Inka Grings wurde mit dem deutschen Team zweimal Fußball-Europameisterin. Foto: imago/Daniela Porcelli

Inka Grings erzielte 2009 zwei Tore Finale der Fußball-EM gegen England. Nun kommt es erneut zu diesem Duell. Die Ex-Nationalspielerin hofft auf den Titel – viel wichtiger ist ihr aber, was danach passiert.

Als vor 13 Jahren die deutschen Fußballerinnen schon einmal ein EM-Finale bestritten, erzielte sie zwei Treffer und hielt am Ende den Pokal in die Höhe. Nun blickt Inka Grings, 2009 Torschützenkönigin des Turniers, mit viel Vorfreude auf das neuerliche Endspiel-Duell an diesem Sonntag (18 Uhr/ARD) im Londoner Wembley-Stadion.

 

Frau Grings, was machen Sie an diesem Sonntag, 18 Uhr?

Natürlich schaue ich das EM-Finale – und ich freue mich schon jetzt mega auf dieses Endspiel. Da stehen sich die beiden derzeit besten Mannschaften Europas gegenüber, sie werden alles investieren, ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, wie es ausgehen wird.

2009 in Helsinki was das Duell mit Ihrer Beteiligung eine recht klare Sache. Am Ende hieß es 6:2 für das DFB-Team. Ein so klares Ergebnis scheint nun undenkbar.

Einerseits, ja. Andererseits passieren im Fußball einfach immer wieder ungewöhnliche Dinge. Denken Sie nur an das 7:1 der deutschen Männer im WM-Halbfinale 2014 gegen Brasilien. Es ist immer alles möglich. Allerdings spielen beide Teams sehr stabil auf höchstem Niveau. Deshalb erwarte ich schon eher eine enge Kiste – und drücke dem deutschen Team natürlich die Daumen.

Was wird entscheidend sein?

Ich denke, es wird die Mannschaft gewinnen, die am schnellsten die Nervosität ablegt – und die erste Chance zum Tor nutzt. Ich bin aber auch gespannt, wie lange die Kraft reicht. Einige deutschen Spielerinnen waren aufgrund von Verletzungen vor Turnierbeginn noch nicht bei 100 Prozent.

Der Druck wird bei 90 000 hoffnungsfrohen englischen Fans eher bei den Gastgeberinnen liegen, oder?

Zunächst mal ist ein Spiel vor solch einer Kulisse doch genau das, wofür du im Training Tag für Tag arbeitest. Dafür opfern die Spielerinnen alles. Ich habe 1999 in den USA vor 100 000 Zuschauern gegen das US-Team gespielt. Ein solches Erlebnis nimmt dir keiner mehr.

Wer hat mehr Druck?

Die Sache mit dem Druck?

Im Viertel- und Halbfinale haben die Engländerinnen tatsächlich jeweils einige Minuten gebraucht, um anzukommen in der Partie. Das kann das deutsche Team im Finale auch ausnutzen. Ich würde da sofort attackieren. Andererseits haben die englischen Fans schon auch einen großen Anteil daran, dass es ihr Team bis ins Finale geschafft hat. Sie haben es getragen.

In der deutschen Mannschaft gilt der außergewöhnliche Teamgeist als größter Trumpf. Zurecht?

Definitiv. Erfolgreiche deutsche Frauen-Mannschaften hat immer der Teamspirit ausgezeichnet. So ist es jetzt auch wieder. Die Mädels unterstützen sich, das ist alles ehrlich, und jede kennt und akzeptiert ihre Rolle. Das ist ein riesiger Mehrwert.

Ist dieser Geist in diesem Turnier noch wichtiger als früher – sportlich schien die Mannschaft zuletzt nicht mehr zur absoluten Weltspitze zu gehören?

Es ist eine Art Auferstehung des deutschen Fußballs der Frauen, das stimmt. Allerdings fand ich die letzten Jahre sportlich auch nicht so dramatisch. Vielmehr gab es im Verband auf verschiedenen Ebenen derart viel Unruhe, sodass sich das zwangsläufig auch auf den Sport übertragen musste. Nicht nur bei den Frauen, übrigens. Nachdem Martina Voss-Tecklenburg 2018 das Amt der Bundestrainerin übernommen hatte, musste sie erst einmal eine Baustelle nach der anderen bearbeiten. Das ist ihr Schritt für Schritt gelungen, weshalb es nun auch sportlich wieder besser läuft. Das hatte sich in den Testspielen gegen Top-Gegnerinnen schon angedeutet.

Hat der deutsche Fußball der Frauen dennoch Nachholbedarf? Zuletzt gingen die Blicke eher nach England oder Spanien, wo die Topclubs vor Rekordkulissen spielten.

Die deutsche Bundesliga braucht sich nach wie vor nicht zu verstecken. Sie ist die ausgeglichenste, und damit die stärkste. Es gibt hier auch viele Mannschaften, die immer wieder tolle Spielerinnen hervorbringen. Dass anderswo diese Statements gesetzt werden, auch zum Beispiel im Bereich des Equal Pay, kann Deutschland wiederum nur gut tun. USA, Spanien, Italien, England, Frankreich gehen voran – da muss der DFB nun einfach nachziehen und kann sich nicht mehr hinter Ausreden verstecken. Für die Entwicklung in Deutschland ist es super, dass der Druck da ist. Sonst verlieren wir den Anschluss.

2011 ist der Effekt verpufft

Der Verband ist also gefordert?

Ja, aber nicht nur er. Auch die Vereine sind da in der Pflicht. Wir hatten 2011 schon einmal diese Möglichkeit, da war der Hype bei der Heim-WM noch größer als jetzt. Man hat es aber damals nicht geschafft, diese Aufmerksam aufrecht zu erhalten. Selbst bei Topspielen in Deutschland sind die Zuschauerzahlen echt mau. Aber das hat auch mit unserer Gesellschaft zu tun.

Inwiefern?

Ich denke, im Bereich der Gleichstellung von Mann und Frau hinken wir im Vergleich zu anderen Nationen noch deutlich hinterher. Da sind andere offener – und arbeiten im Fußball der Frauen hinter den Kulissen viel intensiver. Da wird medial viel mehr gepusht.

Was sind die wichtigsten Elemente, dass es nun anders läuft als 2011?

Am wichtigsten ist die Zusammenarbeit auf Augenhöhe, gerade in den traditionsreichen Männervereinen, die nun auch Frauenteams haben. Dass viele Männer-Bundesligisten sich da geöffnet haben, ist schon mal super. Nun geht es darum, wie das Thema intern behandelt wird. Es hilft ja schließlich nichts, wenn ich nur den Namen oder das Wappen trage, aber die vorhandenen Mehrwerte nicht nutzen kann.

Bedeutet?

Man wird attraktiv durch Vermarktung, in dem man sendet. Und dann liegt es ganz einfach daran, wie viele Personen ein Verein dafür abstellt, das auch für den Frauenbereich zu tun. Etwa im Bereich Social Media, der extrem wichtig geworden ist. Wenn es da nur eine Person gibt, die drei Jobs gleichzeitig machen soll, bleibt es schwierig. Wir haben ein tolles Produkt, dass viele Menschen, viele Mädchen erreichen kann. Das ist auch für die Werbung attraktiv, das muss man im Zusammenspiel von Vereinen, dem Verband und den Medien nutzen.

Der Vergleich mit dem Fußball der Männer .. .

. . . muss endlich aufhören. Wir haben hier einfach zwei unterschiedliche Sparten einer Sportart. Da darf die eine nicht die andere belächeln.

Wird Alexandra Popp Torschützenkönigin?

Über Equal Pay, also die gleiche Bezahlung für Männer und Frauen, wurde im Zuge der EM-Prämie viel diskutiert. Wäre diese gleiche Belohnung des Titels so entscheidend gewesen?

Vielmehr geht es für mich darum, dass Fußballerinnen in Deutschlands bester Liga ihren Sport als Profi ausüben können. Sie müssen dabei nicht reich werden – aber es kann doch nicht sein, dass sie gezwungen sind, nebenher arbeiten zu gehen, um überhaupt über die Runden zu kommen. Bisher ist das nur bei den wenigen großen Vereinen gegeben. Der Zeitpunkt ist gekommen für diesen nächsten Schritt der Entwicklung. Denn auch hier gilt: Andere machen das bereits.

Zurück zum Finale am Sonntag: Gewinnt das deutsche Team den Titel? Und: Wird Alexandra Popp wie Sie 2009 Torschützenkönigin?

Zunächst einmal gilt: Deutschland hat schon gewonnen mit den bisher gezeigten Leistungen. Und was Alexandra Popp angeht: Ich bin davon überzeugt, dass sie ihre Abwehrspielerinnen besonders motivieren wird, damit die Engländerin Beth Mead kein siebtes Tor erzielt. Gleichzeitig wird sie alles daran setzen, selbst einen Treffer zu erzielen. Sie darf sehr gerne mit einem Kopfballtor den Henkelpott nach Hause holen.