Nach vereinsintern turbulenten Wochen wollen die Echterdinger im Tabellenkeller die Wende schaffen. Helfen sollen drei Zugänge und ein Mentalitätswechsel im Team. Und auch ein notgedrungenes Opfer des zurückgekehrten Coachs.
Das für ihn persönlich einschneidendste Erlebnis der Rückrunden-Vorbereitung hatte Francesco Di Frisco am Montagabend, und zwar im wahren Wortsinn. Nichts Böses ahnend, wurde der Trainer unversehens zum Opfer des eigenen Ideenreichtums. Glücks- und Pechrad – so heißt die Erfindung von ihm und seiner coachenden Assistenten zur internen Stimmungshebung. Verkürzt dargestellt: mal dreht der eine, mal der andere aus dem Team, und hinterher gilt es, vorgegebene lustige Aufgaben zu erfüllen.
Di Frisco selbst erwischte die Pechvariante. Unter dem Gejohle seiner Spieler musste er sich seinen Bart abrasieren lassen. Seither läuft er kahlgesichtig durch die Gegend und erkennt sich im Spiegel selbst kaum mehr. „Ich sehe furchtbar aus. Meine dreijährige Tochter hat am Abend nicht gewusst, wer ich bin“, stöhnt Di Frisco. Aber da muss man dann durch. Umso mehr, wenn es ein Puzzleteil sein sollte, das am Ende zum Erfolg im Großen und Ganzen beitragen wird.
Knapp sechs Wochen ist es mittlerweile her, dass Di Frisco beim Oberliga-Klassenneuling Calcio Leinfelden-Echterdingen den Rücktritt vom Rücktritt vollzogen hat. Anfang November die Brocken hingeworfen, Mitte Januar wieder eingestiegen. Bei seiner Demission hatte der 37-Jährige „persönlich schwindende Kräfte“ als Hauptgrund genannt. Heute weiß man, dass dies allenfalls die halbe Wahrheit war. Zunehmend hatte es zwischen ihm und dem Sportdirektor Ioannis Tsapakidis geknirscht. Die folgende interne Kraftprobe um die weitere Ausrichtung des Vereins hat dann aber die Di-Frisco-Fraktion gewonnen. Die Konsequenz: Tsapakidis, unstrittig mit wichtigster Macher des Aufstiegs, ist weg, der alte Trainer hingegen in neuer Frische zurück im Amt. Kein überraschender Schritt mehr, nachdem zuvor sein Vater Gioacchino und sein Onkel Innocenzo nominell die Führung des Clubs übernommen hatten.
Unter ihnen allen soll nun der große Umschwung gelingen. Das, was zwischenzeitlich bereits Mission-impossible-Ausmaße angenommen zu haben schien. Nicht nur wegen der mächtigen Kluft im Tabellenkeller – vom nach jetzigem Stand rettenden 13. Platz trennen die Echterdinger sieben Punkte. Auch, weil nicht so recht klar wurde, wie eine kickende Belegschaft, die nach noch gutem Saisonstart zwölf ihrer folgenden 14 Spiele verlor, mental noch einmal auf die Höhe kommen will.
„Totenstimmung“ habe zum Jahreswiederbeginn geherrscht, „Leere“, konstatiert Di Frisco. Mittlerweile? Sieht er immerhin in dieser Hinsicht bereits einen Turnaround erreicht. In vielen Einzelgesprächen und mit Teambuildingaktionen, siehe Beispiel Rasiermesser, habe man das Selbstvertrauen und den Spaß am Spiel wieder gestärkt. Zudem „haben wir“, wie Di Frisco es nennt, „im Regal ein bisschen aufgeräumt“. Sprich: am Kader die ein oder andere Korrektur vorgenommen.
Mehr „Herz, Wille und Leidenschaft“
Ja, im Abwehrchef Denis Zagaria und dem Ballvirtuosen Ali Ferati ging fußballerische Qualität verloren. Doch sieht Di Frisco jene durch aktuell wichtigere, andere Komponenten kompensiert. Bei der Suche nach Ersatz lautete das Schlagwort auch Qualität, klar, viel mehr aber noch Mentalität. In puncto „Herz, Wille, Leidenschaft“, so des Trainers Überzeugung, habe man mit den demgegenüber drei Neuen dieser Transferperiode einen „deutlichen Zugewinn“ erlangt.
Allen voran zu nennen ist dabei der Innenverteidiger Rigon Spahiu. 1,93 Meter groß, gekommen vom Spitzenreiter Großaspach, ein kompromissloser Zweikämpfer. Oder, um es mit Di Frisco zu sagen: „Ein Monster. Er frisst die Gegenspieler auf.“ Zusammen mit dem Kapitän Charalampos Parharidis oder dem Youngster Julian Unger soll der gebürtige Nürtinger die Abwehrzentrale bilden.
Ebenfalls in die Kategorie Rackerer und Beißer fallen der aus Backnang verpflichtete Maximilian Kuchler, der die rechte Abwehrposition übernehmen könnte, sowie der Rückkehrer Adin Kajan – während Calcio auf eine Verpflichtung des Trainingsgasts Dario Ivos (23, zweite Liga Bosnien) inzwischen verzichtet hat.
Dass alle Zugänge dem defensiveren Bereich zuzuordnen sind, kommt nicht von ungefähr, liegt dort doch die größte Baustelle. 44 Gegentore haben die Echterdinger schon kassiert, im Schnitt mehr als zwei pro Partie – das sind die Werte eines Absteigers. Vor allem in diesem Bereich wird sich Calcio steigern müssen. An dieser Erkenntnis führt auch für den eigentlichen Offensivfußball-Liebhaber Di Frisco kein Weg vorbei. „Wir haben uns in unserer Auszeit ja auch hinterfragt und überlegt, was wir anders machen müssen“, sagt er mit Blick auf sich und sein Trainerteam. Die Grundausrichtung, ohne sich in die Karten schauen lassen zu wollen, dürfte dazu gehören. Ebenso die Herausforderung, diesmal zügiger eine Stammformation zu finden. In der Hinrunde bekamen die häufig wechselnden Aufstellungen eher nicht.
Bleibt die spannende Frage, ob es dann tatsächlich noch für die tolle Aufholjagd reichen kann? „Wir haben einen brutalen Berg vor uns, den wir erklimmen müssen“, sagt Di Frisco, spricht aber von einer „realistischen Aufgabe“. Klar, was auch sonst. Wenn nicht er als Chef überzeugt voranschreiten wollte, wer dann?
Auftakt mit zwei Schlüsselspielen
Allemal gleich richtungsweisende Bedeutung werden die beiden Auftaktspiele haben, an diesem Samstag (14 Uhr) in Oberachern und am Wochenende darauf in Bissingen. Calcio braucht nun schnelle Erfolge. Für die Tabelle, für den Glauben an die eigenen Stärken – und nicht zuletzt dafür, dass die gerade neu erlangte Stimmung erhalten bleibt. „Diese“, weiß der frisch rasierte Coach, „kann bei schlechten Ergebnissen natürlich auch schnell wieder kippen.“ Und dann, verflixt, wäre das Bartopfer womöglich ganz umsonst gewesen.
Weitere Infos
Zugänge
Maximilian Kuchler (24, Abwehr, TSG Backnang), Rigon Spahiu (22, Abwehr, SG Sonnenhof Großaspach), Adin Kajan (25, Mittelfeld, FV Ravensburg).
Abgänge
Denis Zagaria (TSV Grünbühl), Markus Obernosterer (Karriereende), Denis Werner (spielender Co-Trainer Türkspor Heidenheim), Ali Ferati, Claudio Paterno (beide TSG Backnang), Adis Hamidovic (TSV Heimerdingen II).
Abstieg
Zwei bis maximal sechs Mannschaften müssen absteigen. Abhängig ist die Zahl von zwei Faktoren. Erstens: wie viele baden-württembergischen Teams aus der Regionalliga absteigen. Zweitens: ob der Oberliga-Zweite über die Aufstiegsspiele der Vizemeister den Sprung nach oben schafft oder nicht.