Applaus: VfB-Stürmer Timo Werner steht für den Offensivdrang in der Liga. Foto: Baumann

Fußballfans gehen ins Stadion, um ein Spektakel zu erleben. In der Hinrunde kamen  die Anhänger in der Bundesliga  meist auf ihre Kosten – und es spricht vieles dafür, dass das so bleibt.

Fußballfans gehen ins Stadion, um ein Spektakel zu erleben. In der Hinrunde kamen  die Anhänger in der Bundesliga  meist auf ihre Kosten – und es spricht vieles dafür, dass das so bleibt.

Stuttgart - Es gab mal eine Zeit, da machte der Begriff Rumpelfußball die Runde. Die deutsche Nationalelf war eine Ansammlung von Grobmotorikern und schied bei der EM 2000 in der Vorrunde aus. In der Bundesliga war es zwar spannend, doch um die Jahrtausendwende blieb das große Spektakel weitgehend aus. Der Offensivdrang der Teams, er ließ irgendwie zu wünschen übrig.

Der Blick zurück ist nötig, um den aktuellen Trend in der Liga verstehen zu können. Mehr noch: Die Zustände von damals sind einer der Gründe für das neue Ballyhoo in der Bundesliga. Es herrscht Hochbetrieb in der Torfabrik. Die Teams spielen munter und attraktiv nach vorne – und manchmal scheinen sie zu treffen, wie sie gerade wollen.

Mit 485 Toren erzielten die Profis der Bundesliga in der Vorrunde dieser Saison 41 Treffer mehr als im Vorjahr. Im Schnitt durften die Fans 3,20 Tore pro Spiel bejubeln. Die magische 1000-Tore-Marke könnte am Saisonende ­sogar überschritten werden – zum letzten Mal war das in der Spielzeit 1984/85 der Fall, als in der Liga 1074 Treffer fielen.

Nun, vor dem Rückrundenauftakt an diesem Freitag, ist die Liga auf dem Weg zu neuen Bestmarken – was auch mit dem desaströsen Auftreten der Nationalmannschaft bei der EM 2000 zu tun hat. Denn nach dem Vorrunden-Aus ging es im deutschen Fußball ans Eingemachte.

„Der Ball musste plötzlich bei fast allen Übungen dabei sein“

Nachwuchsleistungszentren wurden zur Pflicht bei den Clubs. Die Schulung der Technik und des Offensivspiels stand fortan auf dem Plan. Rumpeln war gestern. Schön spielen und offensives Denken waren im Jugendbereich plötzlich angesagt. Jürgen Klinsmann verfeinerte diesen Trend in seiner Zeit als Teamchef der Nationalelf von 2004 bis 2006 noch, inzwischen führt ihn sein damaliger Assistent Joachim Löw fort.

„Damals gab es eine Bewusstseinsänderung – dass heute so viele Tore in der Liga fallen, hat sicher auch damit zu tun“, sagt Frank Wormuth, der als Chefausbilder des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) die Schulungen angehender Fußballlehrer leitet und damit auch so etwas wie der Trendforscher im Fußballzirkus ist.

„Der Ball musste plötzlich bei fast allen Übungen dabei sein“, erinnert sich Wormuth an die Zeit nach der EM 2000. Die Folge: Einstige Jugendspieler wie Mario Götze oder Marco Reus machen nun in der Liga Furore – ihr Offensivspiel steht sinnbildlich für das, was sie zu Jugendzeiten eingeimpft bekamen: Schnelligkeit, Ballfertigkeit, Ideenreichtum – und den bedingungslosen Offensivdrang.

Auch VfB-Angreifer Timo Werner, der mit 17 Jahren noch etwas jünger als Mario Götze und Marco Reus ist, ist so etwas wie der Prototyp der in den Nachwuchsabteilungen der Clubs großgezogenen Spieler. „Er ist sehr geradlinig und schnell – er ist ein toller Junge und kann sich vielleicht irgendwann in die Reihe von Götze oder Reus einbringen“, sagt Wormuth.

Immer mehr starke Offensivkräfte stehen den Bundesliga-Trainern zur Verfügung, weshalb sie vermehrt auf Angriff setzen. Dieser Trend lässt sich sehr anschaulich mit einer Statistik belegen. Im Schnitt stand der letzte Abwehrspieler eines Teams in der vergangenen Saison noch 33 Meter von seinem Tor entfernt, in diesem Jahr sind es schon 38. Die Viererkette des FC Bayern München positioniert sich sogar durchschnittlich rund 44 Meter vor dem eigenen Gehäuse.

Nach vorne schieben, den Gegner früh attackieren, um sich dann mit schnellen Offensivkräften überfallartig vors Tor zu kombinieren – das ist mittlerweile so etwas wie der neueste Schrei in der Liga. Borussia Dortmund, deutscher Meister 2011 und 2012, war mit dieser Spielidee der Vorreiter – jetzt ­haben viele andere Clubs nachgezogen.

Dass mit einer hoch stehenden Abwehrkette die Gefahr von Kontern des Gegners wächst, steht auf einem anderen Blatt. Und das erklärt im Umkehrschluss auch die hohe Zahl an (Gegen-)Toren, die in der Vorrunde gefallen sind. „Die taktischen Pläne sind zuletzt deutlich offensiver geworden“, sagt Frank Wormuth. Aktuell steht 1899 Hoffenheim sinnbildlich für diesen Trend. Das Team von Trainer Markus Gisdol liefert Spektakel in Serie – und weist nach 17 Spielen ein Torverhältnis von 36:38 auf.

Allerdings: Die Torflut nur an taktischen Trends oder der verbesserten Offensivausbildung der Spieler festzumachen wäre zu einfach gedacht – dass die Liga zur Torfabrik wurde, hat noch andere Gründe.

Da wäre zum Beispiel das sich stetig verändernde Spiel in der Defensive. Früher gab es sie, die Kettenhunde wie Jürgen Kohler, die als Manndecker dem gegnerischen Stürmer 90 Minuten lang hinterhergerannt sind. Kohler, Weltmeister von 1990, wäre seinen Widersachern zur Not wohl auch noch bis auf die Toilette gefolgt – für die heutige Verteidigergeneration ist es undenkbar, dass sie ihren Gegenspielern nur hinterherrennt.

„Den klassischen defensiven Zweikampf gibt es gar nicht mehr so häufig“, sagt Wormuth. Die Abwehrreihen versuchen stattdessen durch geschicktes Verschieben, Überzahl in Ballnähe herzustellen. Wormuth spricht vom Trend, „dass Gegenspieler fast nur noch gedoppelt und getrippelt werden“. Man spreche heutzutage oft auch nicht mehr von Defensivzweikämpfen – sondern einzig vom Attackieren des Balles. „Das klassische Trainieren von defensiven Zweikämpfen ist in den vergangenen Jahren im Zuge des offensiven Denkens vernachlässigt worden“, ergänzt Wormuth.

Trainer setzen häufig voll auf Angriff

Weil es aber auch im heutigen Zeitalter des geschickten Verschiebens und Doppelns häufig noch Szenen gibt, in denen es in der Abwehr ein gutes Zweikampfverhalten braucht, haben die Stürmer oftmals leichtes Spiel. Denn einige Verteidiger sind auf diesem Gebiet nicht so gut geschult, wie es etwa Jürgen Kohler früher war. Sie ziehen dann im entscheidenden Duell Mann gegen Mann den Kürzeren. Aggressive, zweikampfstarke Innenverteidiger wie Antonio Rüdiger vom VfB Stuttgart gehören mittlerweile eher zur Ausnahme in der Liga. „Den Gegner in der letzten Aktion im Sechzehner vielleicht wieder besser stören zu können – da muss in der Trainingsarbeit wieder verstärkt angesetzt werden“, sagt Frank Wormuth.

Im Zuge des Offensivdrangs in der Liga und der Schwächen der Verteidiger spielen auch die Schiedsrichter eine Rolle. Ex-Bundesliga-Referee Lutz Wagner, der bis Anfang 2013 Koordinator für Regel-Auslegung in der Schiedsrichter-Kommission des DFB war, spricht davon, „dass in Deutschland regelkonformer gepfiffen wird als im Ausland“. Soll heißen: In anderen Ligen winken die Schiedsrichter mehr durch, in Deutschland pfeifen sie etwas kleinlicher. Deshalb agieren viele Abwehrspieler vorsichtiger. Sie ziehen im Wissen um die genaue Regelauslegung eher mal zurück, als dass sie voll durchziehen. Aus Angst vor dem Foul und dem Pfiff scheuen sie oft den direkten Körperkontakt, was das Leben für die Stürmer nicht gerade schwerer macht.

Die Trainer wissen um diese Trends, weshalb sie häufig voll auf Angriff setzen. „Die heutige Trainer-Generation in der Bundesliga denkt offensiver“, sagt Frank Wormuth, „sie gehen in der taktischen Ausrichtung ins Risiko.“ Auch Thomas Schneider sei so ein Typ. Der VfB-Trainer absolvierte die Ausbildung zum Fußballlehrer unter Wormuth. Und der sagt, dass Schneider „für die offensive Denkweise steht“. Gleichzeitig aber, ergänzt der Ausbilder, habe er auch immer die Abwehrarbeit im Kopf.

So etwas wünscht sich Frank Wormuth in Zukunft bei der täglichen Arbeit der Bundesliga-Trainer. „Die Gewichte im Fußball können sich schnell verschieben“, sagt er, „vielleicht liegt der Fokus tatsächlich bald wieder mehr auf der Defensive. Denn wer hätte vor zwölf oder 13 Jahren gedacht, dass wir jetzt über den Offensivdrang der deutschen Ballkünstler reden?“

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