WM-Held mit sportlichen Sorgen: Mario Götze Foto: dpa

Ein Sport-Held zu werden ist nicht gerade leicht, einer zu bleiben jedoch noch viel schwerer. Die deutschen Fußball-Weltmeister von 2014 haben das im Jahr nach dem Titelgewinn teils schmerzlich erfahren müssen. Nun geht der Blick wieder voraus – für manch einen ist es ein banger.

Stuttgart - Man kann sich diesem Moment in vielerlei Hinsicht nähern. In Büchern, auf Bildern, in Zeitungen, in TV-Rückblicken – oder mit einem Handtuch. Wer zwölf Euro in Produkte eines Kosmetikartikelproduzenten investierte, konnte jedenfalls ein Exemplar anfordern und damit auch im Freibad oder am Strand per Skizze nachvollziehen, wie das war, am 13. Juli 2014, als erst André Schürrle mit dem Ball die linke Seitenlinie entlanglief, er dann flankte und so Mario Götze erreichte, der den wunderschönen Siegtreffer im WM-Finale gegen Argentinien erzielte. „Jedes Mal, wenn ich an die WM denke, wird es emotional“, sagt Schürrle heute, ein Jahr nach dem Triumph, „weil es einfach eine so schöne Zeit war. Alles hat gepasst.“ Von den ­Monaten danach konnte Schürrle das nicht gerade behaupten. Aber da war er ja nicht der Einzige.

Die Liste der Weltmeister, die nach dem Titelgewinn in Brasilien sportlich so ihre Schwierigkeiten hatten, ist jedenfalls lang. André Schürrle kam nach der WM beim FC Chelsea nicht mehr zum Zug, wechselte nach Wolfsburg, wo er Anlaufschwierigkeiten hatte. Bastian Schweinsteiger hatte mit Verletzungen zu kämpfen und wurde mit dem FC Bayern „nur“ Meister. Philipp Lahm verletzte sich ebenso wie der Schalker Julian Draxler schwer und fehlte lange. Mesut Özil war beim FC Arsenal viele Monate lang außer Form, bei Sami Khedira führten zahlreiche kleinere Blessuren letztlich zum Weggang von Real Madrid. Benedikt Höwedes erlebte mit dem FC Schalke 04 eine ­enttäuschende Saison, Lukas Podolski kam weder beim FC Arsenal noch bei Inter Mailand zu regelmäßigen Einsätzen – und auch der Finalheld war in den vergangenen Monaten von einer zufriedenstellenden Situation weit entfernt.

„Am Ende steht die Leistung über ­allem"

Mario Götze sollte nach dem entscheidenden Treffer von Rio in München seine Extraklasse bestätigen und sich zur Stammkraft entwickeln. Doch auch zwölf Monate nach dem WM-Endspiel begleiten die Auftritte des 23-Jährigen mehr Zweifel als Bewunderung. Beim FC Bayern war Götze unter ­Trainer Pep Guardiola in der vergangenen Saison oft nur Joker, auch Bundestrainer Joachim Löw weiß um die Situation, ­bestärkt den Offensivmann aber weiter im Versuch, in München fester Bestandteil der Stammelf werden zu wollen: „Ich bin mir sicher, dass er seinen Weg machen wird. Es gehört eben auch dazu, sich jetzt bei Bayern in so einer Situation durchzusetzen.“ Löw sagt das nicht ganz uneigennützig.

Nach den schwachen Auftritten der Nationalmannschaft im Herbst des WM-Jahres hat sich sein Team 2015 zwar wieder etwas gefangen. Für eine weiter erfolgreiche Zukunft auf allerhöchstem Niveau benötigt der Bundestrainer aber Weltmeister auf Topniveau, da die Rücktritte von Philipp Lahm, Per Mertesacker und Miroslav Klose zudem Lücken gerissen haben, die bislang nicht geschlossen werden konnten. Entsprechend beantwortet Löw die Frage, was passiert, sollte einer der Helden von Rio seine Form nicht wiederfinden, recht unmissverständlich: „Am Ende steht die Leistung über ­allem. Das ist entscheidend.“ Weil auch ­entscheidende Aufgaben anstehen.

Gleich nach Saisonbeginn stehen zwei enorm wichtige EM-Qualifikationsspiele gegen Polen (4. September) und in Schottland (7. September) an. Das deutsche Team muss gutmachen, was in der Phase nach der WM verpasst worden ist. „Die ersten Monate waren für die Spieler schon schwierig. Die WM hatte uns alles abverlangt, geistig wie körperlich“, entschuldigt Löw, fordert nun aber trotz aller „Dankbarkeit“ gegenüber den WM-Siegern deutliche Signale. Und unterstreicht dies mit dem Hinweis auf einen möglichen Umbruch im Nationalteam: „Natürlich rücken jetzt einige junge Spieler in den Blickpunkt.“

„Mario will weitere Titel holen“

Löw meint die Stützen der U-21-Nationalmannschaft wie Emre Can (FC Liverpool), Joshua Kimmich (FC Bayern), Kevin Volland (TSG Hoffenheim) oder Marc-André ter Stegen (FC Barcelona). Die sind bei der U-21-EM kürzlich zwar den Nachweis, einer neuerlich goldenen Generation anzugehören, schuldig geblieben, sollen den etablierten Kräften dennoch Beine machen. Denn Löw sagt zwar einerseits: „Einen großen Schnitt muss es nicht geben, unsere Spieler sind immer noch jung und hungrig.“ Andererseits weiß er: „Es muss sein im Sinne einer Weiterentwicklung und des Fortschritts.“

Verharren also ist nicht das Ding des Bundestrainers – trotz all der schönen Erinnerungen an den 13. Juli 2014 und die daraus resultierenden Folgen. „Vor allem im Ausland wird der deutsche Fußball seit 2014 unglaublich positiv gesehen“, sagt Löw, doch er weiß, wie dringlich die Veränderung ist. „Damit wir immer wieder andere überraschen können.“

So wird es spannend, wer sich in den kommenden Monaten und bis zur EM 2016 in Frankreich neu positioniert. André Schürrle in Wolfsburg? Lukas Podolski bei Galatasaray Istanbul? Sami Khedira bei Juventus Turin? Oder Mario Götze in München? „Mario will weitere Titel holen“, ist Joachim Löw ­sicher. Für ihn selbst gilt dasselbe.

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