Joachim Löw fordert von der Mannschaft eine weitere Steigerung. Die ist auch notwendig, sagt Taktikblogger Jonas Bischofberger. Foto: Getty Images Europe

Trotz des 3:0-Sieges war der Auftritt der deutschen Mannschaft nicht in allen Belangen überzeugend. Vor allem defensiv bleiben vor dem Viertelfinale einige Fragen offen. Taktikblogger Jonas Bischofberger analysiert das Spiel für Sie.

Lille - Mit den von Jan Kozak trainierten Slowaken erwartete die DFB-Elf der nächste defensiv ausgerichtete Gegner. Deren 4-1-4-1-Grundformation wurde gegen den Ball häufig zu einem 4-3-2-1, weil die Flügelspieler sich neben dem einzigen Sechser Skriniar einordneten und die Achter herausschoben. In dieser Grundordnung hätte die Slowakei eigentlich gut Druck machen können. Hamsik und Hrosovsky hatten theoretisch Zugriff auf Kroos und Khedira, während die drei übrigen Mittelfeldspieler den Raum dahinter flexibel schließen konnten. Allerdings spielte die Slowakei ihr Pressing sehr zurückhaltend und passiv. Die deutschen Aufbauspieler wurden daher kaum vor ernsthafte Herausforderungen gestellt.

Deutschland knackt die Slowakei über außen

So konnte Deutschland gegen das zentrumslastige Defensivsystem der Slowaken immer wieder die Außenverteidiger freispielen. Die anschließenden Angriffe waren eher simpel gestrickt. Meist folgte recht früh ein hoher Ball in den Strafraum, anstatt eine flache Kombination. Vor allem die Räume zwischen den tiefen Flügelspielern und dem Sechser hätte Deutschland fokussierter bespielen können. Dass das nicht so richtig gelang hatte auch mit der Herausnahme von Götze zu tun, der es immer recht gut verstanden hatte vorne für Verbindungen zu sorgen. Draxler ist ein direkterer Spielertyp, der eher über seine Dribblings kommt. Was das Zusammenspiel innerhalb der Offensive angeht erreichte man daher nicht das Niveau aus dem Spiel gegen Nordirland.

Und dennoch kam Deutschland zu seinen Toren: Beim 1:0 durch Boateng ließ die Slowakei den Rückraum sträflich frei. Das 2:0 fiel in einer Szene, in der eigentlich wenig Dynamik steckte und Draxler dennoch in ein einfaches 1-gegen-1 gehen konnte, bei dem Mittelfeldmann Kucka keinerlei Absicherung hinter sich hatte. Deutschland profitierte also auch in gewissem Maße von Fehlern des Gegners.

Fragezeichen Defensive

Ein gewisses Fragezeichen der deutschen Mannschaft bei dieser EM ist die Organisation der Defensive. In der ersten Halbzeit zeigte Deutschland in dieser Hinsicht einen einigermaßen wirren Auftritt: Man versuchte weit vorne Druck zu machen, wirkte dabei allerdings weder besonders kompakt noch gut abgestimmt. Die vorderste Pressinglinie spielte recht passiv und stand weit auseinander, zumal Draxler sich mitunter etwas zu weit zurückdrängen ließ. Um das auszugleichen preschte Kroos weit nach vorne, hinterließ dabei aber auch Lücken, welche die Slowakei durchaus mutig anvisierte. Einzig der Ballbesitz fehlte ihnen, um daraus öfter Kapital zu schlagen.

Wie die Slowaken reagierten

Zur zweiten Halbzeit nahm Jan Kozak einen ungewöhnlichen Wechsel vor. Er nahm seinen einzigen „echten“ Flügelspieler Vladimir Weiss heraus und brachte mit Gregus einen weiteren zentralen Mittelfeldspieler. Die Slowakei spielte nun eine Art Raute im Mittelfeld mit Hamsik als Spielmacher auf der Zehn. Kucka pendelte zwischen Rechtsaußen und zweitem Stürmer. Einen Linksaußen gab es nicht mehr.

Mit der Überzahl im Mittelfeldzentrum sicherte sich die Slowakei nun mehr Ballbesitz gegen eine mittlerweile deutlich zurückgezogenere deutsche Elf. Diese verteidigte aus einer tieferen Grundposition aus geordneter und kompakter. Gleichzeitig fehlte es den Slowaken etwas an Zielstrebigkeit und Präsenz in der Spitze. Mit quasi fünf zentralen Mittelfeldspielern kombinierten sie zwar einige Male gefällig, aber richtigen Zug zum Tor entwickelten sie in dieser Besetzung nicht, auch weil es Hamsik immer wieder in tiefere Bereiche zog. Der eher defensive Linksverteidiger Gyömber war außerdem nicht wirklich geeignet, um den unterbesetzten linken Flügel allein zu beackern.

Fazit

Die deutsche Mannschaft überzeugt im Spielaufbau, aber nur teilweise im Angriffs- und Defensivspiel. Sie profitierte nicht zuletzt von der frühen Führung und bewies eine verbesserte Effizienz in der Chancenverwertung. So nahm das Spiel trotz ähnlichem Leistungsniveau keinen ganz so zähen Verlauf wie das eine oder andere Gruppenspiel. Offen bleibt hingegen auch nach dem vierten ausgesprochen defensiven Gegner, wie stabil die deutsche Mannschaft gegen Teams sein wird, die von Anfang an mitspielen wollen.

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