In Deutschland ist es illegal, auf Amateurfußball zu wetten – beim Spiel FSV Deufringen II gegen SF Kayh II in der Kreisliga B, Staffel VIII, Stuttgart/Böblingen war es aber möglich. Einen Manipulationsverdacht gibt es nicht, doch es stellt sich die Frage nach dem Warum.
Es ist das Duell des Schlusslichts gegen den Vorletzten in der untersten Spielklasse des Fußballbezirks Stuttgart/Böblingen. Sportlich geht es für die beiden zweiten Mannschaften, die an jenem Mittwochabend aufeinandertreffen, um rein gar nichts. In der Kreisliga B, Staffel VIII, empfängt der FSV Deufringen II die SF Kayh II – und weltweit können Live-Wetten auf diese Partie abgegeben werden. Was absolut absurd klingt, ist bittere Realität.
In Deutschland sind Fußballwetten lediglich bis zur 3. Liga erlaubt. Im Amateurbereich sind sie hingegen illegal. Das heißt allerdings nicht, dass sie nicht angeboten werden. Möglich wird das durch sogenannte Datenscouts. Die erscheinen vor Ort und versorgen die Wettanbieter laufend mit frischen Informationen. Wann fällt das nächste Tor? Welcher Kicker erhält eine Gelbe Karte? Wer bekommt den nächsten Eckball? Neben Sieg, Unentschieden und Niederlage sind unter anderem das die Ereignisse, auf die man in Echtzeit Geld setzen kann.
Wie man die Datenscouts erkennt
Thomas Melchior kennt die Vorgehensweise der Datenscouts. Er überwacht Live-Wetten im Internet und versucht, den betroffenen Vereinen rechtzeitig Hinweise zu geben. Auch an jenem Mittwochabend wollte er das von seinem Wohnort Magdeburg aus tun, erreichte aber weder beim FSV Deufringen II noch bei den SF Kayh II jemanden. Was er demjenigen erzählt hätte, den er ans Telefon bekommen hätte? „Datenscouts sind eigentlich leicht zu erkennen“ erklärt er. „Sie beobachten das Geschehen genau und tippen ständig nebenher in ihr Handy ein, was gerade passiert.“ Angesichts der nicht gerade üppigen Zuschauerzahl bei besagter Begegnung im Heckengäu wäre so jemand schnell ausfindig gemacht gewesen. „Dann kann man ihn des Sportplatzes verweisen“, beschreibt Melchior, „und dadurch bricht das gesamte Wettangebot zusammen.“
Der 46-Jährige erläutert, was den Fall so brisant macht: „Die Gefahr von Manipulationen ist in den Amateurklassen besonders hoch.“ Freizeitfußball habe rein gar nichts mit Geld zu tun. „Das macht es umso leichter, ein Spiel, auf das man gewettet hat, mit ein bisschen finanziellem Anreiz in die eine oder andere Richtung zu lenken“, führt er aus. Gerade weil es sportlich um nichts geht, könne man laut ihm bei einer Partie wie Deufringen II gegen Kayh II mit minimalem Aufwand bei der richtigen Quote ein maximales Ergebnis erzielen. Nun liegt es ihm fern, einen Generalverdacht in Richtung der beteiligten Personen zu äußern. Zumal es keinerlei Anhaltspunkte gibt, dass das Staffel-VIII-Kellerduell in irgendeiner Form von Feldspielern, Torwarten oder dem Schiedsrichter verschoben worden wäre.
800 000 Euro verzockt
Was Thomas Melchior allerdings stutzig macht, ist die Suche nach dem Warum. „Welchen Grund hat man, dieses Spiel an einem Champions-League-Abend ins Wettangebot aufzunehmen?“, würde er gerne wissen. „Das ergibt offensichtlich keinen Sinn.“ Genau damit solche Spekulationen über mögliche Manipulationen nicht aufkommen, kämpft er dafür, Wetten vom Amateurbereich fernzuhalten.
Der gebürtige Görlitzer selbst ist Experte auf dem Gebiet der Sportwetten, denn er hat damit schlimme Erfahrungen gemacht. Sie waren der Grund dafür, dass er drei Jahre lang hinter Gittern saß. Insgesamt 800 000 Euro verzockte er. Um seine Spielsucht zu finanzieren, beging er Betrug und Diebstahl, machte dabei auch vor Familie und Freunden nicht Halt. „Ich würde es gerne rückgängig machen, kann es aber nicht. Doch ich kann mithelfen, dass es anderen nicht passiert“, sagt er heute. Im Gefängnis schrieb er das Buch „Mein Leben ist kein Spiel“, im kommenden Herbst erscheint von ihm „Im Kampf gegen Spielsucht und Wettmafia“. Thomas Melchior hat es sich zur Aufgabe gemacht, andere zu warnen.
Nicht nur über Vorträge, Workshops und Schulungen, sondern eben auch über konkrete Tipps. Am Donnerstagmorgen nach dem Spiel erreichte eine E-Mail von ihm auch die Verantwortlichen des FSV Deufringen. „Es war ein gewisses Entsetzen da, dass solche Dinge auch bei uns passieren“, räumt Abteilungsleiter Harald Gammerdinger ein und kündigt an, das Thema ausgiebig im Ausschuss und mit der Mannschaft zu besprechen.
Die Frage, die sich ihm stellt: „Was können wir machen, um dem Einhalt zu gebieten? Es wäre wichtig, dass wir da Unterstützung von Verbandsseite bekommen. Richtlinien, an denen wir uns orientieren können, falls wir bestimmte Aktionen ergreifen müssten.“ Der Schock hat auf jeden Fall die Wachsamkeit geschärft. „Wir werden in Zukunft aufmerksam sein und Leute im Auge behalten, die alleine stehen und nicht zu unserer oder der Fangruppe des Gegners gehören“, nickt Gammerdinger.
Tipp während der Partie
Sein Spielleiter Nico Bühler hatte bereits während der betreffenden Partie einen Tipp bekommen, was da gerade hinsichtlich illegaler Wetten abläuft. „Ich stand aber selbst auf dem Platz und konnte es erst nach dem Abpfiff lesen“, erklärt er und fügt hinzu: „Ich war erschrocken, dass das bis runter in die Kreisliga B geht.“
Trainer Heiko Schmidt und seine Schützlinge glaubten zunächst an einen Scherz, als sie von der Sache erfuhren. „Ich wusste gar nicht, dass sowas in den unteren Klassen geht“, staunt der Coach, der betont, dass beide Teams mit spürbarer Ernsthaftigkeit auftraten. Und selbst wenn etwas Außergewöhnliches passiert wäre: „In der Kreisliga B kann bei den Spielern halt mal was schiefgehen, oder der Schiri trifft eine Fehlentscheidung – das ist doch normal“, zuckt Schmidt mit den Schultern. Ebenso sei es gang und gäbe, hinter der Bande auf dem Handy zu daddeln, was es schwieriger macht, Datenscouts zu entlarven. „Wenn einer Stress mit seiner Freundin hat, schreibt er halt viele WhatsApp-Nachrichten. Das geht uns als Verein nix an“, findet der Übungsleiter.
Datenscout ist so dreist, sich einfach auf die Gästebank zu setzen
Aufseiten der Sportfreunde bezeichnet Arne Bauer die Angelegenheit als „komplett verrückt“. Der Trainer der ersten Kayher Mannschaft war zwar nicht vor Ort, bekam aber erzählt, dass es im Nachhinein ziemlich offensichtlich sei, wer der Datenscout war. „Da kam wohl ein Mann mit handy-artigem Gerät zu uns, der im schlechten Deutsch gemeint hat, er sei neu und suche einen Verein in der Gegend.“ Weil es geregnet hat, durfte sich diese Person auf die überdachte Gästebank dazusetzen. „Die Jungs fanden es zwar komisch, wollten aber nicht unhöflich sein. Mit sowas rechnet man ja auch nicht.“
Der Gäu-Klub hat den Vorfall nun an den Württembergischen Fußballverband gemeldet, der ihn wiederum an den Deutschen Fußballbund weitergeleitet hat. Dort wird mithilfe eines Monitoring-Systems nach auffälligen Geldbewegungen geschaut. In seiner Funktion als Pressesprecher des WFV berichtet Arne Bauer, dass die von Harald Gammerdinger angesprochenen Handlungsempfehlungen seitens des Verbands bereits zu Beginn der Saison rausgingen – jedoch nur an die höherklassigen Vereine. „Kreisliga B war kein Thema, weil wir nicht erwartet haben, dass es da auch passiert.“
Grundsätzlich sei es in Verdachtsfällen ratsam, vom Hausrecht Gebrauch zu machen, einen mutmaßlichen Datenscout des Sportplatzes zu verweisen und ein Stadionverbot auszusprechen. Das Problem: „Um etwas zu unterbinden“, so Bauer, „muss man ja erst einmal damit rechnen.“