Fußball-Bundesliga Der Trainer und der kratzende Saphir

Von Gunter Barner 

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Wenn nichts mehr geht, fliegt der Trainer. Der 1. FC Köln trennt sich von Peter Stöger. Doch die VfB-Geschichte lehrt: Man sollte das Prinzip nicht übertreiben.

Stuttgart - Es gibt Käpsele unter den Gehirnforschern, die belegen können, dass der Mensch viel lieber bleibt, als er geht. Weil diejenigen Teile unseres Oberstübchens, die für das Beharren zuständig sind, angeblich besser ausgebildet sind als jene, die nach Veränderung verlangen. Das erklärt im Fußball zwar vieles, aber nicht alles.

Peter Stöger, so ist anzunehmen, hätte den 1. FC Köln gerne noch ein bisschen trainiert. Doch nach viereinhalb überwiegend erfolgreichen Jahren ist für den österreichischen Übungsleiter jetzt Schluss. Und nach allem, was aus dem Epizentrum des Frohsinns zu hören ist, drängten weder die Gehirnhälften der FC-Bosse noch die der Spieler oder Fans auf eine Veränderung. Vielmehr ist von dem beklagenswerten Umstand die Rede, dass diejenigen Zonen in Stögers Denkapparat ihren Betrieb einstellten, die Blinde wieder sehend machen. Aus rechtlichen Gründen können an dieser Stelle die Namen der betroffenen Stürmer nicht genannt werden. Auch Stögers verzweifelte Appelle an die Spielleitung halfen am Ende nicht mehr: „Ich habe dem Linienrichter meine Brille angeboten, aber auch das hat er nicht gesehen.“

Stöger, der Wenger von Köln

Die Trennung entbehrt nicht tragischer Züge, aber sie ist Teil eines Geschäfts, in dem Ausnahmen wie Volker Finke (16 Jahre beim SC Freiburg) und Otto Rehhagel (14 Jahre beim SV Werder Bremen) die Regel bestätigen. Wenn nichts mehr geht, fliegt der Trainer. „Für kölsche Verhältnisse bin ich doch eh schon der Arsène Wenger“, pflegte Peter Stöger mit Hinweis auf den geschätzten Kollegen zu sagen, den es bei Arsenal London schon länger zu geben scheint, als den Linksverkehr auf der Insel. Die älteren unter den Gunners-Sympathisanten werden sich erinnern: seit 1996.

Wie lange dagegen Peter Bosz noch zur ersten allgemeinen Verunsicherung von Borussia Dortmund beitragen darf, ist ungewiss. Sicher ist nur, dass die Reihe niederländischer Trainer, die in der Bundesliga erfolgreich arbeiteten, sehr übersichtlich ist. Auch deshalb, weil das holländische Verständnis von Fußball mit der deutschen Spielart oft nicht harmoniert. „Wenn man eine neue Freundin hat, klappt auch nicht immer gleich alles perfekt“, tröstete sich Bastian Schweinsteiger, als die Bayern und Louis van Gaal nicht so richtig zueinander finden konnten. Zu den positiven Beispielen zählten neben Rinus Michels (1. FC Köln), Huub Stevens (Schalke 04) und Arie Haan, der mit dem VfB Stuttgart 1989 das Ufea-Cup-Endspiel gegen den SSC Neapel erreichte. Als der Niederländer aber die Teilnahme an den ungezügelten Freuden des Lebens der sturen Paukerei beim Trainer-Lehrgang in Köln den Vorzug gab, entsann sich der wütende VfB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder jener Gehirnhälfte, die nach Veränderung schreit.

Beim VfB Stuttgart: 27 Trainer in 27 Jahren

Das war 1990. Seither kommt die weiß-rote Schicksalsgemeinschaft kaum mehr nach mit dem Zählen: 27 Trainer trugen und tragen bis heute in Diensten des VfB Stuttgart zum Gelingen der sportlichen Darbietung bei, die der große Johan Cruyff einmal so definierte: Fußball ist ein einfaches Spiel, aber es ist das schwierigste überhaupt, es einfach zu spielen.“ Und richtig kompliziert wird dann, wenn alle Nase lang ein anderer Coach seine Weisheiten verkündet und nach neuen Facharbeitern verlangt. Beim VfB hat man eine Ahnung davon, wohin das führen kann.

MV jedenfalls hielt sich nie lange auf mit dem Einzelschicksal seiner leidenden Angestellten. „Mit dem Trainer ist es wie mit dem Spahir an einem Plattenspieler“, sagte er und verdrückte nach jedem Rauswurf ein paar Krokodilstränen, „er nützt sich ab und muss irgendwann ausgewechselt werden.“ Beim 1. FC Köln bestimmt jetzt ein anderer, was gespielt wird. Ob es Stöger noch kratzt? Kommt ganz auf die Gehirnhälfte an.

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