Vor dem Duell an diesem Freitag ist klar, dass es nicht nur den Trainer Agatic nach Echterdingen zieht. Kommt dafür ein Torschützenkönig? Und spielt das Team dennoch um den Titel?
Zum Glück ist der Spielleiter Thomas Otto keiner, der sich so schnell aus der Ruhe bringen lässt. Eher der gemütliche Typ. Besonnen, reflektiert. Hätte er sonst womöglich bereits in einstiger Klinsmann-Manier Löcher in Werbetonnen getreten? Oder würden ihm, hadernd am Schreibtisch, graue Haare wachsen?
Irgendwie verrückt ist es ja schon. Da spielen die Fußballer des TSV Bernhausen, gemessen an Klassenzugehörigkeit und Platzierung, ihre seit Jahrzehnten beste Saison. Da geht es im mittlerweile dritten Wettbewerbsjahr fast nur in eine Richtung, nämlich bergauf. „Lila Monster“, ein verschworenes Team, auf Beutetour – nun obendrein mit der alles toppenden Chance. Klopfen die Filderstädter zum ersten Mal in ihrer Vereinsgeschichte sogar in der Verbandsliga an?
Und dennoch: Stellte man hinter den Kulissen gerade ein Stimmungsbarometer auf, täte sich dessen Zeiger schwer, in welche Richtung er schlagen soll. Der Grat zwischen Erfolgsfreude und Begleitschmerz wird für die Abteilungsverantwortlichen immer schmaler. Denn fix ist inzwischen nicht nur, dass der Erfolgstrainer Roko Agatic dann im Sommer wie berichtet geht. Nein, bei weitem mehr: Mit ihm werden acht (!) Spieler den Verein verlassen, alle mit derselben Zielrichtung. Auch sie stehen vor einem Wechsel zum Staffelrivalen TV Echterdingen. Sprich: zu jenem Gegner, der an diesem Freitag (19.30 Uhr) just als Auftakthürde der zweiten Saisonphase an den Fleinsbach kommt. Welch Timing des Spielplans.
Für reichlich Derby-Zündstoff ist folglich gesorgt – und bei den Gastgebern zudem für die unliebsame Gewissheit, dass es im eigenen Kader also, allen sportlichen Höhenflügen zum Trotz, zu einem großen Umbruch und Neuaufbau kommen wird. Besser gesagt: kommen muss. Nur gut drei Monate noch, dann wird das jetzige Hurrateam Geschichte sein. Zumindest in Bernhausen. „Schön ist das natürlich nicht“, sagt Otto, der während der Winterpause bemüht war, möglichst viele seiner Kicker vom Verbleib zu überzeugen. Letztlich aber hatte er zu erkennen, dass bei nicht wenigen die Verbundenheit zum Coach offenbar größer ist als jene zum Verein. Eine bereits befürchtete Sogwirkung der Agatic-Ausstiegsankündigung, die alle eigenen Argumente überwog.
Wer konkret die acht sind, will einstweilen keiner der beiden Vereine namentlich benennen. Definitiv dabei ist der in der Vergangenheit selbst schon von Oberligisten umworbene Defensivstratege Oliver Lujic. „Wir geben da keine Wasserstände ab“, sagt Otto, bestätigt aber die Anzahl. Zusatz, siehe Stichwort innere Ruhe: „Keine Aufregung. Wir sitzen weiter auf dem Fahrersitz und kommen klar mit der Situation.“ Wohl auch deshalb, weil sich zugleich bereits ein zweiter Verschiebebahnhof abzeichnet, in diesem Fall hin zu den Seinen. Wie aus zuverlässiger Quelle zu hören ist, wird der als Agatic-Nachfolger verpflichtete Ugur Yilmaz wiederum mehrere Spieler von seinem Noch-Verein FV Neuhausen mitbringen – darunter in David Govorusic (27) der ehemalige Torschützenkönig der Landesliga-Staffel 2.
Zu klären bleibt, ob und inwieweit sich die Geschehnisse auf die Leistungskurve der Gegenwart auswirken. 15 Spiele noch in der laufenden Saison. Kann es gut gehen mit einer Belegschaft auf dem Absprung? Lässt sich für die Beine ausblenden, was in den Köpfen kreist? Performt die Mannschaft dennoch einfach weiter?
Wenigstens bei einem hegen weder Otto noch Agatic einen Zweifel: bei Agatic selbst. Dessen Versprechen „100 Prozent bis zum Schluss“ steht. „Für mich ist wichtig, dass jetzt alle Charakter zeigen und unverändert ehrlich arbeiten“, sagt der Trainer. Seinen eigenen Antrieb benennt er so: „Die Arbeit, die wir hier über drei Jahre gemacht haben, nun auch zu einem erfolgreichen Ende bringen.“ Und wer ihn kennt, der weiß: „erfolgreich“ bedeutet bei ihm „maximal erfolgreich“. Keine Frage, ein weiterer Aufstieg wäre die krönende Zugabe seiner Bernhausener Schaffenszeit.
Rein tabellarisch sind die Aussichten dafür gut. Als Tabellendritter haben die „Veilchen“ nur vier respektive einen Punkt Rückstand auf das überraschend führende Aufsteigerduo Köngen und Eislingen, dies bei einer weniger absolvierten Begegnung (Nachholspiel am 19. März in Neuhausen). Nominell hat der Verein derweil die durch den Ausfall der Leistungsträger Henry Alber, Bogdan Rangelov (beide Kreuzbandriss) und Mikail Gümüssu (Patellasehnenreizung plus Hochzeit/Flitterwochen) sowie des Ersatzkeepers Kristian-Krassimir Alexandrov (Pause wegen Herzbeschwerden) entstandenen Lücken mit vier Winterzugängen nachbesetzt. Von denen sieht Agatic vor allem den aus Heiningen geholten Mittelfeldmann Marc Galla nah an der Startelf dran.
Ihm, dem Coach, bereitet momentan, anders als wohl manch anderem im Verein, nur eines etwas Bauchgrimmen: Vor allem grippewellenbedingt war die Trainingsbeteiligung in der Rückrundenvorbereitung schlecht. „Wären alle fit, auch ein Alber, Rangelov und Gümüssu, wären wir jetzt der große Titelfavorit, denke ich“, sagt Agatic.
So aber, unter all den geschilderten Umständen? Zweifel scheinen berechtigt. Otto sieht es zu einem möglichen Thema Verbandsliga so: „Wenn’s passiert, nehmen wir das mit. Wenn nicht, wird die lila Welt nicht untergehen.“ Und Tonnen werden sowieso keine eingetreten.
Zumal: Um etwaige Mütchen zu kühlen, gibt es ja fürs Erste auch noch eine andere Möglichkeit. Drei Derbypunkte an diesem Freitagabend gegen den TV Echterdingen? Noch wohl selten hätten sie sich gegen einen Gegner besser angefühlt als dieses Mal. Es wäre die quasi subtilere Form des Klinsmann-Tritts – jene für ruhige und besonnene Zeitgenossen.
Personalien
Zugänge
Andreii Shamenko (Angriff/rechtes Mittelfeld, FSV Waldebene-Stuttgart-Ost), Marc Galla (21, zentrales Mittelfeld, FC Heiningen), Emre Bayrak (20, Linksaußen, KSV Renningen), Arjanit Januzi (23, Torhüter, Spvgg Cannstatt).
Abgänge
Marko Gavric (zurück nach Kroatien), Hrvoje Markic (FV Plochingen), Bleron Gjuraj (verletzungsbedingte Fußballpause), Cono Lombardo (Omonia GFV Vaihingen), Clemens Kofi Seddon (Fußballpause).