Michael Rentschler ist Sprecher der württembergischen Verbandssportlehrer. Foto: WFV/red

Verbandssportlehrer Michael Rentschler glaubt, dass Erfolge des Frauen-Nationalteams nur kurzfristig einen positiven Effekt haben. Er fordert ein Konzept für eine möglichst breite Basis, die die Spitze füttern kann.

Michael Rentschler ist als Sprecher der Verbandssportlehrer des Württembergischen Fußball-Verbandes (WFV) nah dran am Frauenfußball. Er glaubt an den Titelgewinn des DFB-Teams im EM-Finale an diesem Sonntag (18 Uhr/ARD) gegen Gastgeber England. Doch um populärer zu werden, müsste die Basis breiter werden, meint der 51-Jährige.

 

Herr Rentschler, wie überrascht sind Sie vom Finaleinzug der deutschen Fußballerinnen?

Sie haben das wirklich richtig gut gemacht, aber für mich kommen diese starken Auftritte gar nicht so sehr überraschend. Da war schon auch viel Understatement vor der EM im Spiel. Denn die Mannschaft hat viel Potenzial, zudem sind die Voraussetzungen sehr, sehr gut, da auch der komplette Staff äußerst professionell ausgestattet ist.

Was zeichnet das Team aus?

Natürlich ist der Teamgeist wichtig, die Stabilität in der Defensive, auch die Außenbahnspielerinnen Giulia Gwinn und Felicitas Rauch spielen überdurchschnittlich gut, doch der ganz große Trumpf ist Alexandra Popp. Sie macht den Unterschied aus. Sie macht aus dem Nichts Tore. Wie sie im Halbfinale gegen Frankreich die beiden Flanken verwertete – das war schon allererste Sahne.

Reicht’s jetzt auch zum Titel?

Es wird vor 90 000 Zuschauern im Wembley-Stadion natürlich eine Riesenaufgabe. Aber ja, das deutsche Team wird es packen. Die Engländerinnen sind vorne gut, aber hinten nicht so stabil wie wir. Die DFB-Elf ist homogener – und sie hat Alexandra Popp.

Kann die erfolgreiche EM einen Schub bringen?

Kurzfristig können Erfolge immer etwas auslösen, das zeigte auch der WM-Titelgewinn 2013. Doch um dauerhaft etwas zu bewirken, muss an den Strukturen gearbeitet werden, sonst verpufft der Effekt.

Wo liegen die Hauptprobleme?

Zwischen dem Interesse an der Nationalmannschaft und der Bundesliga gibt es einen großen Unterschied. Die Frauen-Bundesligateams haben einfach nicht die Fan-Basis, daran ändert auch die Tatsache wenig, dass immer mehr Männer-Bundesligisten ein Frauen-Team haben. Die Fans des VfB Stuttgart sind Fans des Männer-Teams, die Frauen werden das Stadion nicht füllen. Hinzu kommt, dass ein attraktiver Ligaspielbetrieb bis in die unteren Klassen fehlt.

„Wir brauchen mehr Spielerinnen“

Woran liegt das?

Der tolle Hochglanzfußball der Nationalmannschaft wirkt sich leider auf die Niederungen des Vereinssports zu wenig aus. Es fehlt an der Breite. Wir brauchen einfach viel mehr Spielerinnen, die zudem besser ausgebildet werden müssten. Nur über die Breite gelingt es dem Frauenfußball, populärer zu werden. Aber wenn man selbst bei den Jungs über immer weniger Talente klagt, was soll man dann bei den Mädchen sagen.

Was halten Sie von einem Mindestlohn für die Bundesligaspielerinnen?

Nationalspieler Thomas Müller hat einmal gesagt, warum Fußballer mehr verdienen wie Handballer – weil der Fußball in der Gesellschaft mehr interessiert und mehr Geld generiert. So ist das natürlich auch beim Vergleich Männer-Frauen-Fußball. Es gibt eben auch Frauen-Erstligisten, die spielen nur vor 500 Zuschauern, da haben manche Männer-Oberligisten mehr Besucher. Wie soll man da mehr Geld für die Spielerinnen rechtfertigen?

Wie sehen Sie die Zukunft des Frauenfußballs?

Die Spitze wird von den Erfolgen der Nationalmannschaft und vom Knowhow der Männer-Bundesligisten weiter profitieren. Aber für die Basis bleibt es ein harter Kampf. Es muss ein Konzept her, damit eine möglichst breite Basis die Spitze füttern kann.