Unter Hansi Flick hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft wieder Spaß – und bereitet den Fans Freude. Die echten Bewährungsproben warten aber noch.
Wolfsburg - Es ist seit dem jähen Londoner EM-Aus vom 29. Juni, dem 0:2 im Achtelfinale gegen England, erst das zweite Mal gewesen, dass Joachim Löw ein Fußballstadion von innen gesehen hat. Seine Premiere nach der Schmach von Wembley feierte Löw Ende Oktober beim 1:1 des VfB Stuttgart in der Bundesliga gegen Union Berlin – nun bildete das 9:0(4:0)-Schützenfest der Nationalelf über den früh dezimierten und heillos überforderten Fußballzwerg aus Liechtenstein den endgültigen Schlusspunkt der Ära des Ex-Bundestrainers.
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Spät am Abend sind der Rotwein-Liebhaber Löw und einige enge Begleiter noch zu einer internen Feier im noblen Ritz-Carlton-Hotel zusammengekommen, das sich an einem See zwischen der Wolfsburger Fußballarena und dem VW-Werk befindet. Etliche der alten Weggefährten wie Lukas Podolski oder Sami Khedira hatten zuvor auf dem grünen Stadionrasen noch für den Rekord-Bundestrainer Spalier gestanden, der in diesem Moment leicht glasige Augen hatte.
Löw steht für die Vergangenheit, Flick für die Zukunft
Löw kann in seiner Ära auf die Bestmarke von 198 Länderspielen, auf acht Turnierteilnahmen, den WM-Titel 2014 sowie den Sieg beim Confed-Cup 2017 zurückschauen. Mit Blick in die Zukunft unter seinem Nachfolger Hansi Flick sagt der 61-Jährige: „Hansi ist der beste Trainer, den diese Mannschaft haben kann. Er hat viel Energie in die Mannschaft gebracht, er macht das hervorragend.“
Löw steht also für die Vergangenheit, Flick für die Zukunft – und er hat mit seinem Team das Beste aus einem Fußballabend herausgeholt, der eigentlich kein natürliches Hochglanzformat für einen standesgemäßen Löw-Abschied besaß. Schließlich hatte die DFB-Elf ihre WM-Teilnahme in Katar bereits vor dem Anpfiff eingetütet, es gastierte in der Auswahl aus Liechtenstein die Nummer 190 der Fifa-Weltrangliste, fünf Spieler mussten sich zudem durch den Coronafall Niklas Süle vorzeitig in Quarantäne verabschieden – und obendrein haben die steigenden Infektionszahlen ja auch nicht vor den Toren Wolfsburgs haltgemacht.
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Vor diesem Hintergrund darf man vor der von Hansi Flick neu inspirierten Nationalelf, in der Thomas Müller mit seinem 42. Länderspieltreffer mit Michael Ballack auf Platz neun der ewigen Torjägerliste gleichzog, durchaus den Hut ziehen. Die 25 489 Fans im Stadion haben ihr Kommen jedenfalls nicht bereut. „Das Zusammenspiel zwischen Mannschaft und Fans war toll, es war eine grandiose Stimmung“, fand Hansi Flick.
Und die Treffer durch Ilkay Gündogan, Marco Reus, Ridle Baku sowie je zweimal Leroy Sané und Thomas Müller (dazu kamen zwei Eigentore) müssen auch gegen zehn Liechtensteiner erst einmal geschossen werden. Zudem hielt Flicks Mannschaft, in der mit Christian Günter, Lukas Nmecha, Kevin Volland, Ridle Baku, Jonas Hofmann oder dem Lokalmatadoren Maximilian Arnold viele Spieler aus der zweiten Reihe standen, stets das Tempo hoch.
Die Nationalspieler zeigen aufsteigende Form
Tatsächlich ging mit dem Startschuss für Hansi Flick im Nationalteam ein Aufbruch einher nach der drögen Schlussphase unter Joachim Löw, der mindestens drei Jahre zu lang im Amt gewesen ist.
Bei vielen Akteuren zeigt der Trend im Nationalteam klar nach oben: etwa beim zweifachen Torschützen Leroy Sané, den Flick bereits als Bayern-Trainer belebte. Aber auch Akteure wie der Ex-VfB-Profi Antonio Rüdiger, der amtierende Champions-League-Sieger vom FC Chelsea, oder der gleich zu Beginn der Partie per Kung-Fu-Tritt an den Hals niedergestreckte Leon Goretzka haben auf internationalem Parkett deutlich an Format gewonnen.
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Also darf sich der neue Bundestrainer gleich über einen Rekord freuen: Denn sechs Siege in den ersten sechs Länderspielen hat in der ruhmreichen Geschichte des viermaligen Fußball-Weltmeisters noch kein Chefcoach vor Flick hingekriegt.
„Man muss das ein bisschen relativieren. Es ist ja so, dass wir jetzt keine extrem schwierigen Gegner in der Gruppe haben“, erklärte Thomas Müller. Also fällt der Applaus verhalten aus angesichts der leichtgewichtigen Gegner im Premieren-Sextett: Zweimal Liechtenstein, Armenien, Island, Rumänien und Nordmazedonien hießen sie.
Ein Hochkaräter wurde in der Flick-Ära noch nicht besiegt, der echte Härtetest steht also erst bevor, was der Bundestrainer allerdings nicht zu verantworten hat. Denn die aufgeblähte europäische WM-Qualifikation mit 55 teilnehmenden Nationen ist eine Idee des Weltverbandes Fifa. Für die deutsche Elf endet sie am Sonntag mit der Partie in Armenien (18 Uhr/RTL).