Dominanz des FC Bayern Die Bundesliga der Langweiler

Von Gunter Barner 

Kein seltenes Bild in der Bundesliga: jubelnde Spieler des FC Bayern München. Foto: dpa
Kein seltenes Bild in der Bundesliga: jubelnde Spieler des FC Bayern München. Foto: dpa

Selten war eine Saison so langweilig wie diese. Der FC Bayern dominiert die Liga, der große Rest dämmert vor sich hin. Das muss sich ändern, fordert StN-Autor Gunter Barner.

Stuttgart - Nichts hasst der Verbraucher mehr als eine Mogelpackung. So betrachtet hat der deutsche Fußball ein Problem: In den meisten Fällen ist nicht drin, was drauf steht. Das Produkt lebt von seinen Topstars, von der Spannung und von der Annahme, dass Überraschungen fest zum Programm gehören. Aber Feinmotoriker wie Toni Kroos, Mesut Özil, Ilkay Gündogan, Sami Khedira oder Julian Draxler verdienen ihr Geld mittlerweile im Ausland, und hierzulande ist das Geschehen immer öfter so kurzweilig wie einem Auto beim Rosten zuzuschauen. Hand aufs Herz: Wenn eine Mannschaft sechsmal in Folge den Titel holt, was bedeutet das für die Qualität des Wettbewerbs?

Geld allein ist nicht das Problem

Wie groß sind wohl die Chancen von Eintracht Frankfurt, im Finale um den DFB-Pokal gegen den FC Bayern zu triumphieren? Selbst wenn die Lederhosen in der nächsten Saison nur noch zu zehnt spielen dürfen: wer wird deutscher Meister? Natürlich könnten die großen Manitus der Liga jetzt Hand an die Schleusen der Finanzströme legen: Ein bisschen weniger Fernsehgelder für die Übermächtigen aus München, ein bisschen mehr für den traurigen Rest. Das bringt die Bayern nicht um, dass es den anderen hilft, ist allerdings so gewiss wie ein Sechser im Lotto. Denn Geld allein ist nicht das Problem.

Fußball als Wissenschaft

Der deutsche Fußball hat sich im vergangenen Jahrzehnt neu erfunden – als eine Form von Wissenschaft mit einem Gefolge aus Experten und Ideologen, die scheinbar alles wissen, nur nicht, wie man den Ball ins Tor kriegt. Sie reden mit wichtigen Gesichtern von Pressing und Gegenpressing, vom Umschaltspiel, von Packing, von der Box, von der abkippenden Sechs und der falschen oder schwimmenden Neun. Sie nehmen Laktat- und Schnelligkeitswerte, vergleichen Laufwege und Reaktionszeiten, erfassen Bewegungsmuster, sie analysieren Ess- und Schlafverhalten oder simulieren Stress-Situationen. Das alles macht den Athleten perfekter, aber das Spiel nicht besser.

Das grausame Gegurke jedenfalls im Pokalhalbfinale zwischen Schalke 04 und Frankfurt wurde kurz vor Schluss nach einem Eckball entschieden. Torchancen bis dahin: so gut wie keine. Es war wie so oft in dieser Liga der Langweiler: Statt mit offenem Visier den Weg zum Erfolg zu suchen, verharrten beide Teams in ihrer Defensivstrategie. Kopf statt Herz. „Ich schalte bei vielen Spielen inzwischen einfach weg“, ärgert sich der frühere VfB-Meistertrainer Armin Veh. Lag das Lästermaul Mehmet Scholl womöglich richtig, als er die Generation der Laptop-Trainer geißelte, die Big Data als Evangelium predigen? Nicht ganz.

Immer nur gegen den Ball

Über das Wissen zu verfügen ist kein Fehler, das Spiel damit zu überfrachten dagegen schon. Gute Trainer halten die Balance und orientieren sich an den Fähigkeiten ihrer Spieler. Taktik, Organisation und Strategie sind gut, Intuition, Spontanität und Spaß am Spiel sind genauso wichtig. Oder wie es Bundestrainer Joachim Löw formulierte: „Ein Kernproblem ist, dass man in der Bundesliga immer gegen den Ball arbeiten will. Aber was passiert, wenn ich den Ball habe? Das ist das Allerwichtigste.“ Weil er seinen Spielern dafür in unterschiedlichen Situationen Lösungen anbieten konnte, holte seine Elf 2014 den WM-Titel.

Die Liga muss umdenken in der Ausbildung der Talente. Mehr Offensivgeist, Risikobereitschaft und Spaß am Dribbeln. Auch, um international nicht den Anschluss zu verlieren. Auf Schalke stand einst zu lesen: „An Gott kommt keiner vorbei. . . “ Ein Fan ergänzte: „. . .außer Stan Libuda.“ Schöner kann man es eigentlich nicht sagen.

gunter.barner@stuttgarter-nachrichten.de

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