Die Macher an der Außenlinie: Trainer Fernando Santos und Superstar Cristiano Ronaldo Foto: AFP

Der Trainer Fernando Santos hat mit Portugal ein Gewinner-Team geformt. Der verletzte Cristiano Ronaldo dirigierte die Mannschaft von der Seitenlinie zum Triumph bei der Europameisterschaft.

Paris - Sollte Fernando Santos irgendwann die Bilder dieses EM-Finales sehen, dann wird er sich in einem launigen Moment vielleicht fragen, ob da in der Schlussphase plötzlich ein Wiedergänger von ihm aufgetaucht ist. Verkleidet zwar als Spieler in kurzen Hosen, und auch 30 Jahre jünger, aber dieser jemand schrie wie er und dirigierte wie er. Und dieser jemand in der Coachingzone war Cristiano Ronaldo.

Nur eine Verhaltensweise unterschied den wahren Trainer und den verletzt ausgewechselten Superstar. Ronaldo ließ früher von der Partie ab, um sich von seinen Emotionen übermannen zu lassen. Der starke Torhüter Rui Patricio legte sich gerade den Ball für einen letzten Abstoß bereit, und jeder im Stade de France wusste: Das war’s. Portugal gewinnt 1:0 gegen Frankreich nach Verlängerung.

Allein Santos gab noch immer seine Anweisungen. Wohin Patricio den Ball spielen sollte, wie sich sein Team zu stellen habe. Einfach weiter, immer weiter. Bis über den Abpfiff hinaus, der Portugal erstmals zum Europameister kürte. Doch dann ließ auch der Trainer von diesem Spiel ab. Gedrückt, geherzt, gestoßen von Spielern und Betreuern. Und spätestens als er durch die Luft flog, muss sich der 61-Jährige dem Fußballhimmel ziemlich nah gefühlt haben.

Die Spieler ließen Santos hochleben – und eine ganze Nation verbeugt sich nun vor dem Mann aus einem Lissaboner Arbeiterviertel. Er ist der große Baumeister eines kleinen Wunderwerks. „Es war die Nacht der Nächte, unsere Nacht“, sagte Santos. Er hat eine Mannschaft geformt, die nicht so grandios spielt wie frühere portugiesische Mannschaften, die aber als erste den Gang zur Siegertribüne nehmen durfte, um den Henri-Delaunay-Silberpokal in Empfang zu nehmen.

In Paris nimmt alles seinen Lauf

Angeführt von Santos selbst, der den Ausgangspunkt zur Besteigung des Euro-Gipfels ebenfalls in einer Begegnung in Paris sieht. Im Oktober 2014 spielte Portugal schon einmal im Stade de France. Es war Santos‘ erster Auftritt als Nationaltrainer seines Heimatlandes, nachdem er zuvor Griechenland betreut hatte. Frankreich gewann 2:1 – und Santos schwor eine Gruppe von Spielern darauf ein, in knapp zwei Jahren wieder hier sein zu wollen.

Pepe, William Carvalho, José Fonte, Rui Patricio, Nani, Cristiano Ronaldo natürlich – sie alle haben daran geglaubt, es schaffen zu können. Wenngleich ihnen nicht viel zugetraut wurde. Vor dem Turnier hielt zum Beispiel der Altstar Luis Figo das Team zwar für begabt, aber nicht erfahren genug, um Außergewöhnliches zu erreichen. Während des Turniers musste der Trainer dann Debatten über seinen Spielstil aushalten: hässlich statt schön hieß es.

„Es ist egal, ob wir gut oder schlecht spielen“, sagte ein trotz Innenbanddehnung tanzender Ronaldo, „Hauptsache wir bringen den Pokal mit nach Hause.“ Es ist die Erfüllung seines Traumes, der schon nach 25 Minuten erneut zu platzen schien. Unter Tränen musste der Stürmer nach einer harten Attacke von Dimitri Payet verletzt vom Rasen getragen werden. Am Boden war er zerstört, um sich doch wieder zu erheben und seine glanzvolle Karriere mit dem ersehnten Titel für die Nationalmannschaft zu vollenden.

Ronaldos Rolle als Motivator

In anderer Rolle als es das Drehbuch ursprünglich vorgesehen hatte, aber das Drama nahm eben seinen Lauf. Ronaldos Ansprache an das Team vor der Verlängerung sei „fantastisch“ gewesen, berichtete der Rechtsverteidiger Cedric über den Motivator. Auch Santos ließ sich mitreißen. Vor allem aber hat er sich nicht beirren lassen auf seinem Weg. Der knorrige Trainer lächelte sogar, wenn ihm mal wieder die Frage gestellt wurde, warum er Portugal nicht stürmen lasse. Denn: er hat Portugal ja stürmen lassen – wenn es ihm notwendig erschien. Und je länger das Turnier dauerte, desto öfter sah man die Iberer nach vorne spielen. Ohne die Defensive zu vernachlässigen.

Das war der Masterplan des Fußballlehrers, der nach seiner Laufbahn als Abwehrspieler auch schon 13 Jahre lang als Ingenieur gearbeitet hat. Das hat ihn wohl auch gelehrt, sich nicht zu wichtig zu nehmen. „Wichtig ist“, sagte Santos schon vor dem Halbfinale gegen Wales, „dass man morgens aufwacht. Denn dann weiß man, dass man lebt.“ Diesen klugen Satz habe ihm seine Großmutter mitgegeben.

Das „hässliche Entlein“ trifft

Solche Weisheiten bilden auch das Fundament seines Fußballverständnisses. Das Ergebnis zählt. Nicht, wie es zustande kommt. Alles dreht sich um das Kollektiv, nicht um einen Einzelnen – selbst wenn dieser Ronaldo heißt. Das musste auch der eitle Ausnahmekönner kapieren. Eine Vermittlungsleistung, die viele Experten für Santos’ besonderes Verdienst halten: Er hat den Individualisten zum Teamplayer gemacht.

Wie strahlend es dann sogar ohne Ronaldo gehen kann, zeigte sich im Finale. Weil Santos einen Plan B hatte. Weil die Mannschaft trotz des frühen Ronaldo-Schocks tapfer die Reihen geschlossen hielt. Weil sich der eingewechselte Eder als Glücksgriff des Trainers erwies. Der Mittelstürmer sollte helfen, den Ball vorne zu halten. Doch dann hatte der 28-jährige Ederzito Antonio Macedo Lopes vom OSC Lille diese große Szene in der 109. Minute: Schuss – und Tor.

Angewiesen von Santos und angetrieben von dessen Wiedergänger mit dem bandagierten linken Knie. „Cristiano hat mir prophezeit, dass ich treffen werde. Er hat mir unglaubliches Selbstvertrauen gegeben“, erzählte Eder. Als er in der 79. Minute eingewechselt wurde, raunte der häufig kritisierte Eder dem Coach zu: „Ich treffe!“ Was Santos hinterher zum Fußballpoeten werden ließ. „Das hässliche Entlein ist reingekommen und hat getroffen“, sagte er. „Jetzt ist er ein wunderschöner Schwan.“

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