2024 könnte für die Tourismusbranche noch besser laufen als das Rekordjahr 2019. Die Fußball-Europameisterschaft wird laut Armin Dellnitz, Tourismuschef der Region Stuttgart, ihren Teil beitragen. Der Erfolg der Erlebniscard könnte jedoch teuer werden.
Armin Dellnitz schwimmt gerade auf einer Welle der Euphorie. Als Geschäftsführer der Regio Stuttgart Marketing- und Tourismus Gesellschaft ist er der oberste Tourismusförderer der Region. An diesem Freitag beginnt die Fußballeuropa-Meisterschaft – und noch nie, so berichtet er stolz, sei das mediale Interesse an seiner Stadt so groß gewesen wie jetzt. Dabei stehe – ausnahmsweise einmal – die positive Berichterstattung über Stuttgart und die Region im Vordergrund.
„2024, soviel steht jetzt schon fest, wird in jedem Fall besser werden als 2019. Und bei 2019 reden wir von unserem bisherigen Rekordjahr“, hat Dellnitz bei der alljährlichen Präsentation der Tourismusbilanz im Wirtschaftsausschuss der Regionalversammlung berichtet. Dellnitz hat als Beleg ein eindrucksvolles Zahlenwerk im Gepäck: Dem Tourismus hat die Region Stuttgart im vergangenen Jahr 6,6 Milliarden Euro Umsatz zu verdanken, und das, obwohl da die Rekordzahlen von 2019 noch knapp – um vier Prozent – verfehlt wurden. „Umgerechnet bedeutet das, dass in der Region 90 000 Menschen vom Tourismus leben können“, macht Dellnitz die wirtschaftliche Bedeutung der Branche deutlich. Dass diese Zahlen 2024 pulverisiert werden, steht für Dellnitz schon jetzt fest: „Da müssten jetzt schon ganz schön viele Dinge passieren, wenn das am Ende nicht so funktioniert.“
Die meisten ausländischen Gäste kommen aus Amerika
Natürlich geht es auch um die Übernachtungsgäste: Im Vergleich zu 2010 hat deren Zahl im Stadtgebiet Stuttgart um 50 Prozent und in der Region um 40 Prozent zugelegt. Allerdings räumt Dellnitz ein, dass es seither auch deutlich mehr Übernachtungsmöglichkeiten gibt. Im vergangenen Jahr haben Dellnitz‘ Mitarbeiter 4,3 Millionen Übernachtungsgäste gezählt, die annähernd neun Millionen Mal in der Region geschlafen haben.
Der Anteil der Auslandsgäste beträgt rund 25 Prozent, wobei Besucher aus den USA immer noch an der Spitze liegen, gefolgt von der Schweiz, Italien, den Niederlanden und Polen. Auch aus China, erzählt Dellnitz, kämen nach dem Corona-bedingten Kollaps mittlerweile wieder Gäste nach Stuttgart.
Bärenanteil liegt beim Tagestourismus
Doch so hoch will Dellnitz die Bedeutung des Übernachtungstourismus gar nicht hängen. Denn den Bärenanteil der Einnahmen mit mehr als vier Milliarden Euro machen im Tourismus die 124 Millionen Tagesgäste aus, die im vergangenen Jahr auf Entdeckungsreise in und rund um Stuttgart gegangen sind: 60 Millionen davon in der Landeshauptstadt selbst, weitere 64 Millionen in den fünf angrenzenden Landkreisen. Dabei handelt es sich um 105 Millionen Tagesausflügler und 19 Millionen Geschäftsreisende – wobei die Tagestouristen hauptsächlich aus einem Umkreis von 50 Kilometern, also aus der näheren Umgebung anreisen.
In dem Bemühen, gerade dieser Klientel die Region noch schmackhafter zu machen, gewinnt die 2023 nach zahlreichen Diskussionen eingeführte Erlebniscard der Region an Bedeutung. Im laufenden Jahr kostet sie 69 Euro als E-Ticket und 79 Euro im Scheckkartenformat. Im Gegenzug erhält die Käufer bei rund 75 Institutionen in der Region einmal pro Jahr freien Eintritt.
Verkauf der Erlebniscard fast verdoppelt
Zu den Attraktionen zählen neben der Wilhelma, dem Daimler-Museum und dem Fernsehturm zahlreiche Freizeitbäder, Museen, lokale Attraktionen und Galerien. Auch kostenlose Stadt- und Schlossführungen, Golf-Schnupperkurse und ein Besuch des Wildtierparadieses in Tripsdrill sind im Angebot. Dellnitz: „Es gibt kaum einen Bereich, in dem die Erlebniscard nicht genutzt werden kann.“ Wurden im Premierenjahr 2023 rund 4000 Erlebniscards verkauft, so waren es 2024 bisher bereits 7500. Für Armin Dellnitz steht deshalb fest: „Wir sollten die Erlebniscard auch weiterhin anbieten“ – zumal bereits jetzt klar ist, dass das Angebot im kommenden Jahr noch größer sein wird.
Dabei kann der Erfolg der Karte die Regio Stuttgart Marketing und Tourismus Gesellschaft durchaus teuer zu stehen kommen. Denn den beteiligten Unternehmen wird pro Besucher die Hälfte des normalen Eintrittspreises von der Regio-Marketing erstattet. Dellnitz formuliert es so: „Wir sehen den Erfolg also mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn je erfolgreicher die Karte ist, desto mehr müssen wir drauflegen.“
Im November soll das Haus des Tourismus eröffnen
All das kann seiner euphorischen Stimmung jedoch nichts anhaben – zumal nach der Europameisterschaft das nächste Großereignis den vollen Einsatz von Dellnitz und seinem Team fordern wird. Noch in diesem Jahr – voraussichtlich im November – soll das Haus des Tourismus am Stuttgarter Marktplatz eröffnet werden – als zentrale Anlaufstelle für alle Touristen, die sich vor allem für die Landeshauptstadt und die Region, aber auch für ganz Baden-Württemberg interessieren.
Gefälle zwischen Stuttgart und der Region
Publikumsmagneten
Aus dem riesigen Angebot stechen ein paar Angebote hervor. Dazu gehören unter anderem die Wilhelma mit 1,5 Millionen Besuchern. Jeweils eine Millionen Gäste zählen die Musicals und der Esslinger Mittelalter- und Weihnachtsmarkt. Rund 500 000 Badefreunde reisen pro Jahr in die Therme nach Beuren (Kreis Esslingen).
Spendabel
Tagesgäste geben in der Landeshauptstadt im Schnitt pro Besuch 38 Euro aus. In der Region lassen sie 30 Euro pro Tag.