Der SV Darmstadt um Konstantin Rausch (li.) will den Klassenverbleib schaffen. Foto: dpa

Die Geschichte von Bundesliga-Aufsteiger SV Darmstadt 98 ist eine für Fußballromantiker. Trainer Dirk Schuster betreut ein Team der zuvor Gescheiterten.

Stuttgart/Darmstadt - Wer krachend irgendwo gescheitert ist, der sehnt sich nach einer neuen Chance. Das ist im normalen Leben so, und im Profifußball erst recht. Leute in der Krise tragen oft einen großen Willen in sich. Sie wollen es allen zeigen – vor allem denen, die nichts von ihnen halten. Der Fußballtrainer Dirk Schuster weiß das. Denn er trainiert beim SV Darmstadt 98 eine Mannschaft, die aus vorher gescheiterten Existenzen besteht. Wenn man so will, ist genau das so etwas wie das Erfolgsgeheimnis des Aufsteigers, der sensationell den Durchmarsch von der dritten in die erste Liga schaffte.

Weil in Darmstadt kein Geld da ist, müssen sie billige Spieler holen, die sonst keiner mehr will. Die Lilien machen aus der Not eine Tugend, ihr Mini-Etat von knapp 15 Millionen Euro lässt ihnen keine andere Wahl. An diesem Samstag kommt Hannover 96 ans Böllenfalltor (15.30 Uhr/Sky). Und Dirk Schuster sagt vor dem ersten Heimspiel: „Wir brauchen nicht versuchen, mit den anderen Bundesligisten auf einer Höhe zu pinkeln – dafür sind wir zu klein.“ Dass die Kleinen aber über sich hinauswachsen können, das weiß der Coach, und wie das gehen soll, das weiß er auch. „Wir brauchen elf Krieger auf dem Platz“, sagt er.

Im Stadion wächst das Unkraut

Die Geschichte, die sie gerade in Darmstadt schreiben, sie ist sicher was für Fußballromantiker. Eine Truppe aus Gescheiterten kämpft bis zum Umfallen, und das in einem veralteten Mini-Stadion (Fassungsvermögen: 16 250 Zuschauer), das zu knapp drei Vierteln aus Stehplätzen besteht – wo die Zuschauer auf Unkraut stehen. Niemand rupfte das Grünzeug in der Sommerpause. Auf den Tribünen gilt das, was gewissermaßen auch für die Gescheiterten-Truppe auf dem Platz gilt: Unkraut vergeht nicht.

Dirk Schuster fahndet nach billigen Kickern in der Krise. Die wiederum freuen sich über das Vertrauen, das ihnen plötzlich wieder jemand entgegenbringt – und wittern ihre Chance zum Durchstarten und auf den Neuanfang. Verein, Trainer und Team bilden eine verschworene Einheit, die hart für den Erfolg schuftet – alle Beteiligten wissen, dass es anders nicht funktionieren würde. Seit Jahren geht das schon so, und so wurde der Aufstieg der individuell schwächer als viele Konkurrenten besetzten Lilien von der dritten in die erste Liga möglich.

Konstantin Rausch will durchstarten

Vor dieser Saison nun holte der SV Darmstadt unter anderem Konstantin Rausch, der beim VfB Stuttgart kein Bein mehr vors andere brachte und zuletzt nur noch in der dritten Liga ran durfte. Rausch spielte bei den Lilien eine bärenstarke Vorbereitung. Er sagt: „Der Trainer hat mich davon überzeugt, dass der Wechsel nach Darmstadt genau der richtige Schritt für mich ist, um dahin zu kommen, wo ich schon mal war.“

Mittelfeldmann Peter Niemeyer und Stürmer Sandro Wagner sehen die Dinge ähnlich. Die Lilien, die am Freitag auch noch den österreichischen Rechtsverteidiger György Garics vom FC Bologna verpflichteten, holten die beiden von Hertha BSC. Dort wurden sie ausgemustert. Angreifer Sandro Wagner wurde in Berlin zu Einzeltraining verdonnert. Einmal bestand sein Pensum darin, eine halbe Stunde lang aufs leere Tor zu schießen. Spieler wie gemalt für Dirk Schuster, der sich mit seinem Team anschickt, den Klassenverbleib zu schaffen. Das wäre nicht weniger als eine Sensation. Aber damit kennen sie sich ja schon aus, am Böllenfalltor.

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