Das Top-Talent des VfB: Stürmer Timo Werner Foto: Baumann

Den WM-Titel in der Tasche, Talente in der Hinterhand – die Verantwortlichen des deutschen Fußballs könnten sich im Schlaraffenland wähnen. Nur gut, dass sie es nicht tun. „Wichtig ist, dass wir dranbleiben“, warnt etwa U-21-Nationaltrainer Horst Hrubesch. Ob’s gelingt, zeigt sich auch in der Bundesliga.

Stuttgart - In einem Sommer wie diesem werden auf der Fußballbühne Helden gemacht. Große wie James Rodriguez oder Manuel Neuer, aber auch kleine wie Davie Selke oder Joshua Kimmich. Letztere gewannen mit der deutschen U-19-Auswahl jüngst den EM-Titel – und sorgten endgültig für Glückseligkeit beim Deutschen Fußball-Bund (DFB). „Das sind klasse Jungs“, jubelte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach – und man hatte den Eindruck, dass nach dem WM-Titel und diesem EM-Triumph die Zufriedenheit noch für Jahre reichen würde. Doch es scheint anders.

Klar, die Freude über die prestigeträchtigen Erfolge ist noch immer groß. Doch beim DFB haben sie auch klaren Blick behalten, weshalb Niersbach den jungen Helden ­zurief: „Lasst nicht nach!“ Dazu gab’s das Versprechen: „Wir werden euch weiter fördern, aber auch fordern.“ Gut so – finden zumindest Deutschlands Fußballentwickler.

„Wichtig ist, dass wir dranbleiben. Wir müssen weiter arbeiten und Spieler entwickeln“, sagt Horst Hrubesch, der Trainer der U-21-Nationalmannschaft. Thomas Albeck, Nachwuchskoordinator bei Zweitligist RB Leipzig, betont: „Wer rastet, der rostet.“ Und Rainer Adrion, der Sportliche Leiter für den Nachwuchs beim VfB Stuttgart, warnt: „Wir müssen schauen, dass wir unseren Vorsprung halten.“ Das Trio weiß: Gerade im Erfolgsfall ist die Gefahr für Nachlässigkeiten am größten. „Die Konkurrenz zwischen den einzelnen Nationen ist groß“, sagt Albeck, „da ist auch international viel ­Dynamik in der Nachwuchsförderung.“

Die Spanier waren lange führend und werden alles tun, ihre Vormachtstellung zurückzuerobern. Die Engländer ziehen ihren Ehrgeiz aus den Fehlern der Vergangenheit, und auch in Frankreich und Italien tut sich einiges. Der DFB hält dagegen – mit bewährten Strukturen und einigen Neuerungen.

Zum mittlerweile etablierten Kulturgut des deutschen Fußballs gehören gleich mehrere Dinge. „Durch die A- und B-JuniorenBundesliga sowie die Regionalligen im C-Jugend-Bereich spielen die Jugendlichen schon früh auf höchstem Niveau“, sagt Albeck. Dazu kommen die für alle Erst- und Zweitligisten für die Lizenzierung verbindlichen Nachwuchsleistungszentren. Rund 700 Millionen Euro haben die Proficlubs seit dem Beschluss dieser Maßnahmen vor über zehn Jahren in die Nachwuchsarbeit investieren müssen, das Ergebnis kann sich sehen lassen. „Die Talentförderung ist extrem professionalisiert worden“, sagt Albeck. Und Adrion rechnet vor: „Dank der Kooperation mit Schulen können die Talente sieben- oder achtmal pro Woche trainieren. Früher waren es drei Einheiten weniger.“ An den bundesweit 366 DFB-Stützpunkten werden die jungen Kicker zudem an die Anforderungen der Leistungszentren herangeführt. „Die Qualität in der Ausbildung und die Selektion der Talente ist in den vergangenen Jahren viel besser geworden“, sagt Adrion. Und soll qualitativ weiter vorankommen.

Zu Beginn dieser Saison etwa sind die ­Anforderungen an die Nachwuchsleistungszentren der Profivereine noch einmal gewachsen. Zudem können nun auch Drittligisten ihre Talentförderung vom DFB zertifizieren lassen – was im Erfolgsfall einen satten Zuschuss des Verbands zur Folge hat. „So kommen immer mehr junge Spieler in den Genuss einer tollen Ausbildung“, erklärt Thomas Albeck. Und auch die Toptalente sollen noch besser gefördert werden.

In Frankfurt entsteht in den kommenden Jahren für geschätzte 50 Millionen Euro das DFB-Leistungszentrum – ein Ballungsraum für Fußball-Know-how in allen Bereichen, in dem sich künftig sowohl die Nationalteams bei Lehrgängen als auch die Nationaltrainer zum steten Austausch bewegen sollen. Medizinisch und trainingswissenschaftlich wird es an nichts fehlen, so dass die Nachwuchskicker auch weiter um internationale Titel spielen können. „Durch ­dieses Jahrhundertprojekt ergeben sich Chancen für die Entwicklung des deutschen Fußballs, die wir mit aller Entschlossenheit nutzen wollen“, sagt Niersbach. Ähnlich modern wird das neue Jugendzentrum des VfB Stuttgart sein, das im Oktober eröffnet wird. „Damit setzen wir neue Maßstäbe“, sagt Adrion, der weiß, dass die Rahmenbedingungen für Talente kaum besser sein könnten als in Deutschland. Der letzte Schritt ist dann aber weniger planbar.

Am Ende kommt es schließlich darauf an, dass die Talente auch in den großen Ligen zum Einsatz kommen – weshalb auch die nächsten Bundesliga-Spielzeiten Aufschluss darüber geben werden, wie groß die Chance auf weitere Titel der Nationalmannschaft sein werden. „Zwangsläufig“ kämen die Talente zum Einsatz, meint Rainer Adrion, da die 18- und 19-Jährigen heute bestens ausgebildet in den Profikadern ankommen – was es den Trainern wiederum erleichtert, auf die Talente zu setzen. Andererseits: Auch die Bundesliga-Coaches können nicht wahllos Jungspunde auf den Platz schicken. Zumal auch nach wie vor nicht ausschließlich auf den eigenen Nachwuchs gesetzt werden kann. Gutes Beispiel: der VfB Stuttgart.

Timo Werner (18) hat in Filip Kostic (FC Groningen) und Daniel Ginczek (1. FC Nürnberg) neue Konkurrenz bekommen. Und U-19-Europameister Felix Lohkemper muss sich erst einmal beim VfB II in der dritten Liga bewähren. Immerhin: Der VfB bietet diese Möglichkeit noch.

Andere Profivereine haben die Lockerung im Reglement genutzt und ihre zweite Mannschaft abgemeldet – was Thomas Albeck als einzigen negativen Punkt der derzeitigen Entwicklung sieht. „Das könnte für viele Spieler einen Stopp in ihrer Entwicklung bedeuten, da nur wenige die Möglichkeit haben, direkt in einen Bundesliga-Kader zu kommen“, sagt der frühere Stuttgarter Nachwuchschef und betont: „Die Vereine sollten das nicht aus den eigenen Händen geben.“ Schließlich gibt es auch Helden, die ein bisschen mehr Zeit brauchen.

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