Fußball-WM 2006, Stuttgarter Schlossplatz, Fanfest: Chance zur Neuauflage bei der Euro 2024 Foto: dpa

Die gute Nachricht nach dem bitteren WM-Aus: Die Fußball-Europameisterschaft 2024 findet in Deutschland statt. Auch für Stuttgart und die Region eine gute Möglichkeit, das Sommermärchen der WM 2006 zu erweitern. Um ein weiteres faszinierendes Kapitel.

Stuttgart -

Stuttgart - Es ist die beruhigende Erkenntnis in aufgeregten Zeiten: Der deutsche Fußball kann noch wichtige Spiele gewinnen. Zum Beispiel gegen die Türkei. Die Europameisterschaft 2024 findet in Deutschland statt. Der viel gepriesene WM-Gastgeber aus dem Sommermärchen 2006 ist wieder am Ball. Auch die bunte Landeshauptstadt und ihre weltoffene Region sind erneut Teil des Teams. Mach’s noch einmal, Stuttgart! Die Tage mit dem Botnanger Bäckergesellen Jürgen Klinsmann und seiner stürmenden Rasselbande sind unvergessen.

Selbstverständlich war das Votum für Deutschland allerdings nicht. Wie der Fußballweltverband (Fifa) schon 2010 mit der WM-Vergabe an den Wüstenstaat Katar lehrte (2022), ist der Hohe Rat eines internationalen Sportfachverbands so berechenbar wie ein Elfmeterschießen. Außerdem machte die Europäische Fußball-Union (Uefa) kein Geheimnis daraus, was in sechs Jahren zählt: Neben den Toren vor allem das Geld.

Neben Toren zählt vor allem das Geld

Die Türkei trat zum Finale in Nyon aus besagten Gründen selbstbewusst und in Spendierhosen an. Steuerbefreiung und die kostenlose Nutzung der Stadien garantierte das Team um den persönlich bemühten Spielleiter Recip Tayyip Erdogan. Der amtliche Appell nach drei vergeblichen Anläufen: „Jetzt sind wir dran!“ Weil so ein Finale für gewöhnlich knapp ausgeht, holzten sie noch ein wenig auf beiden Seiten. Türkische Strategen verwiesen auf deutsche Tendenzen zur Fremdenfeindlichkeit und den Stress mit Erdogans Fotomodell Mesut Özil. Auf deutscher Seite verwiesen die Wahltaktiker dezent auf die nur rudimentär vorhandenen demokratischen Grundrechte am Bosporus. Tempi passati.

Am Ende überwog die Skepsis der Uefa-Exekutive, wohl auch, weil die Spielidee der türkischen Wirtschaftspolitik partout nicht aufzugehen scheint, weil Menschenrechte und Pressefreiheit am Bosporus nach Belieben ausgewechselt werden.

Steuerzahler aufgepasst!

Wie auch immer: Die Europameisterschaft 2024 birgt für Deutschland Risiko und Chance zugleich. Die Marketing-Strategen der Uefa fluten zwangsläufig das Land des Ex-Weltmeisters, um mit minimalem Aufwand den maximalen Profit zu garantieren. Das stört zwar nicht unerheblich den unverfälschten Fußballgenuss, ist aber unverzichtbarer Teil der Geld- und Event-Maschinerie, die sich des Spiels immer unverhohlener bemächtigt. Umso mehr ein Grund, peinlich genau darauf zu achten, dass der Steuerzahler mit keinem Cent zum Millionen-Spektakel beitragen muss. Und nicht zu vergessen: Die Hintergründe um die Vergabe der WM 2006 nach Deutschland sind noch immer ungeklärt, die Schweizer Bundesanwaltschaft ermittelt unter anderem gegen den damaligen OK-Chef Franz Beckenbauer. 6,7 Millionen Euro für den mutmaßlichen Stimmenkauf sind auf geheimnisvolle Weise in irgendeiner arabischen Wüste versickert. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) streitet mit dem Fiskus bis dato um eine Steuerschuld von 19,2 Millionen Euro. Und das Turnier-Motto „Vereint im Herzen Europas“ ist neben der sportlichen mehr denn je auch eine politisch geladene Offensive, die - falsch angepackt - schmerzhafte Konter nach sich ziehen kann. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass DFB-Präsident Reinhard Grindel und die Seinen verbal ins eigene Tor zielen.

Stuttgarts Rolle

Zu allererst aber bietet die Euro 2024 auch vor Ort die Gelegenheit, das Sommermärchen der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 im besten Sinne fortzuschreiben: Mit der Freundlichkeit, Toleranz, Weltoffenheit, Hilfsbereitschaft und Begeisterungsfähigkeit der Menschen aus Stuttgart und seiner Region als faszinierendem Kapitel.

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