Viele Fehlentscheidungen, wenig Klarheit: Prominente Experten wie Manuel Gräfe oder Urs Meier kritisieren die Bundesliga-Referees. Fehlt es der schwarzen Zunft an Qualität?
Die Länderspielpause ist vorbei, an diesem Wochenende rollt der Ball wieder in der Bundesliga. Was bedeutet, dass auch die Zeit endet, in der die Schiedsrichter mal kurz durchschnaufen konnten. Nun droht erneut die kollektive Schnappatmung.
Im ersten Fünftel der Saison wurde zwar auch über Tabellenführer Union Berlin, die Krise der Bayern oder den sieglosen VfB debattiert, vor allem aber über die Unparteiischen. Oft war es allerdings keine sachliche Diskussion mehr. „Ich will die Leistung der Schiedsrichter nicht mehr akzeptieren, weil mir das auf die Eier geht“, schimpfte etwa Steffen Baumgart, der Trainer des 1. FC Köln. Auch Christian Streich vom SC Freiburg wetterte nach einer vermeintlichen Fehlentscheidung gegen die schwarze Zunft: „Ich fühle mich ein Stück weit verarscht, verliere das Vertrauen in diese Leute.“ Der Brasilianer Neymar („Das darf nicht passieren!“) initiierte unter seinen 235 Millionen Anhängern bei Instagram und Twitter gar einen Shitstorm, nachdem er in der Champions League wegen seines bekannten Clownjubels – Hände neben das Gesicht, Zunge raus – die Gelbe Karte gesehen hatte. Adressat der Wut war Daniel Siebert, der deutsche WM-Schiedsrichter.
Weshalb sich nun die Frage stellt: Ist die Qualität der Unparteiischen in der Bundesliga tatsächlich dermaßen im Keller? Die Antworten fallen unterschiedlich aus.
Es fehlt an Typen
Knut Kircher war selbst ein Topreferee, heute hat er eine andere Perspektive. Er sitzt hoch oben auf der Tribüne, als Schiedsrichterbeobachter. Den klaren Blick hat er sich bewahrt. „Grundsätzlich mache ich mir um das Niveau keine Sorgen, es gibt viele gute Leute, die nachkommen“, sagt der Rottenburger, „es fehlt nicht an Qualität.“ Sondern eher an Typen. Klar, Deniz Aytekin ist eine feste Größe, aber sonst? „In der Bundesliga findet ein Umbruch statt, einige starke Namen sind nicht mehr dabei“, sagt Knut Kircher, „nun brauchen viele Schiedsrichter noch ein bisschen Zeit, um sich das notwendige Standing zu erarbeiten.“ Ein Ex-Kollege von Kircher sieht die Sache kritischer.
Egal, ob im „Sportstudio“, im „Kicker“ oder in den Boulevardmedien – Manuel Gräfe nutzt jede Gelegenheit, um Klartext zu reden. „Noch nie sind die Schiedsrichter mit so vielen, teils extremen Fehlentscheidungen in eine Saison gestartet“, sagt der TV-Experte, der 289 Bundesliga-Spiele gepfiffen hat. Der Deutsche Fußballbund (DFB) habe die „Schiedsrichterei strukturell und personell zwölf Jahre an die Wand gefahren.“ Deshalb werde es Zeit, „die Verantwortungsfrage zu stellen“. Konkret fordert Gräfe die Rote Karte für Schiriboss Lutz Michael Fröhlich und Jochen Drees, den Projektleiter Videobeweis: „Ihnen ist es nicht gelungen, etlichen meist eher jüngeren Schiedsrichtern wesentliche Basics in der Analyse von Spielsituationen zu vermitteln. Es fehlt an fachlichen Vorgaben und Hilfestellungen. Die Schiedsrichter fühlen sich alleingelassen. Das führt zu dem Chaos, das wir fast Woche für Woche erleben.“
Treffen vor Gericht
Das ist starker Tobak, weshalb man wissen muss, dass Gräfe auch aus persönlichen Gründen Dampf ablässt. Er wollte den Abpfiff seiner Karriere im Mai 2021 nicht akzeptieren, obwohl er mit 47 Jahren die Altersgrenze erreicht hatte. Gegen diese klagte Gräfe, die Verhandlung darüber, ob es sich bei dem Limit um Altersdiskriminierung handelt, findet am 16. November in Frankfurt vor dem Landgericht statt. Mit dem vernichtenden Urteil von Gräfe über ihre aktuelle Formkrise müssen sich die Schiedsrichter jetzt schon beschäftigen.
An den ersten Spieltagen gab es zwei große Probleme: die Interpretation der Handspielregel sowie die Frage, wann ein Spieler im passiven Abseits steht und folglich nicht ins Spiel eingreift. Zugleich wuchs die Kritik am vor fünf Jahren eingeführten Videobeweis, weil die Assistenten in dem Kölner Keller, in dem sich das Video Assist Center befindet, keine Klarheit schufen, sondern die Verwirrung durch ihr (Nicht-)Eingreifen oft noch erhöhten. Am Ende blieb Fröhlich nichts anderes übrig als ungewohnt deutliche Selbstkritik. „Es wurden vermeidbare Fehler gemacht“, sagte er und benannte gleich vier falsche Handentscheidungen, „es besteht Verbesserungsbedarf. Wir müssen weiter an einer einheitlichen Linie arbeiten.“ Hört sich gut an, ist aber gar nicht so einfach.
In jedem dritten Spiel eine krasse Fehlentscheidung
Einheitliche Linie meint, dass es bei vergleichbaren Szenen keine unterschiedlichen Pfiffe geben darf, und wenn doch, der Videoassistent diese wieder korrigiert. Aber wie viele Szenen, in denen der Ball im Strafraum die Hand berührt, gleichen sich denn? Ist nicht jede Situation neu, anders? Absicht? Natürlicher Bewegungsablauf? Vergrößerung der Körperfläche? Es ist nicht einfach, auf dieselben Fragen allgemein gültige Antworten zu finden. „Bei der Handspielregel gibt es nicht nur schwarz oder weiß, sie hat ihren Graubereich“, sagt Kircher, „in diesem bewegt sich jeder Schiedsrichter.“ Weshalb auch künftig passieren kann, dass in der Bundesliga freitags anders entschieden wird als samstags oder sonntags. Und auch der Videobeweis das Problem nicht entwirrt.
Knut Kircher kann die Kritik am Kölner Keller trotzdem nicht verstehen. „Aus meiner Sicht ist das Projekt VAR ein Erfolg“, sagt er, „für mich wichtig ist die Zahl der Fälle, in denen Fehler vermieden werden konnten.“ Laut Rechnung des DFB gab es allein in dieser Saison in der ersten und zweiten Liga bereits 49 davon – und folglich mehr Gerechtigkeit. Aber auch neue Zweifel: Wie gut kann die Schiedsrichtergilde sein, wenn es in jedem dritten Spiel eine krasse Fehlentscheidung gibt, die erst mit Hilfe des Videoassistenten korrigiert wird? Nicht gut, meint auch Urs Meier, der eine besondere These aufgestellt hat.
Der Mensch verlässt sich auf die Technik
Nach Meinung des früheren Weltklasseschiedsrichters aus der Schweiz besteht ein Zusammenhang zwischen Videobeweis und Leistungsniveau. „Wir sitzen einer Scheinobjektivität auf, einem falschen Glauben an Technik und Perfektion“, sagte Meier in einem „Zeit“-Interview, „sie führt dazu, dass sich der Mensch auf die Technik verlässt. Er delegiert Verantwortung an sie. Ich verlange aber von Schiedsrichtern, dass sie klare Entscheidungen treffen.“ Er selbst sei früher ohne VAR auf einem Hochseil ohne Fangnetz unterwegs gewesen, der freie Fall habe wehgetan: „Heute stürzen manche jungen Kollegen drei Mal im Spiel ab und landen weich. Das senkt die Konzentration.“
Anschließend spielte Meier noch den Doppelpass mit Gräfe: „Deutschland hat die meisten Schiedsrichter. Doch die Spitze ist kaum vorhanden. Es ist das beste Beispiel, dass die Qualität der Schiedsrichter von der Führung abhängt. Beim DFB wurden Typen mit Ecken und Kanten lange Zeit aussortiert.“ Kein Wunder, dass Gräfe den Ball sofort zurückpasste und Meier als neuen Schirichef in Deutschland vorschlug, weil er ohne Seilschaften „unabhängig und leistungsorientiert“ agieren könne. Alles nur ein abgekartetes Spiel? Die Zukunft wird es zeigen.
Patrick Ittrich attackiert User
Die Gegenwart bringt am Wochenende den achten Bundesliga-Spieltag. Und womöglich neue Diskussionen, Rudelbildungen um Schiedsrichter, Tumulte. In dieser Saison gab es eine Verdopplung der persönlichen Bestrafungen für Spieler und Offizielle wegen Protestierens, darunter war die Gelb-Rote Karte für VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo in Köln. Und auch die Reaktionen in den sozialen Medien fallen immer heftiger aus. Nach massiven Anfeindungen hat der Account „Collinas Erben“, der Schiedsrichterentscheidungen einordnet, sich von Twitter zurückgezogen. Woraufhin Bundesliga-Referee Patrick Ittrich die User attackierte: „Stadion oder Internet, wie wenig reflektiert kann man sein? Euer Fanstatus rechtfertigt nix!“ Die hitzigen Debatten, so viel ist sicher, werden weitergehen.