Ruhiger und sachlicher Platzverweis für den Datenscout (re.): Nico Bühler (li.) und Julian Lauster (Mitte) machen für den FSV Deufringen vom Hausrecht des Vereins Gebrauch. Foto: Michael Schwartz

Schon wieder! Auch beim Spiel FSV Deufringen gegen SF Kayh in der Fußball-Kreisliga A, Staffel III, Stuttgart/Böblingen gab es illegale Wettangebote im Internet. Doch dieses Mal waren die Verantwortlichen vorgewarnt – und ihnen gelang ein entscheidender Schlag.

Krimi auf dem Fußballplatz. Zeit: Donnerstagabend kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Tatort: ein beschauliches Vereinsgelände im Heckengäu. Delikt: verbotene Sportwetten. Verdächtige: dubiose Anbieter in Übersee. Komplize: ein junger Mann in Camouflage-Kapuzenpulli und Jogginghosen. Status: gelungener Schlag gegen illegale Machenschaften im Amateurbereich. Eine Chronologie der Ereignisse:

 

19.24 Uhr: Wenige Zeigerumdrehungen noch bis zum Anpfiff des Duells FSV Deufringen gegen SF Kayh in der Kreisliga A, Staffel III, Stuttgart/Böblingen. Nico Bühler erkennt eine Person, die ihm sehr bekannt vorkommt. Der Spielleiter der Gastgeber hat diesen einen Kerl, der da allein und etwas abseits steht, schon einmal gesehen. Genauer gesagt acht Tage vorher, als auf die Partie der zweiten Mannschaften der beiden Klubs im Internet Geld gesetzt werden konnte. Es ist derselbe Datenscout wie damals.

Datenscouts: Sie erscheinen vor Ort, beobachten die Partie und versorgen die Wettanbieter laufend mit frischen Informationen, indem sie diese in ihr Handy eintippen. Wer erzielt den nächsten Treffer? Für wen gibt es einen Platzverweis? Wer bekommt Elfmeter? Spieler weltweit können neben Sieg, Unentschieden und Niederlage live auf Ereignisse wie diese setzen. Durch den Datenscout wird es erst möglich, zu sehen, welcher Tipp eintrifft. Wäre das Geschehen auf dem Feld manipuliert, könnte man so fett Kohle machen.

19.31 Uhr: Der Anstoß ist inzwischen erfolgt. Nico Bühler hat den Polizeiposten in Maichingen am Telefon. Er hofft, dass eine alarmierte Streife den Datenscout mitnimmt. Sein Gesprächspartner kann ihm allerdings nicht wirklich weiterhelfen. Der Beamte bittet den Funktionär, eine E-Mail zu senden und darin den Sachverhalt zu schildern. Dann könne er diese an die zuständige Abteilung weiterleiten. Eines ist klar: Bis die angeforderte elektronische Post an der richtigen Stelle eintrifft, wäre das Flutlicht längst aus. Unterstützung der Gesetzeshüter wird es heute also nicht geben.

19.38 Uhr: Nico Bühler und Vereinskollege Julian Lauster haben entschieden, selbst die Initiative zu ergreifen. Sie begeben sich zu dem Datenscout, weisen ihn darauf hin, dass Fußballwetten im Amateurbereich hierzulande illegal sind. Sie machen von ihrem Hausrecht Gebrauch und verweisen den Mann im Hoodie ruhig, sachlich und ohne großes Trara des Geländes. Dieser spricht nur gebrochen Deutsch und versteht zunächst nicht, um was es geht – oder er tut zumindest so. Letztlich kommt er der Bitte nach und geht ganz friedlich. Nur ein Bruchteil des Publikums hat wohl mitbekommen, dass er überhaupt da war.

Ertappt: Der Datenscout macht sich scheinbar vom Acker, versteckt sich dann aber hinter einer Hecke und beobachtet das Geschehen. Foto: Michael Schwartz

19.43 Uhr: Der Datenscout ist nun schon ein Weilchen weg, aber Live-Wetten auf die Partie, bei der es inzwischen 1:1 steht, sind immer noch platzierbar. Das ist eigentlich nur dann möglich, wenn der Datenscout weiterhin seinem Job nachgeht. Denn ohne Infos, was bei der Jagd nach dem runden Leder gerade passiert, könnte auch nicht angeboten werden, darauf Geld zu setzen. Der Komplize muss also noch irgendwo sein. Das Problem: Auch von außerhalb des Sportplatzes kann man das Geschehen auf dem Rasen gut einsehen.

19.44 Uhr: Ein Zuschauer begibt sich auf die Suche. Auf einem schmalen Waldweg außerhalb des Maschendrahtzauns entdeckt er schließlich den Datenscout, versteckt hinter einer Hecke.

19.50 Uhr: Nico Bühler und Julian Lauster schreiten sofort wieder entschlossen zur Tat. Sie konfrontieren den unerwünschten Gast erneut. Nun nehmen sie sogar den Google Translator auf dessen Mobilgerät zu Hilfe, um verständlich zu machen, was sie fordern – nämlich seinen sofortigen Abgang. Das dauert seine Zeit, und während sie es tun, fällt das 2:1 für die Einheimischen. Der Datenscout versucht, zu verhandeln. Er wolle nur noch bis zum Abpfiff dableiben, danach käme er nie mehr nach Deufringen, verspricht er. Doch die FSV-Verantwortlichen beharren auf ihrem Standpunkt und haben Erfolg damit.

Ist der Datenscout etwa immer noch nicht verschwunden?

20.06 Uhr: Auf dem Wettportal ist das Live-Ergebnis auf 2:1 aktualisiert worden. Das muss der Datenscout getan haben, nachdem er zum zweiten Mal weggeschickt worden war. Die mit den Geschehnissen vertrauten Leute hinter der Bande spekulieren schon, ob er sich noch einen anderen Unterschlupf gesucht hat. Plötzlich aber die gute Nachricht: Die Quoten sind eingefroren. Ein sicheres Zeichen dafür, dass der Datenscout nun wirklich fort ist. Wenig später folgt die Bestätigung: Das gesamte Spiel ist offline. Endlich! Ein Sieg für den Amateurfußball, denn so können Manipulationsverdachte gar nicht erst aufkommen.

Das weiße Vorhängeschloss-Symbol zeigt es an: Die Quoten sind eingefroren, ... Foto: Screenshot
... und kurz darauf ist das betreffende Spiel komplett offline. Foto: Screenshot

Info

Verbot:
In Deutschland sind Fußballwetten lediglich bis runter zur 3. Liga erlaubt. Im Amateurbereich sind sie hingegen illegal. Das heißt allerdings keinesfalls, dass sie nicht angeboten werden.

Verschoben:
Die Gefahr von Manipulationen ist laut Experte Thomas Melchior in den Amateurklassen besonders hoch. Freizeitfußball habe laut ihm rein gar nichts mit Geld zu tun, was es umso leichter mache, ein Spiel, auf das man gewettet hat, mit ein bisschen finanziellem Anreiz für Beteiligte in die eine oder andere Richtung zu lenken. Mit minimalem Aufwand ließe sich so bei der richtigen Quote ein maximales Ergebnis erzielen.

Verdacht:
Wetten auf das Spiel FSV Deufringen gegen SF Kayh – oder das Duell der beiden zweiten Mannschaften dieser Vereine – anzubieten, ergibt nicht nur auf den ersten Blick keinen Sinn. Bei der Frage nach dem Warum können schnell Spekulationen über mögliche Manipulationen aufkommen – selbst wenn diese unbegründet sind. Und genau deshalb ist es wichtig, Wetten vom Amateurbereich fernzuhalten.