Der TV Echterdingen befindet sich im erneuten Neuaufbau. Nach der vergangenen Seuchensaison lechzen alle nach Besserung. Doch ist der Kader ausreichend aufgestellt?
Es gibt Fragen im Fußball, bei denen hilft kein Fachlexikon und kennt keiner ein Patentrezept. Wie etwa schüttelt man eine Pleiten-Pech-und-Pannen-Saison wie die vergangene aus den Klamotten? Wohl dem, der für sich persönlich einen derartigen Blitzweg gefunden hat wie Valentin Haug. Die sportliche Qual war im Juni gerade mal eine Woche beendet, als der Trainer den eigenen Schalter auch schon umlegte. Mit seiner besseren Hälfte Sissy hat er sich vor den Traualtar gewagt. Der letztjährigen standesamtlichen Besiegelung folgte nun auch noch kirchlich die große Sause. Anschließend ließen beide in Griechenland und Österreich die Seele baumeln. Das Handy war aus – und der besagte Fußball gefühlt so weit weg wie die Filder von den Fidschi-Inseln.
Insofern ist nun zumindest Haug beim TV Echterdingen gut erholt und mit wieder vollem Akku am Start. Dies ist freilich auch nötig. Denn schon jetzt, vor dem Beginn der neuen Punkterunde am nächsten Sonntag, scheint klar, dass es abermals kein Zuckerschlecken wird. Landesliga also wieder statt Verbandsliga, nach dem Abstieg eine Etage tiefer als bisher. Die Spielklasse hat sich geändert, eine personelle Herausforderung aber ist geblieben: Erneut steht Gelb-Schwarz vor einem Neuaufbau. Erneut, wie auch vor zwölf Monaten, gilt es, einen großen Kaderumbruch zu vollziehen. Alle Mann zurück auf „Los“, nächster Teil.
17 Kicker aus jenem Aufgebot, das seit vorigem September von 28 Pflichtspielen lediglich zwei gewonnen hat, sind weg. Zehn andere mischen als Zugänge mit. „Dass es nach so einer Frustsaison einen Schnitt gibt, lässt sich schwer vermeiden und war teilweise auch so gewollt“, sagt Haug. Allerdings eben nur teilweise. Mit einem Dominik Renz, Jakob Ehret oder Royal-Dominique Fennell hätte er gerne weitergemacht, was sich mit den schulischen beziehungsweise beruflichen Plänen des Trios aber nicht vereinbaren ließ. Und auch der Ausstieg der beiden Jungtalente Dorde Smiljic und Gyoel Toth schmerzt.
Nach wie vor vorhanden ist jedoch immerhin ein Gerüst der Arrivierten, das dem Verein die Treue gehalten hat. Oder, um es mit Haug zu formulieren: „Spieler, mit denen man keine 15 Gespräche führen musste. Typen, bei denen man merkt: es geht um den Verein. Denen nicht egal ist, ob ihr Trikot rote, blaue, schwarze oder gelbe Farbe hat.“ In guten wie in schlechten Zeiten. Beispiel der Torjäger Caglar Celiktas. Beispiel der Mittelfeldroutinier Steffen Schmidt. Beispiel der Abwehrchef und Kapitän Marvin Kuhn, der es nach seinem Kreuzbandriss nun noch einmal wissen will – in den jüngsten Testspielen feierte der 35-Jährige sein Comeback.
Mit ihnen als Eckpfeilern soll ein neues, wieder schlagkräftiges Team entstehen. Auch wenn sich die Suche nach den ergänzenden Puzzleteilen schwierig gestaltet hat. Mit Blick auf jene, die es nun geworden sind, sagt Haug: „Ich bin mit unseren Transfers sehr zufrieden“, allerdings nicht ohne Zusatz. Dieser lautet: „Im Hinblick auf die Möglichkeiten, die wir hatten.“ Daraus, dass der Verein den Gürtel enger schnallen musste, macht der zudem mit Management-Aufgaben betraute Coach keinen Hehl. Die im Lande allgemeine wirtschaftliche Situation, aber auch der eigene fußballerische Sturzflug haben Sponsorengelder gekostet.
Zwei Youngster auf dem Weg in die Startelf
Entschieden haben die Echterdinger sich schließlich für einen verstärkt perspektivischen Weg. Nahezu alle Neuen fallen in die gleiche Kategorie: jung, entwicklungsfähig, noch am Anfang ihrer Aktivenkarriere. Am weitesten sind aktuell der bisherige Musberger Marius Nita (20) und der aus Nagold gekommene Laurenziu Biemel (21). Beide gelten nach den Leistungen der Saisonvorbereitung als prompte Startelfkandidaten: Nita als Linksverteidiger, Biemel auf einer der Achterpositionen im 4-1-4-1-System.
Insgesamt umfasst der Kader nur 21 Spieler. „Genug“, findet Haug, „sonst hat man zu viele Unzufriedene“. Gewagt respektive wacklig, mögen Kritiker einwerfen, zumal ob einer Vorgeschichte. Dass es zuletzt derart schief ging, lag mit an einem rekordverdächtigen Verletzungspech. Was, wenn dieses erneut zuschlägt? Drei der erwähnten 21 kommen nun aus Langzeitblessuren, außer dem erwähnten Kuhn auch der Keeper Marko Gaspar und der Offensivakteur Furkan Özüdogru (vom Oberligisten SSV Reutlingen). Letzterem attestiert Haug „das Potenzial, in der Landesliga ein Unterschiedsspieler zu sein“. Das Problem: nicht heute, sondern eher morgen. Der 22-Jährige hat sogar zwei Kreuzbandrisse hinter sich und ist derzeit im Aufbautraining.
Es braucht also Geduld und Zeit. In Özüdogrus Fall, aber aus Haugs Sicht auch überhaupt. Umbruch, diverse anstehende Urlaube, dazu ein vom Coach erkanntes Fitnessdefizit, womit sich die Seinen in den beiden vergangenen Wochen konditionelle Schweißarbeit einbrockten – in Anbetracht dieser Komponenten geht Haug von einem Bestzustand „frühestens Ende September“ aus. „Wenn mal alle da und fit sind, haben wir eine ordentliche Truppe beisammen“, sagt er. Betonung auf „wenn“.
Bleibt abzuwarten, in welchem Ausmaß er diese Geduld und Zeit im Verein sowie vom zuletzt leidgeprüften Umfeld erhält. Sie alle lechzen nach Besserung. Während Haug sich auf kein tabellarisches Saisonziel festlegen will und sich mit den Vorgaben „Weiterentwicklung der Mannschaft und wieder attraktiveren Fußball spielen“ im Vagen bewegt, hat der Abteilungschef Phillip Wunsch klarere Vorstellungen. Er sagt: „Als Absteiger sollten wir zumindest im vorderen Drittel mitspielen.“
Das Auftaktderby am Sonntag (15 Uhr) beim FV Neuhausen wird zur ersten Standortbestimmung. Auch hinsichtlich dessen, wie lange Haugs Erholung samt guter Frisch-Vermählten-Laune anhalten wird.
Weitere Infos
Zugänge
Laurenziu Biemel (VfL Nagold), Mehmet Karakus (TSV Bernhausen), Maric Lucov (JC Donzdorf), Marius Nita (TSV Musberg), Phil Schmidt (VfL Sindelfingen), Furkan Özüdogru (SSV Reutlingen), Yannis Kalchschmidt (FC Auggen/beruflich bedingter Umzug), Merdan Babatas, Marlon Herderich (beide Junioren 1. CfR Pforzheim), Jannis Duplys (Junioren VfR Heilbronn).
Abgänge
Daniel Kühnbach Azevedo, Kevin Prekaj, Enhar Jonus, Dorde Smiljic (alle FC Esslingen), Luka Boljanic (SV Böblingen), Julian Teßmann (SSV Ehingen-Süd), Armin Zukic, Hasan Kaya (beide TSV Ehningen), Jakob Ehret (beruflich bedingter Umzug/FC Radolfzell), Dominik Renz (Studium in den USA), Royal-Dominique Fennell, Mijo Tunjic, Ricardo Boroni (bei allen Karriereende), Luis Niesner, Yule Tröger (bei beiden Fußballpause), Gyoel Toth (studienbedingter Umzug), Duncan Cunion (Ziel unbekannt).
Trainer
Valentin Haug (seit Juli 2024).
Saisonziel
Weiterentwicklung der Mannschaft; wieder erfolgreicheren und attraktiveren Fußball spielen (Platzierung in der vergangenen Saison: 15. Verbandsliga).
Meistertipp
SV Waldhausen, TSV Bernhausen.