Fußball-Spektakel in Köln: Serge Gnabry (re.) erzielt per Hacke den 3:3-Ausgleich. Foto: Baumann

Tag der offenen Tore: Beim 3:3-Remis in der Nations League gegen die Schweiz zeigt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in der Offensive eine starke Leistung – und zugleich, dass das Defensivverhalten internationalen Ansprüchen noch längst nicht genügt.

Köln - Es ging nicht nur um das Ergebnis, sondern auch um das Erlebnis. Schließlich muss das deutsche Fußball-Nationalteam mittlerweile darum kämpfen, als Unterhaltungsfaktor erster Güte wahrgenommen zu werden. Insofern war das Duell in der Nations League gegen die Schweiz in der leeren Kölner Arena ein echter Fortschritt – Langeweile kam zu keinem Moment auf. Trotzdem stellte das 3:3-Remis Bundestrainer Joachim Löw natürlich nur bedingt zufrieden. Zu unterschiedlich fiel die mannschaftsinterne Bilanz aus: vorne hui, hinten pfui.

Die Aufgabenstellung für die Partie gegen die Eidgenossen war alles andere als einfach. Aber klar formuliert. Als Grund für die wenig attraktiven, uninspirierten und weitgehend kreativlosen jüngsten Auftritte in der Offensive hatte Joachim Löw ein Problem in der Abwehr ausgemacht: „Wir waren zuletzt viel, viel zu langsam im Spielaufbau, das hat unsere Analyse bestätigt“, meinte der Coach, „wir brauchen mehr Dynamik, mehr Geschwindigkeit, mehr Explosivität, mehr Präzision, mehr Variationen.“

Eklatante Fehler in der Abwehr

Wohl deshalb hatte der Bundestrainer im Vergleich zum 2:1-Sieg in der Ukraine umgestellt – von der Dreier- zurück zur Viererkette, ohne Niklas Süle. Die Innenverteidigung bildeten Antonio Rüdiger und Matthias Ginter. Nach vorne ging die Rechnung auf, vor allem Ex-VfB-Profi Rüdiger, beim FC Chelsea in dieser Saison noch ohne Einsatz, spielte einige überraschende Bälle, brachte so öfter Tempo in die Aktionen. Doch plötzlich tauchte ein ganz anderes Problem auf.

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Das deutsche Team leistete sich eklatante Fehler in der Abwehr. Erst rettete Manuel Neuer noch gegen Xherdan Shaqiri (5.), doch nach dem folgenden Eckball stand Mario Gavranovic völlig frei und köpfte das 0:1. Es folgten ein Patzer von Neuer beim Versuch, den Ball nach vorne zu schlagen, den er aber selbst wieder ausbügelte (15.). Und ein Fehler von Toni Kroos, der sein 100. Länderspiel absolvierte, im Mittelfeld. Das Umschaltspiel der Schweizer funktionierte perfekt, zwei Pässe hebelten die deutsche Defensive aus, Remo Freuler vollendete mit einem eleganten Heber über Neuer zum 0:2 (25.). Ähnlich dilettantisch war das Abwehrverhalten beim dritten Gegentor, das erneut Mario Gavranovic machte (57.). Und spätestens in diesem Moment war klar, dass auf Joachim Löw eine ganz neue Diskussion zukommen wird: ob es ohne Abwehrspieler von internationaler Klasse möglich ist, bei der EM 2021 eine Abwehr von internationaler Klasse zu stellen – egal ob mit Dreier- oder Viererkette. Nach dem Remis gegen die Schweiz sind Zweifel durchaus angebracht. „Wir müssen bei den Gegentoren einfach cleverer verteidigen“, meinte Joshua Kimmich, „die Qualität, die wir in der Abwehr haben, müssen wir einfach besser auf den Platz bringen.“

Dieses Problem gab es am Dienstagabend auf der anderen Seite nicht. In der Offensive zeigte die deutsche Elf auch ohne Leroy Sané ihr enormes Potenzial – was vor allem an einem Hochbegabten lag, auf den Löw zuletzt meist verzichtet hatte, um ihn möglichst behutsam aufzubauen: Kai Havertz (21) war an allen drei Toren beteiligt.

Havertz: „Wir befinden uns in einem Prozess

Der 100-Millionen-Mann vom FC Chelsea, für Julian Draxler in die Startelf gerückt, spielte erfrischend, frech, engagiert. Erst eroberte er den Ball, ehe Timo Werner nach feiner Einzelleistung zum 1:2 vollendete (28.), dann traf er den Pfosten (49.), erzielte nach eigener Balleroberung das 2:2 (55.) und bereitete gemeinsam mit Werner auch den 3:3-Ausgleich vor, den Serge Gnabry perfekt mit der Hacke erzielte (60.). „Wir sind nach vielen Rückschlägen zurückgekommen, haben eine gute Moral bewiesen“, meinte Havertz, „wir befinden uns immer noch in einem Prozess, trotzdem waren schon gute Ansätze zu sehen. In der zweiten Halbzeit haben wir sehr guten Fußball gespielt.“

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Dabei waren nicht nur die Tore sehenswert. Die deutsche Elf attackierte früh, kam so immer wieder zu Ballgewinnen, sie kombinierte ordentlich und temporeich, erspielte sich weitere Chancen. Umso ärgerlicher waren die Patzer in der Abwehr – die natürlich wieder die Skeptiker auf den Plan rufen werden. „Wir müssen für uns den nächsten Schritt machen, nicht für die Kritiker“, meinte Löw, „was die Mannschaft wachsen lässt, sind Siege.“ In Köln stimmte zwar das Erlebnis. Nicht aber das Ergebnis.

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