„Meine türkische Identität“ – Damit erklärt Merih Demiral, warum er nach seinem Siegtreffer gegen Österreich den Gruß der ultranationalistischen Grauen Wölfe zeigte. Foto: dpa/Sebastian Christoph Gollnow

Ein türkischer Spieler zeigt beim Torjubel den Gruß der erznationalistischen Grauen Wölfe, österreichische Fans grölen rechtsextremes Zeug. Muss das Nationale jetzt raus aus den EM-Stadien?

Auch so könnte eine Fußball-Europameisterschaft aussehen: Das Stadion ist voll, einheitlich prägen Regenbogenfahnen das Bild auf den Kulissen. Und hin und wieder klatscht das Publikum. Artig selbstverständlich.

 

Das hätte was. Bloß extrem wenig mit Fußball zu tun. Der lebt vom sportlichen Geschehen, klar. Aber ebenso sehr von den Gefühlswallungen drumherum. Die kanalisieren sich – laut und häufig derb – in Sprechchören, Gesängen, Bannern – und ja, auch in Pfiffen und Schmähungen auf Gegner und Schiedsrichter. Gut so. Denn das schafft Stimmung, Identität, große Wir-Gefühle, gemeinsam empfundene Freude, gemeinsam erlittenen Frust.

All das hat seinen Platz im Stadion. Und selbstverständlich verbindet sich diese in Afrika, Lateinamerika und Europa besonders inbrünstig ausgelebte Folklore mit nationalen Symbolen, wenn Nationalmannschaften Fußball spielen. Entsprechend absurd sind alle Versuche, Fans einzureden, irgendetwas sei falsch an ihren Staatsflaggen, ihrer Landesfarben-Schminke oder dem Mitsingen von Nationalhymnen.

Wie hell, wie freundlich es strahlen kann, wenn sich leidenschaftliche Anhängerschaft und Nationales verbinden, wird im aktuellen Europa-Turnier sichtbar. Nicht zuletzt die in Scharen in Deutschland auflaufenden Fans aus Dänemark – einem Land mit allenfalls mäßig entwickelter Willkommenskultur – oder aus Schottland haben dafür gesorgt. Fröhlich und laut, trink- und sangesfest, freundlich und fair.

Fair – das ist der Punkt, der die Grenze setzt. Gerade in Beantwortung der Frage: Wie viel Nationalstolz verträgt der Fußball? Wer wie der türkische Torschütze Merih Demiral den sogenannten Wolfsgruß der Ultranationalisten-Bewegung Graue Wölfe zeigt, wer wie manche Spieler und manche Zuschauer von Lazio Rom immer wieder mit dem Gruß der italienischen Faschisten auffällt, überschreitet diese Grenze.

Wen will er für blöd verkaufen?

Sie verläuft genau da, wo das Bekenntnis zur eigenen Identität und zum eigenen Land umschlägt in Verachtung und Abwertung anderer. Etwa durch ein wie auch immer geartetes Bekenntnis zu extremistischen oder rassistischen Organisationen.

Zuschauern und Spielern gebührt ein großer Freiraum zum Zeigen ihrer Gefühle. Erst recht in einem Turnier wie der Euro 2024, in dem es um viel Ruhm und um sehr viel Geld geht. Wenn aber einer wie Demiral seine „türkische Identität“ als Grund dafür nennt, dass er spontanen Torjubel in ein alles andere als spontanes Bekenntnis zu seinem extremen Nationalismus ummünzt, stellt sich die Frage: Wen will er für blöd verkaufen?

Dass Deutschland Raum lässt für Siegesfeier-Autokorsos mit reichlich Lärm und Verkehrsbehinderung und voll von türkischen oder anderen Flaggen und voll von praller Begeisterung, passt zu einem freundlichen Gastgeberland. Zu dem passt es ebenso, dass nicht zuletzt Bundesinnenministerin Nancy Faeser der politischen Rechtsaußen-Demo Demirals ihre Missbilligung ausgesprochen hat.

Sein Handzeichen verlangt klare Gegenzeichen. Der europäische Fußballverband Uefa ist gut beraten, wenn auch er ein eindeutiges Signal an Demiral und ähnlich Verblendete dahintersetzt. Nicht in der Erwartung von Einsicht und Läuterung. Nicht in der Illusion hochklassige fußballerische Fähigkeiten schützten vor Verirrungen wie der Anhängerschaft zum aggressiven Nationalismus der türkischen Grauen Wölfe. Aber als eindeutige Ansage: Gerade weil der Fußball niemals ein politikfreier Raum sein kann, darf er erst recht kein Raum frei von Regeln, Werten und Anstand sein.