Der SV Bonlanden geht angeschlagen und mit einer leisen Befürchtung in die Landesliga-Saison: Hat Corona Chancen gekostet, die so schnell nicht wieder kommen? Doch abschreiben sollte die Filderstädter besser keiner.
Bonlanden - Legendenstatus erlangte er schon zu seiner Aktivenzeit aufgrund seiner spektakulären Tore. In Erinnerung ist der einstige Bundesliga-Recke Jürgen Wegmann, Spitzname „Kobra“, zumindest allen nicht mehr ganz so jungen unter den Fußballfans wohl aber vor allem wegen dieses einen Spruchs: „Erst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu.“ Ein Satz für die Ewigkeit, der seither in keiner kuriosen Zitatensammlung der Kickerszene fehlen darf.
Viel ist darüber gelacht worden. Beim SV Bonlanden dagegen würde es dieser Tage dagegen höchstens zu einem gequälten Lächeln reichen, flankiert von einem zustimmenden Nicken. Kein Glück, viel Pech – die Filderstädter können ein Lied davon singen. Seit eineinhalb Jahren scheint es wie verhext.
Nun auch noch großes Verletzungspech
Erst kostete der zweimalige coronabedingte Saisonabbruch jeweils den möglichen Wiederaufstieg in die Verbandsliga. In beiden vergangenen Spielzeiten lagen die Bonlandener glänzend im Rennen, zuletzt sogar als Tabellenführer, ehe das ärgerliche erneute vorzeitige Ende kam. Dann ergab sich durch interne Ereignisse eine unerwartete finanzielle Schieflage, sodass sich die neue Abteilungsleitung mit den Ex-Kickern Nico Presthofer und Sebastian Liebenstein gezwungen sah, den Etat einzudampfen. In der Folge dessen ging der Toptorjäger Caglar Celiktas verloren (2020/2021 bei neun Einsätzen 14 Treffer) – der 31-Jährige bevorzugte einen Wechsel zum offenkundig solventeren Staffelrivalen TV Echterdingen. Und nun, zu schlechter Letzt, hat auch noch das Verletzungspech böse zugeschlagen. Das aktuelle Bulletin? Alexander Ringger: Kreuzbandriss. Jannis Imme: Ellbogenbruch. Sascha Häcker: abermals das Knie.
„Ja, eine Pechsträhne“, ächzt der Trainer Klaus Kämmerer und spricht von einer „unglücklichen Verwicklung“ von Ereignissen. Zumal momentan obendrein sein Kapitän Andreas Pottmeyer und der Ex-Profi Ugur Yilmaz im Urlaub weilen. Alles in allem hat die Runde noch gar nicht begonnen, Kämmerers Entourage kommt aber bereits so ausgemergelt daher wie ein Läufer auf den letzten Kilometern der Bruthitze des Tokioter Olympia-Marathons.
Zurückgeschraubte Ansprüche
Gehen dem SV Bonlanden schon vor dem Anpfiff die Körner aus? Mehr: muss man sich diesmal sogar Sorgen machen für die ganze Saison? Fest steht für Kämmerer einerseits: „Die Ansprüche, oben mitspielen zu müssen, lassen sich nicht mehr stellen.“ Andererseits freilich hat doch gerade der Coach auf seinen bisherigen Stationen bewiesen, dass er es versteht, auch unter bescheideneren Bedingungen Erfolge zu erarbeiten.
Teamgeist, mannschaftliche Geschlossenheit, taktische Stabilität, ein eingespieltes Grundgerüst – das sind Punkte, auf die der Filderclub nach wie vor bauen kann. Kurzfristig wird nun zu klären sein, wie sich der Ringger-Ausfall kompensieren lässt. Jener tut „extrem weh“, sagt Kämmerer, nimmt Ringger als Taktgeber im Mittelfeld doch für gewöhnlich eine Schlüsselrolle ein. Denkbar, dass sein Verein nun noch einmal auf dem Spielermarkt tätig wird. Eigentlich war die Kaderplanung abgeschlossen. Und zwar in eher traditioneller Bonlandener Manier. Sprich: ohne große neue Namen. Fortgesetzt haben die Schwarz-Weißen den schon vor Jahresfrist begonnenen Verjüngungsprozess. Hinzugekommen sind allein vier Perspektivspieler.
Drei neue Youngster gleich in der Startelf?
Deren Stunde dürfte ob der geschilderten Personalsituation aber schneller schlagen als gedacht. Drei von ihnen winkt auf Anhieb ein Startelfplatz: Manuel Kranz als rechter Verteidiger, der studienbedingt vom Bodensee nach Stuttgart gekommene Jakob Ehret in der Abwehrzentrale und Robin Hiller im Angriff. Letzterem die Erwartung aufzubürden, er könnte einen Celiktas eins zu eins ersetzen, wäre vermessen. Doch positioniert hat sich der Youngster, der bislang nur in der Kreisliga A auf Torejagd ging, allemal. Kämmerers Einschätzung: „Wenn er verletzungsfrei bleibt und weiter so arbeitet, wird er ein richtig Guter.“
Und vielleicht reicht es ja für das eine oder andere Ausrufezeichen auf dem Platz auch schon jetzt. Brauchen könnten es die Bonlandener. Stichwort Negativlauf. Stichwort gesammelter Frust. Die erwähnten zuletzt abhanden gekommenen Aufstiegschancen bezeichnet Kämmerer zwar als „Schnee von gestern“. Die Botschaft an die eigenen Reihen ist: vergessen und abhaken. Eine latente Befürchtung ist jedoch nicht zu verhehlen: Waren es womöglich Gelegenheiten, die so schnell nicht wieder kommen? Hat Corona ausgerechnet auf dem eigenen Leistungsgipfel zugeschlagen? Und greifen die Lorbeeren, die man bis vor Kurzem noch vor Augen hatte, nun stattdessen andere ab?
Auftakt beim großen Favoriten
Der große Favorit ist definitiv ein anderer. Während Kämmerer einen einstelligen Tabellenplatz als Mindestziel nennt und „in einem Rang unter den Topf fünf ein super Ergebnis“ sähe, startet der SC Geislingen aus der gefühlten Poleposition. Was dabei als weiteres Mosaiksteinchen in die Bonlandener Strähne zu passen scheint: jener SC Geislingen, der nun an diesem Samstag (15.30 Uhr) just gleich der erste Gegner ist.
Dumm gelaufen vom Spielplan her. Vor Jahresfrist ging Kämmerers Team ebenfalls personell schwer angeschlagen in seine Partie im Eybacher Tal – und verlor mit 1:7. Zumindest so etwas soll auf keinen Fall noch einmal passieren, allen schlechten Vorzeichen zum Trotz. Nicht, dass am Ende noch ein anderer Altmeister der Fußballbranche bemüht werden muss. Wie sagte der Weltmeister Andy Brehme einst? „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß.“