ackermann.