Gerd Riehm (re.) mit Nationalstürmer Timo Werner: Der Trikothändler an der Paulinenbrücke hat 1500 Deutschland-Trikots geordert. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Eine Fußball-WM ist für Händler und Gastronome ein willkommenes Zusatzgeschäft – oder doch nicht? Wir haben uns in Stuttgart umgehört, wer von der Weltmeisterschaft profitiert.

Stuttgart - Die WM ist ein Riesengeschäft. Der Fußball-Weltverband nimmt angeblich 5,5 Milliarden Euro durch das Turnier in Russland ein. In Stuttgart ist die sportliche Massenunterhaltung nicht für alle profitabel.

Der Buchmacher

Wer noch nie ein Wettbüro von innen gesehen hat, wird bei der Premiere überrascht sein. Man kommt sich vor, wie Captain Kirk auf der Kommandobrücke des Raumschiffs Enterprise. Die Wände voller Bildschirme, die Sport aus aller Welt und Zahlenkolonnen zeigen. Natürlich flimmert auch der WM-Ball über die Monitore. Aber die leidenschaftlichen Zocker interessiert die WM nur am Rande. „Die, die spielen immer. Egal ob WM ist oder nicht“, sagt der Buchmacher im Wettbüro an der Hauptstätter Straße. Für alle Wettanbieter sei diese WM kein großes Zusatzgeschäft. Die internationalen Fußball-Ligen seien wesentlich interessanter. „Die Masse an Spielen macht’s. Aber die WM weckt das Interesse fürs Wetten“, sagt der Buchmacher, „so gesehen ist es eine gute Werbeplattform. Mehr nicht“.

Der Getränkehändler

Von den guten alten Zeiten kündet nur noch die Werbebeschriftung des Getränkehandels in der Reinsburgstraße. Unter einer Deutschland-Flagge wirbt der Händler in großen Lettern mit „Fußball-Party, Getränke – Grill und Biergarnituren zu mieten“. Wer nachfragt, bekommt von der Inhaberin jedoch zu hören: „Nein, das haben wir nicht mehr im Angebot. Das machte der Vorbesitzer. Für uns lohnt sich das nicht mehr.“ Ach ja, und die WM, die sei für einen Getränkehändler nichts Besonderes mehr.

Der Wirt

„Ohne geht nicht mehr“, sagt Yusuf Oksaz, Inhaber des Lokals Mrs. Jones am Hans-im-Glück-Brunnen und zeigt auf seine drei Plasmabildschirme. Will sagen: Ohne Live-Fußball zu Gin-Tonic und Bier kommt kein Gastronom mehr aus. Auch seine Mitbewerber am Platz und in der Stadt setzen während der WM auf das Gemeinschaftserlebnis Fußball. „Die Sache hat sich seit der WM 2006 etabliert“, sagt er. Seitdem verzichtet Oksaz bei keiner EM oder WM mehr darauf, seine Fernseher und eine Leinwand aufzustellen. Aber in klingende Münze verwandelt sich der Einsatz nicht immer. „Es kommt aufs Wetter und die Uhrzeit an“, sagt er, „sonst schauen nur wenige“. Für ihn sei der Profit zweitrangig. Er schätze die gute und friedvolle Atmosphäre, die während der Übertragungen auf dem Platz herrscht. „So etwas setzt sich in den Köpfen der Leute fest. Das ist eine Bereicherung“, sagt er, „davon haben wir langfristig etwas“. Immerhin: Die Kosten seien überschaubar. Die Gema wolle während der WM nur 108 Euro von ihm.

Der Tuchhändler

Das feinste Tuch ist in diesen vier Wochen ist nicht aus Seide, sondern aus Kunstfaser. Je nach Modell kostet es zwischen 70 und 130 Euro. Wer auf das grüne oder weiße Stück Stoff auch noch einen Namen oder eine Nummer will, darf noch ein paar Euro drauflegen. Dennoch ist das Tuch des Weltmeisters ein Renner. Gerd „Kappo“ Riehm, von Breitmayer Citysoccer an der Paulinenbrücke, hat 1500 Nationaltrikots bei der Firma mit den drei Streifen geordert. Auf die Frage, ob er damit ein Riesengeschäft mache, lacht Riehm nur. Mutmaßlich ja, sollte die deutsche Mannschaft nicht nach der Vorrunde abreisen. Zudem habe er fast als einziger die Original-Beflockung im Angebot. „Mich rufen daher von überall Leute an“, sagt er. Der Geschäftsmann hat nicht nur auf das deutsche Team gesetzt. In seinem Laden findet man Trikots von den unterschiedlichsten Mannschaften. Natürlich hat er auch Serbien und Kroatien im Angebot. „Die sind sehr beliebt. Die gehen jetzt schon fast aus“, sagt Gerd Riehm blickt zufrieden auf seine Auslage.

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