Nach vielen Turbulenzen sehnt man sich in Cannstatt nach Ruhe und wieder Kontinuität. Der neue Trainer soll den Umbruch vorantreiben, muss aber einen unerwarteten Verlust kompensieren.
Peng, auf diese Form von „Einstiegsgeschenk“ hätte Damian Nagler wahrlich gern verzichtet. Eigentlich wähnte man sich bei der Spvgg Cannstatt mit der Kaderplanung bereits durch, als den neuen Trainer und seine Mitstreiter die Hiobsbotschaft ereilte. Jene lautete: Der Torjäger ist dann mal weg. Behar Hasanaj, bisherige Galionsfigur des Aufgebots und 26-facher Knipser der vergangenen Saison, hat sich umentschieden. Kein sechstes Jahr an der Hofener Straße, stattdessen erlag der Angreifer dem Lockruf des finanzstarken Enz/Murr-Nachbarn TSV Münchingen. Gleiche Klasse, andere Kasse, um es flapsig zu formulieren. „Ich kann den Spieler ja verstehen. Bei uns wird nichts gezahlt, dort wird mit Scheinen um sich geworfen“, sagt Nagler, freilich weniger im vorwurfsvollen Groll als in schulterzuckender Anerkennung der Faktenlage.
Eben zu den Fakten gehört auch, dass sich die Cannstatter in einem Umbruch befinden. Einer, den Hasanajs unerwartete Demission nun noch forciert. Andere langjährige Schlüsselfiguren wie ein Pascal Geidies oder Rui Pedro Carvalho Pinheiro hatten schon in den Monaten zuvor Schritte in Richtung Fußballrente gemacht. Naglers Aufgabe soll es sein, rund um die verbliebenen routinierten Eckpfeiler Markus Lurz und Marco Schulz (beide 37) den Generationenwechsel weiter voranzutreiben. Bühne frei für den Nachwuchs, die Carusos, Millers, Jordans oder Mantas. Der größere Teil des Kaders trug schon zu Jugendzeiten das Cannstatter Trikot. „Das sind Jungs, die mit Leidenschaft für ihren Verein bei der Sache sind“, hat Nagler erkannt.
Überspannend haben alle Beteiligten dabei zuvorderst einen Wunsch: jenen nach einem diesmal bitte, bitte ruhigeren und weniger turbulenten Wettbewerbsjahr. So sportlich erfolgreich das vergangene mit dem dritten Abschlussplatz war, mithin dem zweitbesten Ergebnis der eigenen Bezirksliga-Historie, so sehr zerrte das Drumherum an den Nerven. Zwei Trainerwechsel sowie zwischenzeitliche interne Streitigkeiten sorgten letztlich mehr für geschaffte als glückliche Mienen. Erst in der Rückrunde reichte es unter dem Coach Cristopher Eisenhardt wieder zur Stabilität. Der ist nun allerdings auch schon wieder weg. Seine berufliche Situation samt Fahrtaufwand verhinderte die vom Neckarclub erhoffte Fortführung des Engagements.
Nun also Nagler, Trainer Nummer vier an der Cannstatter Seitenlinie innerhalb von gut zwölf Monaten. Die nötige Expertise bringt der 37-Jährige allemal mit. Selbst kickte er einst für die Stuttgarter Kickers in der Junioren-Bundesliga. Heute fungiert er nebenbei als DFB-Stützpunktcoach in Ruit. Seine Vorstellung von Fußball? „Aktiv, gallig, mit möglichst viel Ballbesitz“, sagt der Neue. So weit jedenfalls das mittelfristige Vorhaben. Kurzfristig ist ihm bewusst, dass er erst einmal Abstriche machen muss. Es gelte, zunächst an den „Basics“ wie einer kompakten Defensive zu arbeiten. Denn außer der Hasanaj-Nummer haben die ersten Wochen seiner Amtszeit noch eine zweite Ernüchterung gebracht. Stichwort Trainingsbeteiligung. „Ich hatte noch nie eine Saisonvorbereitung mit so vielen Fehlenden“, konstatiert Nagler. Urlauber, Kranke, Verletzte.
Insofern scheint klar: Bis zur erhofften Bestform wird es dauern. Und auch in puncto Saisonziel halten die Cannstatter den Ball lieber flach: Ein einstelliger Tabellenplatz soll es sein, mit möglichst schneller Integration der neun Zugänge. Zumindest zwei von ihnen, der Torhüter Rafael Busic (vom Absteiger Sportvg Feuerbach) und der Mittelfeldmann Talha Kavak (einst im erweiterten Oberliga-Kader des SSV Reutlingen), dürften auf Anhieb in der Startelf auftauchen.
Und wer die Hasanaj-Lücke schließen soll? Gute Frage. „Da müssen nun andere in die Bresche springen. Das müssen wir verteilen“, sagt Nagler. Der Plan war eigentlich ein anderer gewesen.
Eckdaten
Zugänge
Tobias Gaycken, Benjamin Nimigean (beide PSV Stuttgart), Talha Kavak (Odyssia GFV Esslingen), Rafael Busic (Sportvg Feuerbach), Jeffrey Frimpong, Manasse Diavanga (beide CD Polillas Ceuta/Spanien), Berkan Misket (MTV Stuttgart II), Marvin Haller (TSV Münster), Alessandro Di Piazza (SV Fellbach II).
Abgänge
Behar Hasanaj (TSV Münchingen), Rui Pedro Carvalho Pinheiro (Karriereende), Adrian Rzepka (SV Leonberg/Eltingen), Dimitrios Fourkalidis (GFV Ermis Metanastis Stuttgart), Pascal Geidies, Mohamed Zangana, Florent Buzhala (bei allen Fußballpause).
Trainer
Damian Nagler (TSV Deizisau) für Christopher Eisenhardt (TSV Musberg).
Spielstätte
Hofener Straße 115, 70372 Stuttgart.
Saisonziel
ein einstelliger Tabellenplatz (Platzierung in der vergangenen Saison: 3.).
Meistertipp
Spvgg Holzgerlingen, SV Bonlanden.
Auftaktspiel
auswärts gegen TV Echterdingen II (Sonntag, 31. August, 13 Uhr).