Dieter Hecking (li.) muss bei Borussia Mönchengladbach gehen, Julian Nagelsmann verlässt 1899 Hoffenheim freiwillig. Foto: Baumann

Während Trainer regelmäßig den Kopf hinhalten müssen, sind Spieler bei der Schuldfrage im Misserfolgsfall fein raus. Unser Autor Reiner Schloz macht sich dazu so seine Gedanken.

Stuttgart - Der VfB-Fan, wohnhaft Cannstatter Kurve in der Mercedes-Benz Arena, hat sich im Lauf der Jahrzehnte eine bemerkenswerte Sicht der Dinge angeeignet: Gewinnt die Mannschaft, ist es der Trainer. Verlieren die Jungs, ist es der Präsident. Und auch wenn die Vereinsbosse heute durch allerlei Personal von der sportlichen Verantwortung weitgehend abgeschirmt sind, hält man in Stuttgart gern an dieser Logik fest. Denn der Schwabe hegt, was ihn sausympathisch macht, ein gesundes Misstrauen gegen alle Obrigkeiten.

Trotzdem sind es die Manager und Sportdirektoren, die sich gemeinsam mit den Trainern der Verantwortung von Punkten und Tabellenplatz stellen müssen. Die Spieler sind da – warum auch immer – irgendwie raus. Die Manager und Trainer sollen für Konstanz und Erfolg sorgen, was meistens nicht klappt, weil sie keine Zeit dafür haben und sie sich manchmal auch nicht nehmen wollen.

Wer hat wo keine Lust mehr?

Denn während auf dem Platz die Fünfer- zur Dreierkette rotiert oder umgekehrt, findet zum Saisonendspurt außerhalb des Platzes eine ligaumspannende Casting-Show statt, gegen die die Besetzungscouch in Hollywood wie Omas Ohrensessel anmutet. Das Motto: Öfter mal was Neues, auch wenn es eher was Altbekanntes ist. Angefangen hat alles mit dem Schalker Manager Christian Heidel. Er entließ sich selbst, anstatt Trainer Domenico Tedesco zu entlassen. Nicht überraschend, dass diese Aktion Tedesco nicht vor dem Rauswurf schützte. Lieber beförderte Schalke Altmeister Huub Stevens vom Aufsichtsratssessel zurück auf die Trainerbank, die er aber am Saisonende wieder verlassen wird. Der neue Schalker Sportvorstand und Heidel-Nachfolger Jochen Schneider, früher VfB Stuttgart, liebäugelt offenbar mit einer Verpflichtung von Dieter Hecking. Denn Hecking wird in Gladbach nicht mehr gebraucht. Borussen-Sportchef Max Eberl hat bereits Marco Rose von RB Salzburg verpflichtet.

In Berlin hört Pal Dardai nach vier Jahren auf. Sein Co-Trainer Rainer Widmayer geht gleich mit – oder besser: Er geht zurück nach Stuttgart. Wer dort sein Chef wird, ist noch unklar. Nico Willig, der den VfB irgendwie vor dem Abstieg retten soll, darf nach Saisonende zurück zu seiner U-19-Mannschaft. Stuttgarts neuer Sportdirektor Sven Mislintat, gemeinsam mit Thomas Hitzlsperger Nachfolger von Ex-Sportvorstand Michael Reschke, hat wohl Interesse an Kiels Trainer, Tim Walter. Denn Stuttgarts Top-Kandidat Oliver Glasner vom Linzer ASK wechselt lieber nach Wolfsburg. Denn in Wolfsburg hat Bruno Labbadia keine Lust mehr, wird aber jetzt mit Berlin in Verbindung gebracht, weil dort Pal Dardai – aber das hatten wir schon.

In Hoffenheim übernimmt Alfred Schreuder

In Hoffenheim wird Alfred Schreuder, in Amsterdam bisher Co-Trainer von Erik ten Hag (nein, der ist nicht zu haben!), neuer Cheftrainer, weil Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann künftig lieber die Betreuung der Leipziger Champions-League-Teilnehmer übernimmt. Dieter Hecking könnte übrigens auch in Köln landen, weil der Tabellenführer der zweiten Liga seinen Chefcoach Markus Anfang noch vor Saisonende vor die Tür setzte. In Düsseldorf wollten sie Friedhelm Funkel (65) auch vor die Tür setzen, aber er hat seinen Vertrag kurzerhand selbst verlängert. Das geht offenbar, wenn man nur alt genug ist. Und dann ist da noch Thomas Doll, Hannover 96. Er nimmt aktuell nicht an der Casting-Show teil und sagt: „Ich muss nicht jeden Tag über mich lesen, dass ich der Größte bin.“ Die Gefahr besteht eher nicht.

Sollten Sie irgendwann den Faden verloren haben – macht nichts. Lassen Sie sich überraschen und entscheiden Sie sich mit Beginn der neuen Saison, welche Person ihrer Wahl Sie künftig für die Niederlagen ihres Clubs verantwortlich machen möchten. Sie wird mit ziemlicher Sicherheit einen neuen Namen haben. Jean-Paul Sartre hat einst einen großen Satz in den grünen Rasen gebrannt: „Beim Fußball verkompliziert sich alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft.“ Dem klugen Mann möchte man posthum entgegnen: Ja, wenn der Gegner nur das einzige Problem wäre . . .

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