Shkodran Mustafi im EM-Spiel gegen die Ukraine. Foto: Getty Images Europe

Im Spiel gegen die Ukraine erzielte Shkodran Mustafi sein erstes Länderspieltor – im Interview spricht er über den Druck, der auf ihm lastet, über seine Familie und das Glücksgefühl nach dem Treffer.

Lille - Shkodran Mustafi hat bis vor Kurzem keiner auf der Rechnung gehabt. Hinter Jerome Boateng, Mats Hummels und Antonio Rüdiger galt er während der Vorbereitung nur als vierter Innenverteidiger in der deutschen Nationalmannschaft. Doch es sollte ganz anders kommen: Aufgrund der Verletzungssorgen stand der 24-Jährige vom FC Valencia im EM-Auftaktspiel gegen die Ukraine in der Startformation – und erzielte beim 2:0-Sieg auch noch den wichtigen Führungstreffer.

Herr Mustafi, ein Sieg, kein Gegentor und auch noch ein schöner Kopfballtreffer von Ihnen – ein Auftakt wie gemalt, oder?
Na ja, mit dem Malen hab ich es leider nicht so. Aber stimmt schon – es hätte schlechter laufen können.
Wie erleichtert sind Sie?
Sehr erleichtert. Im ersten Spiel einer Europameisterschaft aufzulaufen, ist nicht ganz einfach. Aber der Trainer und auch die Mannschaft haben mir viel Vertrauen geschenkt. Deshalb bin ich froh, dass ich davon etwas zurückgeben konnte. Das ist ein schönes Gefühl.
Sie durften als einziger deutscher Spieler in den beiden letzten EM-Tests gegen die Slowakei und Ungarn keine Minute mitspielen. Wie schwer ist es, plötzlich von null auf hundert zu starten?
Schön, dass Sie das fragen, denn viele Leute beachten das nicht. Es ist schwierig, wenn man immer nur auf seine Chance wartet – und dann kommt sie gleich in einem so wichtigen Spiel. Da herrscht ein unglaublicher Druck, mit dem man erst einmal fertig werden muss.
Keine ganz neue Situation für Sie. Bei der WM 2014 wurden Sie auch schon ins kalte Wasser geworfen.
Mag sein. Ich halte mir jetzt zwar immer vor Augen, dass ich inzwischen 24 bin und schon wieder jüngere Spieler wie Joshua Kimmich oder Leroy Sané dazugekommen sind. Aber ich selber fühle mich noch immer jung und habe das Gefühl, dass ich noch viel lernen kann.
Wie sind Sie vor dem Spiel mit diesem Druck umgegangen?
Ich teile ihn mit meiner Familie. Sie versucht immer, mich zu beruhigen.
Aber die Familie darf nicht mit ins Mannschaftshotel oder die Kabine.
Es gibt aber Telefon, Whatsapp, Facetime und viele andere Möglichkeiten, sich möglichst nahe zu sein. Ich bin sehr froh, eine Familie zu haben, die immer da ist, wenn ich sie brauche. Das war auch schon nach der WM so. Da musste ich viel Kritik einstecken. Deshalb freut es mich jetzt umso mehr, dass ich mich um diese Dinge vorerst nicht kümmern muss, wenn ich wieder mit meiner Familie spreche.
Wie groß war das Glücksgefühl nach Ihrem Kopfballtreffer?
Ich habe es im Augenwinkel gesehen, dass der Ball ins Tor geht. Da war natürlich große Freude und Erleichterung. Aber ich wusste gleichzeitig auch, dass noch 70 Minuten zu spielen sind. In dieser Zeit kann viel passieren. Deshalb galt die Devise: Konzentration hochhalten, meinen Job machen – und erst nach dem Spiel feiern. Es geht so schnell im Fußball. In der einen Minute wird man zum Helden, in der anderen kann man zum Deppen werden.
Das wäre fast passiert, als Sie in der Schlussphase den Ball über Manuel Neuer hinweg Richtung Tor geköpft haben.
Das war ein Abstimmungsfehler. Ich kann nicht genau sagen, wer schuld daran war. Manu hatte mich nicht gerufen, weil er dachte, dass der Ball noch schneller kommt. Ich aber sah, dass es der Ball nicht bis zum Sechzehner geschafft hätte, und habe zurückgeköpft. Ist zum Glück noch einmal gut gegangen.
Mats Hummels fühlt sich wieder fit. Wie groß ist Ihre Hoffnung, auch gegen Polen zum Einsatz zu kommen?
Darüber mache ich mir jetzt noch keine Gedanken. Ich will erst einmal diesen Sieg genießen.
    
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