Auch Alexis Tibidi (li.) konnte den Sieg für den VfB nicht mehr erzwingen. Foto: Baumann

Den Rückrundenauftakt haben sich alle Beteiligten beim VfB Stuttgart anders vorgestellt. Nach dem 0:0 gegen die SpVgg Greuther Fürth stellen sich viele Fragen. Unter anderem die nach dem Risiko des Stuttgarter Wegs.

Fürth - Mit großer Wahrscheinlichkeit hat es etwas länger als sonst gedauert, bis es Sasa Kalajdzic am Sonntagmorgen gelang, das Bett zu verlassen. Die Muskeln werden verhärtet, die Beine schwer, die Gelenke geschwollen gewesen sein, nachdem er am Tag zuvor erstmals seit knapp fünf Monaten wieder ein Fußballspiel bestritten hatte. Nicht wie ein 24-jähriger Nationalspieler dürfte sich der Stürmer des VfB Stuttgart beim Aufwachen gefühlt haben, sondern eher wie ein 42-jähriger Thekenkicker.

 

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„Fix und fertig“ war Kalajdzic, als er kurz nach dem Schlusspfiff mit nackten Füßen und Badelatschen am Spielfeldrand des Fürther Stadions stand und davon berichtete, wie sich sein Comeback angefühlt hatte: „Ich habe alles probiert, aber jetzt spüre ich meinen ganzen Körper.“ Bis zur letzten Minute hatte der Österreicher durchgehalten, war über die Schmerzgrenze hinausgegangen und am Ende der auffälligste und gefährlichste VfB-Spieler gewesen. Was zwar einerseits für seine Mentalität spricht, andererseits aber kein gutes Licht auf den Rest der Stuttgarter Mannschaft wirft. Sie schaffte es nicht, bei der SpVgg Greuther Fürth, der Schießbude der Fußball-Bundesliga, auch nur ein Tor zu erzielen.

Hat das Team den Ernst der Lage verstanden?

Mit 5:1 hatte der VfB den designierten Absteiger aus dem Fränkischen zum Saisonstart überrollt – und musste sich zum Auftakt der Rückrunde mit einem so enttäuschenden wie leistungsgerechten 0:0 begnügen. Leichtfertig vergeben ist damit die große Chance, sich im Tabellenkeller ein wenig Luft und im Kampf gegen den Abstieg ein wenig Selbstvertrauen zu verschaffen. Einen schwächeren Gegner wird die Mannschaft von Trainer Pellegrino Matarazzo in den verbleibenden 16 Saisonspielen nicht mehr bekommen – weshalb die bange Frage lautet: Gegen wen will der VfB noch gewinnen, wenn es nicht einmal gegen den abgeschlagenen Tabellenletzten zum allseits erwarteten Pflichtsieg reicht?

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Mehr als nur ernüchternd war in Fürth nicht nur das Ergebnis, sondern das gesamte Auftreten der Gästemannschaft. Bis in die Schlussphase hinein dauerte es, bis die Stuttgarter aus ihrer Lethargie erwachten und zu ein paar Torchancen kamen. Zuvor hatte sich (wieder einmal) der Eindruck aufgedrängt, dass manche Spieler noch immer nicht verstanden haben, wie bedrohlich die Situation ist und was für den VfB auf dem Spiel steht. Ein Eindruck, den Sven Mislintat nicht stehen lassen möchte.

Vehement wehrt sich der Sportdirektor dagegen, dass es ein Problem der Einstellung sein könnte und es an Leistungsbereitschaft mangelt: „Ich kann der Mannschaft nicht vorwerfen, dass sie nicht hart arbeiten würde und nicht will. Die Jungs stimmen charakterlich, sind klar im Kopf und halten zusammen“, versichert Mislintat und wirbt um Verständnis: „Man kann in einer solchen Situation nicht so befreit aufspielen, als wäre man Neunter.“

Der Zusammenhalt stimmt, aber der Druck steigt

Tatsächlich ist Matarazzos Team weit davon entfernt, wie eine Ansammlung von Söldnern zu wirken, die nur an sich selbst denken. Ein erfreulicher Befund mag es sein, dass jeder VfB-Profi bereit ist, sein Bestes zu geben – doch führt er fast zwangsläufig zu einer besorgniserregenden Schlussfolgerung: Kann es sein, dass es die Mannschaft schlicht nicht besser kann und mit den mentalen Belastungen des Klassenkampfes überfordert ist?

Noch bleibt dem VfB ausreichend Zeit, um das Gegenteil zu beweisen. Im Moment jedoch ergibt sich ein eher düsteres Bild. Das große Verletzungspech, von dem die Stuttgarter in der Vorrunde gebeutelt wurden, lässt sich als Erklärung für die Probleme nicht mehr anführen. Allein coronabedingte Ausfälle sind zu Beginn der Rückrunde übrig geblieben und könnten die Mannschaft auch weiter begleiten – von ihnen sind aber nicht nur die Stuttgarter betroffen.

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Zumindest vorläufig lässt sich daher auch nicht mehr die These aufrechterhalten, der VfB-Kader besitze deutlich größere Qualität als der des FC Augsburg, Arminia Bielefeld oder des VfL Bochum. Während die Augsburger in der Lage sind, kräftig zu investieren, beweisen die Underdogs aus Bochum und Bielefeld bislang eines: Gerade im Kampf gegen den Abstieg bemisst sich die Qualität eines Spielers weniger an den technischen Fähigkeiten oder dem Entwicklungspotenzial, sondern vor allem an der Widerstandsfähigkeit und dem Nervenkostüm.

Dass der VfB auch in diesen Bereichen gut aufgestellt ist, muss die junge Mannschaft in den nächsten Wochen beweisen. Andernfalls könnte es passieren, dass die Leiden von Sasa Kalajdzic in Fürth und auch am Tag danach völlig umsonst gewesen sind.