Am kommenden Mittwoch beginnt in der Schweiz die Fußball-Europameisterschaft der Frauen. Doch die Spielerinnen müssen noch immer hart um Anerkennung kämpfen.
Laura Kaufmann glaubte, dass die Zeit reif ist, aber viele andere glaubten das nicht. Mit einem kleinen Team wollte sie ein gedrucktes Magazin entwickeln, in dem es nur um Frauenfußball geht. Es wäre eines der ersten Magazine dieser Art in Europa. Und wenn nicht jetzt, wann dann, dachte sich Kaufmann mit Blick auf die Europameisterschaft der Frauen, die am 2. Juli in der Schweiz beginnt, eines der größten Sportereignisse in der Geschichte des Landes.
„Wir haben bei vielen Unternehmen um Unterstützung geworben“, sagt Kaufmann. „Aber die Rücklaufquote war unterirdisch schlecht.“ Sie sitzt in einem kleinen Raum in der Hochschule der Künste in Zürich, wo sie einst Design studiert hatte. Sie spricht mit einem Lächeln, geduldig, und mitunter will der Inhalt nicht recht zu ihrer ruhigen Tonlage passen: „Die Marketingabteilungen dieser Unternehmen, die meist von Männern geprägt werden, sind offenbar noch nicht so weit wie die Schweizer Gesellschaft.“
Dank Crowdfunding wird das Frauenfußball-Magazin Realität
Laura Kaufmann kennt das Gefühl, unterschätzt zu werden. Sie hatte als Bildredakteurin und Fotografin bei einer Schweizer Tageszeitung gearbeitet. Später fotografierte sie die Fußballerinnen des FC Zürich. Die männlichen Kollegen ließen sie machen, wohl auch, weil sich ihr Interesse am Frauenfußball in Grenzen hielt. Kaufmann baute Vertrauen zu den Spielerinnen auf. Sie porträtierte sie als Leistungssportlerinnen, nicht als Objekte für ein männliches Publikum. In sozialen Medien waren ihre Blogs und Fotostrecken besonders beliebt, die Klickzahlen stiegen.
Also musste es doch klappen mit einem Magazin für Frauenfußball, glaubte sie. Es folgte eine Kampagne für Crowdfunding. Und schon nach wenigen Wochen war das Ziel erreicht: mehr als 80 000 Franken – rund 85 000 Euro – zusammengetragen von fast 900 Spenderinnen und Spendern. Und nun, kurz vor Beginn der EM, verbreiten sie das Magazin mit einer Auflage von 10 000 Exemplaren. „Wir wollen positiv und konstruktiv sein“, sagt Kaufmann. „Und auch politisch.“ Der Titel des Magazins: „Frau Müller“. Klingt so normal und trocken, dass es fast schon provokativ wirkt.
Die „Pionierinnen“ bekamen nicht einmal eigene Trikots
Es scheint in der Schweiz gerade eine gute Zeit zu sein, um Grenzen auszuloten. In den Städten haben Verwaltung, Vereine und Unternehmen rund um die EM besondere Programme aufgelegt. Häufig geht es dabei um Fragen der Gleichstellung. In einer beliebten Fußballkneipe in Basel etwa diskutieren Politikerinnen mit Fußballerinnen über Lohnunterschiede. In Zürich beschreiben Künstlerinnen in einem Rundgang Darstellungen von Frauen im öffentlichen Raum. Auch in Bern finden Theaterstücke, Lesungen und Workshops für Kinder statt. Der Fußball als Anstoßgeber für gesellschaftliche Debatten? In der Schweiz war das lange kaum denkbar.
Man kann die Ursachen dafür gerade im Museum des FC Zürich ergründen. Zwischen alten Pokalen, Wimpeln und Zeittafeln vermittelt eine Fotoausstellung die Geschichte des Schweizer Nationalteams der Frauen. Gleich das erste Bild auf der Zeitachse aus dem Sommer 1970 ist voller Symbolik. Es zeigt die „Pionierinnen“, die Schweizer Spielerinnen vor ihrem ersten Länderspiel in Schaffhausen gegen Österreich. Sie tragen verwaschene und übergroße Trikots in Gelb und Orange, nicht in den Nationalfarben Rot und Weiß. Es waren Trikots, die männliche Jugendspieler nicht mehr gebraucht hatten. Und doch wirken etliche Spielerinnen auf dem Foto zuversichtlich und stolz.
Frauen in der Schweiz waren lange Bürgerinnen zweiter Klasse
Es war eine Zeit, in der traditionelle Strukturen allmählich aufbrachen, auch geprägt durch die 68er-Bewegung. In etlichen Ländern Westeuropas vernetzten sich Frauen und forderten Gleichberechtigung. Auch im Fußball, wo ein Spielbetrieb der Frauen lange von Verbänden untersagt worden war. Nun aber schlossen sich Spielerinnen zu Nationalteams zusammen und bestritten bald ihre ersten Länderspiele. In Deutschland 1982, in Italien 1986.
Die Schweizerinnen waren mit ihrer Premiere 1970 früher dran, obwohl sie in manchen Fragen Bürgerinnen zweiter Klasse waren. Das Wahlrecht für Frauen wurde in der Schweiz erst 1971 angenommen. Ein Jahr später wurden auch im Sportunterricht Mädchen und Jungen gleichgestellt. Die weitere Entwicklung verlief jedoch schleppend, sagt die Historikerin Marianne Meier: „Die Verbände duldeten den Frauenfußball nicht, weil sie ihn zeitgemäß fanden, sondern weil sie ihn kontrollieren wollten.“
Die früheren Spielerinnen waren wider Willen auch Feministinnen
Die frühen Länderspiele der Schweiz fanden oft in kleineren Ortschaften statt. Immer wieder mussten Spielerinnen ihre Teilnahme absagen, weil sie keinen Urlaub erhielten, die Reisekosten zu hoch waren oder sie in der Familie gebraucht wurden. Auch in den Medien überwog eher Skepsis, etwa beim Magazin „Tip“: „Die Frau soll denjenigen Sport betreiben, der ihr Spaß bereitet. Wenn es denn aber Fußball ist, so soll sie ihn am besten vor der Öffentlichkeit fernhalten, damit sie sich nicht der Lächerlichkeit preisgibt.“
Die Pionierinnen aus den frühen 70er Jahren fremdelten mit politischen Kategorien, vielleicht auch mit ihrer Vorbildrolle. Und doch waren sie Feministinnen, obwohl sie es nicht sein wollten. Weil sie sich etwas herausnahmen, was Männer schon seit 100 Jahren durften: grätschen, Flanken schlagen, beim Torjubel die Fäuste ballen. Über diese Generation hat Marianne Meier mit der Geschlechterforscherin Monika Hofmann ein Buch geschrieben. Der Titel: „Das Recht zu kicken“.
Kaum Frauen in den Führungsgremien der Fußballvereine
Doch dieses Recht war auch für die nachfolgenden Generationen nicht selbstverständlich, wie ein Besuch im Wankdorf-Stadion von Bern zeigt, der Heimstätte des BSC Young Boys. In den Katakomben kommt Franziska Schild in schnellem Schritt aus ihrem Büro und nimmt im Konferenzsaal Platz, hinter ihr zeigen Plakate die vollbesetzten Tribünen des Stadions. Schild, die um die Jahrtausendwende vier Länderspiele für die Schweiz bestritten hatte, verantwortet den Frauenfußball bei den Young Boys.
Schild ist in einem Vorort von Bern aufgewachsen. In ihrer Jugend blieben viele Mütter zu Hause und kümmerten sich um die Familie. Sie war eines der wenigen Mädchen in der Schule, das sich für Fußball interessierte, doch nach Vorbildern musste sie suchen. 1994 feierte der Schweizerische Fußballverband seinen 100. Geburtstag. In der Festschrift wurde das Nationalteam der Frauen nicht mal erwähnt.
Die Schweiz ist wohlhabend, hat pro Kopf das dritthöchste Bruttoinlandsprodukt der Welt. Doch in der Rangliste des Weltwirtschaftsforums zur Geschlechtergerechtigkeit belegt sie nur Platz 20. „Auch heute sind die veralteten Rollenbilder in der Schweiz noch stark verankert“, sagt Franziska Schild. „In den Führungsgremien des Fußballs sind Frauen klar unterrepräsentiert.“
Als einer der letzten Nationalverbände Europas hat der Schweizerische Fußballverband 2024 Frauen in seinen Vorstand aufgenommen. Insgesamt liegt der Anteil an Funktionärinnen im Schweizer Fußball bei 13 Prozent, der Anteil der Trainerinnen bei acht Prozent und der von Schiedsrichterinnen bei drei Prozent.
Franziska Schild hatte als Funktionärin schon unterschiedliche Jobs, und manchmal kam es vor, dass sie am Telefon für die Sekretärin gehalten wurde. Sie findet es gut, dass selbst die ehemalige Schweizer Bundespräsidentin Viola Amherd den Sport in die Pflicht nahm. Künftig sollen in Sportverbände mindestens 40 Prozent der Führungskräfte weiblich sein.
Spielerinnen bekommen nur 400 Euro im Monat
Franziska Schild ist sich bewusst, dass die Fußballerinnen bei ihrem aktuellen Klub in Bern nicht so bald den gleichen Stellenwert erhalten wie die Fußballer. Aber sie kann zumindest die Strukturen zusammenführen. „Wir wollen kein Eigenleben führen“, sagt Schild. „Alle Abteilungen im Verein, ob Marketing oder Medien, sollen den Frauen- und Männerfußball gleichermaßen im Blick haben.“ Bei Sponsorenevents oder Autogrammstunden sollen Spieler und die Spielerinnen gemeinsam auftreten.
Die Spielerinnen der Young Boys sind in der Schweiz gerade Meister geworden. Doch ihren Lebensunterhalt können nur wenige mit Fußball bestreiten. Laut einer Umfrage von 2022 erhielten Schweizer Fußballerinnen im Monat durchschnittlich knapp 400 Euro. Der offizielle Slogan bei der EM lautet: „Together we rise“, gemeinsam steigen wir auf. Bis zur Spitze ist es ein weiter Weg.