„Fair, sauber, nicht besonders aufregend“: Das sagt der Experte Foto: dpa

Die EM in Frankreich ist die große Bühne der Fußballstars. Wer bringt es zu besonderen Ehren? Wir haben – analog zur Oscar-Verleihung – vorab nominiert. Teil 2: die Kandidaten in der Kategorie „Bestes Kostümdesign“.

Stuttgart - Vermutlich würden sie gern anders beschrieben werden. Aber gut, so schlecht ist auch das nicht. Die Kicker von Borussia Dortmund jedenfalls gelten gemeinhin als „gefährlich“ und „aggressiv“. Und das lediglich aufgrund der Farbe ihrer Trikots. Das Team in den gelb-schwarzen Hemden profitiere eben vom „Hornissen-Effekt“, erklärt der Farbpsychologe Harald Braem, der ergänzt: „Die Farbkombination ist eine Warnfarbe in der Natur. Für eine Fußballmannschaft ist das ein ziemlich gutes Trikot.“

Wissenschaftliche Studien belegen darüber hinaus, dass sich die Trikotfarbe des Torwarts beim Elfmeterschießen auf die Trefferwahrscheinlichkeit auswirkt. Iain Greenlees und Michael ­Eynon von der englischen Universität Chichester fanden 2010 heraus, dass die Trefferquote bei einem rot gekleideten Torwart (54 Prozent) signifikant geringer ist als bei einem Torwart im gelben (69 Prozent), blauen (72 Prozent) oder grünen Dress (75 Prozent). Dies führen Greenlees und Eynon darauf zurück, dass die Farbe Rot eine Art Alarm im Gehirn auslöst. „Rot, die Farbe des Blutes und des Feuers, ist in unserem Althirn verankert“, bestätigt Braem, „bei ihrem Anblick spielen sich dort uralte Programmatiken ab.“ Konfrontiert mit einem Torwart im roten Trikot, seien Torschützen unterbewusst angespannter. Das wirke sich auf ihre Leistung aus. Zugleich habe die ­Farbe einen positiven Einfluss auf die ­Performance des Torhüters: Im roten Dress fühle sich dieser dominanter – sogar sein Testosteronspiegel könne durch die Signalfarbe an seinem Körper steigen.

„Die blaue Farbe fördert den Teamgeist“

Einen vergleichbaren Effekt schreibt ­Braem Neonfarben zu. „Die Farben sind ein Blickfang. Der angreifende Spieler muss den Torwart zwangsläufig anschauen“, sagt er. Da es im Fußball nicht selten um Sekundenbruchteile geht, könne das entscheidend sein: „Der Torschütze zielt instinktiv auf den Torwart – auch, wenn er neben ihn schießen will.“ Der Schweizer Torhüter Yann Sommer von Borussia Mönchengladbach bestätigt das, indem er sagt: „Wer grelle Farben trägt, leuchtet auf dem Platz.“ Noch besser wäre ein olivgrün gesprenkeltes Torwarttrikot, ähnlich einem Tarnanzug, meint Braem: „Die unruhige Farbgebung würde den ­Angreifer irritieren.“

Für die Feldspieler empfiehlt der Farbpsychologe rote oder blaue Trikots. „Die blaue Farbe fördert den Teamgeist“, sagt er, „Rot steht dagegen für starke Einzelspieler.“

Markus Raab, Leistungspsychologe an der Deutschen Sporthochschule Köln, rät darüber hinaus von schwarzen Trikots ab – die Farbe wirke zu bedrohlich. Dies bestätigen gleich mehrere wissenschaftliche Untersuchungen, darunter eine Studie der US-Psychologen Mark Frank und Thomas Gilovich von der Cornell University. Die Wissenschaftler belegten bereits 1988, dass gegen schwarz gekleidete Spieler überproportional häufig ein Foul gepfiffen wird, da Schiedsrichter sie unbewusst als aggressiver wahrnehmen.

Die optimale Lösung wäre für Raab, dass die Spieler an der Gestaltung ihres Outfits mitwirken können. „Durch den Eigenbeitrag würden sie sich stärker mit ihrem Trikot identifizieren“, sagt er, „das könnte selbstverstärkend wirken.“ Selbst wenn der ­Kicker nicht als Hornissen-Kopie aufläuft.

Die deutschen Trikots

„Die Mannschaft“

I n ihren blütenweißen Hemden sehen die deutschen Spieler mehr nach braven Pässen aus als nach gefährlichem Angriffsspiel. „Die Trikots der Deutschen waren schon immer zu unauffällig“, sagt Harald Braem. Für den Farbpsychologen nimmt sich das Team um Müller, Hummels und Götze trotz seines Erfolgs wie eine Altherrenmannschaft aus. Das Weiß wirke zu schwach, sagt er und fragt: „Wo ist das Rot, wo das Gelb unserer Nationalflagge? Diese Farben setzen wir zu wenig ein. Mit einem Balken Schwarz, Rot, Gold auf der Brust würde ‚Die Mannschaft’ mehr Stärke ausstrahlen .“

Farbpsychologe Harald Braem sagt: „Fair, sauber, nicht besonders aufregend“

Die spanischen Trikots

„La Furia Roja“

Würde die Europameisterschaft allein nach farblichen Kriterien entschieden, hätten die Spanier die besten Karten. Im dunkelroten Dress strahlt die „Furia Roja“ Kraft und Elan aus. „ Rot steht für starke Einzelspieler“, sagt Braem. Langfristige Untersuchungen belegen zudem: Gekleidet in dieser Farbe gewinnen Mannschaften statistisch gesehen häufiger – und zwar in allen Sportarten.

Farbpsychologe Harald Braem sagt: „ Sehr aktiv und voller Power“

Die irischen Trikots

„The Boys in Green“

Rasengrün laufen die Iren auf dem Platz auf. Ein möglicher Vorteil, sagt der Leistungspsychologe Markus Raab: „Grün ist auf dem Rasen eher eine Tarnfarbe. Es kann sein, dass Angreifer kann von der gegnerischen Defensive übersehen werden.“ Ein Fauxpas, der allerdings auch den eigenen Mitspielern passieren könnte .

Leistungspsychologe Markus Raab sagt: „Frisch und jung“

Die französischen Trikots

„Equipe Tricolore“

Blau sieht Farbpsychologe Braem neben Rot als optimale Trikotfarbe für die Feldspieler. „Die blaue Farbe fördert den Teamgeist“, sagt er. „Sie verbindet die Spieler schnell zu einer Einheit.“ Wenn die „blaue Welle“ auf die deutsche Nationalmannschaft zurollt, sollten die Spieler also besser eng zusammenstehen. Blau tragen die Franzosen übrigens bereits seit ihrem achten offiziellen Länderspiel: Im März 1908 liefen „Les Bleus“ gegen England in blauen Trikots auf. Trotz 0:12-Schlappe haben sie die Farbe beibehalten .

Farbpsychologe Harald Braem sagt: „Starker Teamgeist“

Die kroatischen Trikots

„Die Karierten“ (Kockasti )

D as Dress der kroatischen Nationalmannschaft findet Braem nicht schlecht: „Die Karos stiften Verwirrung für die Augen“, sagt der Farbpsychologe. Das rot-weiße Schachbrettmuster könne die gegnerische Mannschaft kurzzeitig irritieren und ihr so einen Vorteil verschaffen – etwa beim Elfmeterschießen.

Farbpsychologe Harald Braem: „Vorteil durch verwirrende Karos“

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