Roland Seitz legt an diesem Montag als Chefcoach des Fußball-Regionalligisten SGV Freiberg los. Der 58-Jährige spricht über seine viele Stationen, den Umgang mit mächtigen Präsidenten, und er sagt, warum er die jungen Trainer nicht beneidet.
Aufsteiger SGV Freiberg ist für Roland Seitz die 15. Station als Trainer. Was reizt den erfahrenen Fußball-Lehrer aus Neumarkt/Oberpfalz an der Aufgabe beim Regionalliga-13.?
Herr Seitz, auf was freuen Sie sich denn am meisten bei Ihrem neuen Club?
Ich freue mich, dass es endlich losgeht. Zwar wird am Montag noch nicht der komplette Kader zur Verfügung stehen, doch die Pause war jetzt lang genug. Wir haben den Trainingsstart ja extra um eine Woche vorverlegt, um die Spieler besser kennenzulernen und um auch diverse Transferaktivitäten zu tätigen.
Offiziell steht Offensivmann Emir Kuhinja vom FSV Frankfurt als Neuzugang fest, Innenverteidiger Adrien Koudelka geht nach Dänemark. Was tut sich sonst noch am Kader?
Das müssen Sie unseren derzeitigen Interims-Sportdirektor Dieter Gerstung fragen, tut mir leid, das ist nicht meine Baustelle. Er und Präsident Emir Cerkez sprechen sich ab.
Sie sind doch aber der Trainer. Und der Verein hatte ja schon im alten Jahr Spielern wie etwa Mohamed Baroudi nahe gelegt, den Verein zu verlassen. War das dann gar nicht mit Ihnen abgestimmt?
Wir haben darüber gesprochen. Ich habe den Vorstellungen des Vereins entsprochen, schließlich kennen die Verantwortlichen die Jungs menschlich und was das Leistungsvermögen betrifft in- und auswendig. Klar ist: Wir wollen etwas verändern, neue Impulse setzen, also müssen auch Spieler aus dem eigenen Kader gehen. Wir können nicht mit einem 30-Mann-Kader in die restliche Saison gehen. Wir spielen ja nicht in der Bundesliga.
Beim VfR Aalen und bei Eintracht Trainer waren Sie Trainer und Sportdirektor in Personalunion. Warum nicht beim SGV, zumal der Posten nach dem Abgang von Marco Grüttner vakant war?
Bei den Neuzugängen spreche ich mich natürlich schon mit Herrn Gerstung ab. Da bin ich involviert und habe auch meine Vorstellungen. Ich kenne die Berater, ich kenne die Spieler, die auf dem Markt sind. Dadurch, dass ich so lange schon dabei bin, habe ich ein großes Netzwerk. Das nutze ich natürlich, und wir spielen uns die Bälle zu.
Kommt Flügelflitzer Filimon Gerezgiher, der beim VfB Stuttgart II seinen Vertrag inzwischen aufgelöst hat?
Er ist ein Thema, aber am Wochenende war der Transfer noch nicht perfekt.
Wenig Fußball-Interesse in Luxemburg
Ihre letzte Station war FC Berdenia Berburg. Wieviele Zuschauer kamen denn zu den Spielen in der zweiten Liga in Luxemburg?
Wenn es 200 waren, waren es viel. Das Interesse der Bevölkerung am Fußball in diesem kleinen Land ist sehr gering, außer bei den Derbys.
In Freiberg hält sich die Fußball-Begeisterung auch in Grenzen.
(lacht) Ich weiß schon. Aber man hat Stuttgart vor der Haustür. Der Verein ist jetzt erst aufgestiegen, man muss sehen, wie sich alles weiterentwickelt und ob die Zuschauerzahlen steigen. Ich freue mich aber auch auf schöne Auswärtsspiele oder attraktive Heimpartien, bei denen die Gäste viele Fans mitbringen.
Wie sehen Sie die Rahmenbedingungen?
Man kann professionell arbeiten, das war in Luxemburg zum Teil anders. Deshalb bin ich froh, wieder im Profigeschäft zu sein. Natürlich wollen und müssen wir beim SGV ein bisschen was umstellen und verändern. Es gibt einige Baustellen wie etwa die Organisation des Trainingsbetriebs. Dieses Drumherum muss schon auch passen. Doch ich bin der Meinung, der Verein hat großes Potenzial, er muss sich aber als Neuling noch die Hörner abstoßen.
Präsident und Geldgeber Emir Cerkez gilt als sehr emotional und mischt gerne auch in sportlichen Fragen mit. Wie kommen Sie bisher mit ihm klar?
Wir haben uns vorher nicht gekannt, inzwischen haben wir einige Dinge zusammen besprochen. Das läuft alles. Ich habe viele Erfahrungen in meiner Karriere mit mächtigen Funktionären gemacht, die gleichzeitig Mäzene sind, daraus habe ich viel gelernt, das kommt mir zugute. Von daher bin ich gut vorbereitet.
Erfahrung mit mächtigen Präsidenten
Die Familie Leonhardt etwa beim FC Erzgebirge Aue war bestimmt eine Herausforderung?
(lacht) Die größte, ja. Aber es gab auch andere. Der leider verstorbene Wilfried Finke beim SC Paderborn war ein sehr einflussreicher Unternehmer und Präsident, genauso die Familie Holzer bei meiner Station bei der SV Elversberg, wobei sie immer ruhig agierten und auch großen Fußball-Sachverstand haben. Aber der Druck ist immer da. Am Anfang ist meistens alles super. Die Nagelprobe kommt immer dann, wenn es sportlich nicht so gut läuft.
Es heißt, bei dem erfahrenen Roland Seitz geht manches in ein Ohr rein, im anderen wieder raus.
(lacht) Das mag teilweise richtig sein. Aber ich bringe eben auch Verständnis für die Funktionäre mit: Sie opfern ihre Freizeit und geben sehr viel Geld. Da kann man schlecht verlangen, dass sie nur ruhig dasitzen und schauen, was daraus gemacht wird. Klar ist es optimal, wenn du wie in einem Unternehmen Führungskräfte hast, auf die du dich verlassen kannst, und dann in die Beobachterrolle schlüpfen kannst. Aber so weit ist, denke ich, der SGV Freiberg noch nicht. Vieles ist noch Neuland.
Mentor Helmut Hack
Von wem haben Sie persönlich am meisten mitgenommen?
(überlegt) Helmut Hack, der langjährige Präsident der SpVgg Greuther Fürth, hat mich schon als Spieler und Mensch in Vestenbergsgreuth gekannt und mich dann als Trainer zum Kleeblatt geholt. Er hat forciert, dass ich meine Trainerscheine mache, das war die Grundlage, dass ich den Trainerberuf ergriffen habe. Ansonsten wirst du von den Vereinen geholt, bringst deine Leistung und gehst wieder. Du musst in diesem Geschäft selbst die Ellbogen ausfahren.
Freiberg ist ihre 15. Trainerstation. Wie vereinbaren Sie das mit Ihrer Familie?
Ich habe meine Ehefrau und meine Kinder nie mit auf die Reise genommen, sondern bin gependelt. Jetzt sind meine drei Söhne mit 26, 30 und 33 Jahren ohnehin aus dem Haus. Das Geschäft ist so schnelllebig. Wenn man sieht, wie wenig Spiele du als Trainer verlieren darfst, dann muss ich sagen: Puh, älter zu werden ist zwar nicht schön, aber ich möchte auch keine 35 mehr sein und noch 30 Jahre mein Geld im Trainergeschäft verdienen müssen.
Wir haben Fotos vom SGV-Trainingsstart. Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie!
Winterfahrplan SGV Freiberg
Testspiele
SV Fellbach – SGV (25. Januar, 18.30 Uhr), Calcio Leinfelden-Echterdingen – SGV (28. Januar, 14 Uhr), SV Waldhof Mannheim – SGV (31. Januar, 14 Uhr), FSV 08 Bietigheim-Bissingen – SGV (4. Februar, 14 Uhr), SGV – FC 08 Villingen (11. Februar, 14 Uhr), SGV – TuS Freiberg (15. Februar, 17 Uhr), SGV – FC Holzhausen (18. Februar, 14 Uhr).
Erstes Punktspiel
SGV – Hessen Kassel (4. März, 14 Uhr).