Manuel Neuer, Marc-André ter Stegen und Kevin Trapp repräsentieren in der DFB-Elf die aktuelle deutsche Torhüter-Generation. Und sie stehen in einer lange Tradition von Welt- und internationaler Klasse auf dieser Position. Aber: Wer folgt auf sie?
Düsseldorf - Der Mann, der die Gegenwart und die nahe Zukunft im deutschen Tor verkörpert, wird an diesem Samstag 35 Jahre alt. Manuel Neuer wird an seinem Ehrentag auf Dienstreise sein, er wird kurz vor Abflug um 10 Uhr in Köln/Bonn das Flugzeug in Richtung Bukarest besteigen, wo tags darauf das zweite WM-Qualifikationsspiel dieses Jahres gegen Rumänien steigt. Vor dem ersten Spiel am Donnerstag gegen Island in Duisburg (20.45 Uhr/RTL) ging es nun auf der Pressekonferenz um Neuers Zukunft als Nationalkeeper. Und was der Welttorhüter da auf dem Podium im Düsseldorfer Mannschaftshotel so sagte, bestätigte das, was er vorher immer wieder betont hatte: Schluss soll noch lange nicht sein!
Beruhigend: Neuer denkt nicht an Abschied
Im manchmal etwas verklausulierten Manuel-Neuer-Deutsch klang das dann so: „Ich mache das davon abhängig, wie es meiner Gesundheit geht, die Entscheidung treffe ich immer danach.“ Und weiter: „Ich brauche das Gefühl, gebraucht zu werden, das ist wichtig.“
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Nun, das weiß Neuer womöglich selbst am besten: Der Mann wird gebraucht im deutschen Tor. Weil er noch immer der beste Torhüter der Welt ist, daran kann es nach den Eindrücken der vergangenen Monate keinen Zweifel geben. Und wer diesen hochehrgeizigen Neuer kennt, der weiß: Selbst nach der Heim-EM 2024 muss nicht zwingend Schluss sein. Denn wenn der Neuer da immer noch so gut in Schuss ist wie jetzt, dann wird er selbst wenige Gründe sehen, um aufzuhören.
Ebenfalls Weltklasse: Marc-André ter Stegen
Die nächsten Jahre also muss sich das Torhüterland Deutschland keine Sorgen machen – zumal Neuers Kronprinz, der Weltklassemann Marc-André ter Stegen (28), längst bereit steht für die Nachfolge, wann auch immer der Keeper des FC Barcelona ran darf. Es gibt auch noch Bernd Leno (29/FC Arsenal) und Kevin Trapp (30/Eintracht Frankfurt), die zuletzt immer zum Kader der Nationalelf gehörten und internationale Klasse verkörpern.
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Aber was kommt danach in diesem Land der Keeper, das große Meister ihres Fachs wie Toni Turek, Hans Tilkowski, Sepp Maier, Toni Schumacher, Andreas Köpke, Oliver Kahn, Jens Lehmann sowie jetzt Neuer und ter Stegen hervorgebracht hat?
Ungewisse Zukunft auf der Torhüterposition
Fakt ist: So rosig die Gegenwart mit Neuer und ter Stegen ist, so ungewiss ist die langfristige Zukunft auf der Torhüterposition. Der DFB-Direktor Oliver Bierhoff schlug kürzlich Alarm – und eröffnete eine Diskussion über die derzeit fehlenden deutschen Talente. „Wir haben kaum Strafraum-Stürmer und bei den Außenverteidigern und mittlerweile sogar bei den Torhütern Probleme“, sagte Bierhoff. Andreas Köpke, seit 2004 Torwarttrainer der DFB-Elf, äußerte ebenfalls Sorgen: „Wir müssen aufpassen“, sagte er, „dass wir nach der Generation Neuer und ter Stegen keine Probleme bekommen.“
Was also ist da los bei den jungen deutschen Keepern? Fakt ist: Florian Müller (23) vom SC Freiburg ist derzeit der einzige deutsche Stammtorwart unter 26 Jahren in einer europäischen Topliga. Bei der in dieser Woche beginnenden U-21-EM kann sich Trainer Stefan Kuntz zwischen Lennart Grill von Bayer Leverkusen und Finn Dahmen vom FSV Mainz entscheiden. Beide eint, dass sie bei ihren Clubs keine Stammkräfte sind.
Karrieren in der Sackgasse
Die beiden deutschen Torhütertalente, die zuletzt so etwas wie die große Hoffnung für die Zukunft waren, stecken wiederum in einer Art Karrieretief fest, weil sie ihr Karriereplan in eine Sackgasse manövriert hat. Alexander Nübel (24), ehemaliger U-21-Nationalkeeper, kommt nach seinem Wechsel vom FC Schalke zum FC Bayern wie erwartet nicht an Manuel Neuer vorbei. Auch Markus Schubert (22), ebenfalls ehemaliger U-21-Nationaltorwart, kommt derzeit nicht zum Einsatz – er wurde vom FC Schalke an Eintracht Frankfurt ausgeliehen und ist hinter Kevin Trapp Ersatz.
Es ist die allgemeine Entwicklung, welche Andreas Köpke missfällt. „Die Jungs bekommen zu wenig Spiele, um sich weiterzuentwickeln“, sagt er und ergänzt: „Als junger Torwart ist Spielpraxis durch nichts zu ersetzen.“
Die fehlenden Einsatzzeiten im Allgemeinen lassen sich dabei gut am Beispiel Bundesliga beleuchten. So haben von den 18 Clubs nur noch neun einen deutschen Stammtorhüter – für das große Torhüterland ist das wohl eines der alarmierendsten Zeichen.
Talente-Misere in Deutschland
Was also läuft da schief? Grundlegende Kritik am Torwarttraining in Deutschland übt Roman Weidenfeller. „Die Torhüter werden nun offenbar mehr darauf trainiert, als elfter Feldspieler zu agieren“, sagt der ehemalige Keeper von Borussia Dortmund: „Dabei, finde ich, werden die Grundlagen für Torhüter vernachlässigt – das Wichtigste ist immer noch, dass sie Bälle abwehren und halten.“
In eine andere Richtung denkt Roland Virkus, Chef des Nachwuchsleistungszentrums von Borussia Mönchengladbach. Er sieht die Isolierung der Torhüter im Training als Ursache der Talente-Misere an. „Wir müssen das Training individualisieren, aber am wichtigsten wird immer das komplexe Spiel sein“, sagt er – und fordert: „Die Torhüter müssen wieder mehr ins Teamtraining integriert werden.“ Aktuell seien die Torhüter, so Virkus weiter, top ausgebildet: „Aber es sind vor allem Dinge wie Antizipation und Stellungsspiel, also unspektakuläre Dinge, gefragt. Und die lernt man nur im komplexen Spiel.“