Marc-André ter Stegen (re.) fordert im Kampf um das deutsche Tor Manuel Neuer heraus. Foto: dpa

Im Tor der DFB-Auswahl steht ein Torhüter-Kampf wie in Kahn-Lehmann-Zeiten bevor.

Wolfsburg/Amsterdam - Auch Joachim Löw fand sich am Vormittag des 7. April 2006 zur verabredeten Zeit beim Geheimtreffen im Sofitel neben dem Münchner Hauptbahnhof ein. Sein Wortbeitrag dürfte aber eher gering gewesen sein. Sein Chef, der Bundestrainer Jürgen Klinsmann, übernahm die undankbare Aufgabe, den Welttorhüter Oliver Kahn davon in Kenntnis zu setzen, dass nicht er, sondern sein verhasster Rivale Jens Lehmann bei der Heim-WM das deutsche Tor hüten darf. Der ultimative Tiefschlag für Kahn, dem Klinsmann bereits knapp zwei Jahre vorher die schwarzrotgoldene Spielführerbinde entzogen hatte.

Dreizehn Jahre später ist es wieder ein Torhüter, der in der Fußball-Nationalmannschaft das Kapitänsamt bekleidet: Manuel Neuer (32) wird an diesem Sonntag (20.45 Uhr/RTL) die DFB-Auswahl zum ersten EM-Qualifikationsspiel gegen die Niederlande auf den Rasen der Amsterdam-Arena führen. Joachim Löw hat sich darauf früh festgelegt und die weitere Zukunft gleichzeitig offengelassen. Doch dürfte auch er irgendwann nicht mehr um ein finales Gespräch in der T-Frage herumkommen - auch wenn der Bundestrainer (im Gegensatz zu seinem Vorgänger) ein Meister im Aussitzen unangenehmer Personalentscheidungen ist.

Immerhin, den ersten Schritt hat Löw bereits hinter sich gebracht. Im Zuge des von ihm ausgerufenen Umbruchs in der Nationalmannschaft ließ er wissen, dass der Konkurrenzkampf künftig auch die Position des Torhüters einschließe. Bei der WM in Russland war das noch anders gewesen. Dort stellte er Neuer eine Carte blanche aus, obwohl der Münchner zuvor monatelang verletzt und daher ohne jegliche Spielpraxis geblieben war. Zum Auftakt des neuen Länderspieljahres hat Löw nun erklärt, dass in den nächsten Monaten auch Marc-André ter Stegen (26) seine Einsätze bekommen werde.

Mit Brosamen wie der zweiten Hälfte des Testspiels gegen Serbien (1:1), als er keine Gelegenheit erhielt, seine Topform zu demonstrieren, wird sich ter Stegen künftig nicht mehr zufriedengeben. „Ich hoffe, dass ich in wichtigen Spielen das Vertrauen des Bundestrainers bekomme und es ihm dann auch zurückzahlen kann“, sagt der Herausforderer vom Niederrhein und eröffnet das große T-Duell. Es ist das erste Mal seit 2010, dass Manuel Neuer, Weltmeister, viermaliger Welttorhüter, Champions-League-Sieger, 85-maliger Nationalspieler, nicht mehr unumstritten ist. Der Torhüterzweikampf könnte so erbittert werden wie in den Kahn-Lehmann-Zeiten.

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Marc-André ter Stegen, ein Ehrgeizling, der in den U-Mannschaften einst Bernd Leno weggebissen hat, kann seine Ansprüche mit gewichtigen Argumenten unterfüttern. Beim FC Barcelona, dem Weltclub aus Katalonien, zeigt der gebürtige Mönchengladbacher seit Monaten herausragende Leistungen. Nicht nur die spanische Presse („Ein Torwart wie eine Kathedrale“, „Messi mit Handschuhen“) überschlägt sich vor Begeisterung. Auch der derzeit wohl konstanteste Bundesligakeeper Roman Bürki von Borussia Dortmund hält ter Stegen für „den besten Torhüter Europas“. Er beobachte ihn häufig, sagte der Schweizer dem „Kicker“, „er hat einen eigenen Stil und strahlt eine unheimliche Überzeugung aus.“

Manuel Neuer hingegen ließ ter Stegen unerwähnt, als er neulich nach den derzeit stärksten Torhütern der Welt gefragt wurde. Stattdessen nannte er den Franzosen Hugo Lloris (Tottenham Hotspur), den Belgier Thibaut Courtois (Real Madrid) und den Spanier David de Gea (Manchester United). Sein eigener Name, bei allen Ranglisten jahrelang an erster Stelle, fällt bei solchen Aufzählungen immer seltener. Nach zwei Mittelfußbrüchen und monatelangen Verletzungspausen hat Neuer an Aura und Unfehlbarkeit eingebüßt. Sein Denkmal beginnt zu bröckeln – ter Stegen ist wild entschlossen, ihn vom Sockel zu stoßen.

Er habe „absoluten Respekt davor, was Manu für Deutschland bislang getan hat, er hat tolle Turniere gespielt“, sagte der Rivale kurz vor der Länderspielpause dem Streamingdienst „Dazn“: „Aber ich möchte, und da mache ich auch kein Geheimnis daraus, den Umbruch auch auf der Torwartposition vollziehen. Ich will Druck machen“.

Wohl auch deshalb hat das Münchner Boulvardblatt „tz“ bereits die „Eiszeit zwischen den Pfosten“ ausgerufen und die bange Frage aufgeworfen: „Eskaliert der Konkurrenzkampf zwischen Neuer und ter Stegen?“ So weit ist es noch nicht - zumindest, wenn man Leon Goretzka Glauben schenkt. „Ich habe sie heute Morgen gemeinsam am Frühstückstisch sitzen sehen“, berichtet der Mittelfeldspieler des FC Bayern am Tag vor dem Spiel in den Niederlanden, „sie haben sich harmonisch unterhalten.“

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