Vom Bonlandener Derby-Coup bis zum Musberger Fünffach-Torschützen, vom nächsten Trainerwechsel bis zum 17:1-Rekordergebnis und einem Feuerbacher Schnapszahl-Knipser – am 23. Spieltag präsentiert sich das Starterfeld reichlich durchgeknallt.
Trainerwechsel Nummer acht der Saison, diesmal überraschend beim TSV Münster – dazu Ergebnisse, bei denen jeder, der diese getippt hätte, wahlweise als verrückt oder komplett ahnungslos eingestuft worden wäre. Was für ein durchgeknallter Spieltag in der Fußball-Bezirksliga Stuttgart/Böblingen! Da wirft eben in Münster Stefan Schuon trotz Nichtabstiegsplatz die Brocken hin. Da gewinnt der bisherige Serienverlierer TSV Musberg angeführt von einem Fünffach-Torschützen plötzlich mit 9:1. Da fallen allein in einem Spiel 18 Tore. Und da geht der Tabellenführer TSV Plattenhardt erstmals seit November wieder ohne Punkte vom Platz. Just im Filderstädter Derby musste der große Meisterschaftsfavorit eine 1:2-Heimniederlage hinnehmen. Wird es im Titelrennen nun doch noch einmal spannend?
TSV Plattenhardt – SV Bonlanden
Fakt ist: Elf Spieltage vor Schluss ist der Vorsprung des TSV Plattenhardt von acht auf fünf Punkte geschmolzen. Und nun folgen für den bisherigen Liga-Souverän mit den Begegnungen bei Croatia Stuttgart und gegen den TV Echterdingen II gleich zwei weitere schwere Prüfungen. Es ist eine Phase, in der sich manch einer im Weilerhau bereits eine Vorentscheidung auf dem Weg zum angepeilten Aufstieg erhofft hatte – in der aber, wie man spätestens seit Sonntag weiß, genauso die Karten noch einmal neu gemischt werden könnten. Die aktuelle Niederlage, mithin die erste seit gut vier Monaten, „tut auf jeden Fall weh“, sagt der Trainer Slobodan Markovic. Umso mehr in Anbetracht des Gegners.
Ausgerechnet der SV Bonlanden! Ausgerechnet der Erzrivale! Kess war ja schon die Ankündigung von dessen Coach Carmine Napolitano gewesen, man komme, „um zu gewinnen“. Dass seine Mannschaft dies dann aber auch tatsächlich noch tat, setzte dem Ganzen die Krone auf. Ausgerechnet, zum Dritten, die beiden Spieler, deren Einsatz krankheitsbedingt bis zuletzt auf der Kippe stand, schockten die Gastgeber. Noch nicht einmal 60 Sekunden waren gespielt, als ein scharf getretener Freistoßball von Jonathan Baur an Freund und Feind vorbeirauschte und plötzlich im Tornetz zappelte. Die Zugabe dann in der Schlussphase: wieder eine Standardsituation, diesmal eine Ecke, und der andere Gerade-noch-Patient, Denis Adam, drückte die Kugel zum endgültigen Bonlandener Hurra über die Linie.
„Zwei billige Gegentreffer, bei denen wir uns naiv anstellen“, sagt Markovic, während seinem Gegenüber Napolitano das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht gehen will. „Plattenhardt war die spielerisch bessere Mannschaft“, konstatiert er, „aber unser Matchplan ist aufgegangen“. „Riesenkompliment“ von ihm vor allem an die eigene Abwehr, in der der Wintertransfer Giancarlo Pinna (früher Regionalliga in Mannheim und Homburg) positionsfremd als Linksverteidiger gefiel. „Die haben sich in jeden Ball geworfen“, sagt Napolitano. Einzige Ausnahme: der zwischenzeitliche Ausgleich von Pierre Eiberger per Kopf.
Bleibt die Frage, wohin das eigene Hoch nun noch tragen kann. Geht noch was in Sachen Platz zwei? Dass Napolitano bei aller Freude über den Derby-Coup zur Demut mahnt und „hier bestimmt nicht gleich Ringelreihentänze machen will“, hat einen Grund. Der prompte Euphoriedämpfer ergibt sich aus der Personalsituation: In Agonis Berisha (Rippenprellung), Ricardo Pinto Lino und Evangelos Lioliakis (beide umgeknickt) schieden drei Bonlandener Kicker verletzt aus. Ein vierter, der Keeper Luca Wiedmann, hatte von vornherein gefehlt. Er steht vor einem MRT-Termin. Irgendwas mit dem Knie – es droht eine längere Pause zu werden.
Demgegenüber gibt es für die geschlagenen Plattenhardter immerhin einen Trost. Nach dem Trainer Markovic haben inzwischen auch bereits 13 Spieler des Kaders für die nächste Saison zugesagt, darunter alle Leistungsträger. Und zwar unabhängig von der Klassenzugehörigkeit. Wobei klar ist: Sollte es am Ende nicht die Landesliga werden, wäre dies eine Kost, an der alle Beteiligten schwer zu kauen hätten. Noch ein x-faches schwerer als am aktuellen Resultat.
Spvgg Cannstatt – VfL Oberjettingen
Von der Konkurrenz untermauerte die Spvgg Cannstatt ihre Position als erster Verfolger. Der Tabellenzweite ließ bei seinem 6:0 gegen den VfL Oberjettingen nichts anbrennen. Und das trotz der Fortsetzung eines ärgerlichen Kapitels: Bereits zum siebten Mal in dieser Saison beendete der Aufstiegsanwärter ein Spiel in Unterzahl. Sechsmal Gelb-Rot, einmal glatt Rot. Macht im Fairnessranking den letzten Platz. Diesmal erwischte es Valon Ala mit der Ampelkarte.
Doch hält es der Trainer Christopher Eisenhardt für angebracht, die Dinge ein Stück weit zu relativieren. Von wegen böse Buben. „Wir sind kein Team, das um sich tritt oder spuckt“, stellt er klar. Ala etwa erwischte es, weil er die schnelle Ausführung eines Freistoßes verhinderte. Empfehlung Eisenhardts, für dessen Elf respektive Zehn Marco Caruso doppelt traf: „In manchen Situationen geht es einfach darum, den Kopf besser einzuschalten.“ Soll angeblich überhaupt im Leben nicht die schlechteste Idee sein.
TSV Musberg – VfL Herrenberg
Für das Überraschungsergebnis des Spieltags sorgte indes ein anderer. 9:1? Ernsthaft? Ja, kein Irrtum. Acht seiner vergangenen neun Begegnungen hatte der TSV Musberg verloren und während dieser Durststrecke nur einen von 27 möglichen Punkten geholt. Nun, gegen den VfL Herrenberg, galt das Ketchup-Flaschen-Prinzip: Erst kommt lange nichts, dann alles auf einmal. „Manchmal ist es im Fußball unerklärlich. Aber wenn dann mal der Knoten platzt. . .“, sagt der Trainer Denis Kühnle, offensichtlich selbst erstaunt. Vor allem einer der Seinen steigerte sich gegen einen freilich auch desaströsen Gegner in einen regelrechten Rausch.
Gestatten: Georgios Kessapidis, gerade mal 19 Jahre alt, im Januar vom TSV Bernhausen gekommen. Fünf Tore gingen allein auf das Konto des Neuen. Highlight dabei: ein frecher Lupfer aus knapp 50 Metern, der sich hinter dem Gästekeeper in die Maschen senkte. „Im Training hatte er die Dinger bisher schon reingehauen. Toll, dass er sich nun auch im Spiel belohnt hat“, sagt Kühnle, für dessen Team die Fußballwelt damit schlagartig wieder um einiges freundlicher aussieht. Ihren Abstand zum voraussichtlich rettenden elften Tabellenplatz haben die Musberger auf einen Punkt verkürzt.
Türkischer SV Herrenberg – TSV Münster
Auf diesem elften Platz steht unverändert der TSV Münster – in seinem Fall allerdings mit ordentlich Aufregung hinter den Kulissen. Grund: Der Trainer Stefan Schuon hat bei den Grünhemden wie erwähnt mit sofortiger Wirkung sein Amt niedergelegt. Alles Wissenswerte dazu siehe hier.
Vorerst leitet bei den Neckarstädtern nun der Spielleiter Uwe Braun zusammen mit dem bisherigen Co-Trainer Volker Seyfert und dem Torwarttrainer Karsten Hönle das Training. Das Trio wird höchstwahrscheinlich auch am nächsten Sonntag im Heimspiel gegen den SV Deckenpfronn auf der Bank sitzen.
SV Deckenpfronn – SV Vaihingen
Jene Deckenpfronner trotzten einstweilen dem SV Vaihingen ein 1:1 ab, flankiert von ernüchterten Gästekickern. Klarer Fall: Deren damit nur vier Punkte aus ihrer englischen Woche sind zu wenig, um im Klassement weiter oben zum Angriff zu blasen. Stattdessen treten die Vaihinger auf der Stelle. „Wir waren nicht gut genug, um die gegnerische Abwehr zu knacken“, sagt der Trainer Jeremiah Geywitz. Gegen einen tief stehenden Kontrahenten mühten sich die Seinen uninspiriert. Vielleicht ja auch, weil der Kapitän Max Schilling (Achillessehnenreizung) fehlte. Marvin Dürrs Abstauber immerhin noch zum Ausgleich ergab sich bezeichnenderweise aus einem ruhenden Ball.
SV Oberjesingen – TV Echterdingen II
Ebenfalls jeweils mit einem Remis begnügen mussten sich die beiden Dauergewinner von zuletzt. So endete die Siegesserie des TV Echterdingen II nach acht Dreiern im Aufsteigerduell beim SV Oberjesingen mit einem 1:1. Ähnlich wie die Vaihinger bissen sich auch die Gelb-Schwarzen an einem entschlossen verteidigenden Gegner die Zähne aus. „Man hat gemerkt, dass bei uns in der Offensivreihe drei wichtige Spieler gefehlt haben“, sagt der Echterdinger Trainer Martin Kittelberger. Ziad Masoud und Johannes Kienzle rotgesperrt, Jakob Wörne verletzt (Zerrung). So musste in Sachen Toreschießen ein soeben erst Genesener in die Bresche springen. Loris Grassi, seit Mitte November erstmals wieder dabei, netzte zur zwischenzeitlichen Führung der Gäste ein.
Croatia Stuttgart – Sportvg Feuerbach
Croatia Stuttgart derweil musste sich gegen die Sportvg Feuerbach mit einem 3:3 begnügen – was Mirko Sapina, der Trainer des nun Tabellenvierten, aber mit einem Schulterzucken hinnimmt. „Der Klassenverbleib ist so gut wie geschafft, alles andere ist Bonus“, sagt er, dessen Mannschaft immerhin einen Zwei-Tore-Rückstand wettmachte. Die Umstellung in der Abwehr von Dreier- auf Viererkette verhalf zur Aufholjagd. Duje Tokic gelangen seine Saisontore 17 und 18.
Für das Feuerbacher Interimstrainer-Duo Jochen Weber/Kai Marquardt war es im zweiten Spiel der erste Punkt mit der Erkenntnis, dass das Team doch Abstiegskampf kann. Croatia sei spielerisch besser gewesen, sagt Marquardt, doch die eigene Elf habe alles reingehauen, was geht. So habe man noch eine Chance, hinten rauszukommen. Mann des Tages auf Gästeseite war Marin Pranjic oder seit Sonntag möglicherweise Schnapszahlen-Pranjic genannt. Seine drei Treffer markierte er nämlich in der 22., 33. und 55. Spielminute. „Wir haben zu ihm gesagt, er soll den Kopf ausschalten, und plötzlich wirkt er wie befreit, macht seine Möglichkeiten rein“, sagt Marquardt schmunzelnd.
Lange Gesichter gab es dann allerdings nach dem Bekanntwerden der Konkurrenz-Ergebnisse. Der Rückstand auf den Relegationsplatz ist auf acht Zähler angewachsen.
TSV Rohr – ABV Stuttgart
Besser sieht es da für den ABV Stuttgart aus, der seine Aufholjagd aus dem Tabellenkeller mit einem 2:1 beim Vorletzten TSV Rohr fortgesetzt hat. Für die Degerlocher im fünften Spiel seit der Winterpause der vierte Sieg – und damit schon jetzt die gleiche Anzahl an Erfolgen wie während der gesamten Hinrunde. Entscheidend war am Sonntag ein Toredoppelschlag von Fabio Friese.
Beim Gegner Rohr gibt man seit Wochen nicht nur die Punkte ab – es war die fünfte Niederlage in Serie im Jahr 2025 –, auch die Begleiterscheinungen sind frustrierend. „Jedes Mal kommt noch ein Verletzter hinzu“, beklagt der Coach Klaus Kämmerer. War es in der Vorwoche Kai Hauner mit doppeltem Bänderriss, hat es nun Marcel Kousol mit einer Knöchelverletzung erwischt. Die genaue Diagnose steht noch aus. Trotz der vielen Rückschläge haben sich Trainer und Mannschaft eingeschworen, die Saison zusammen durchzuziehen. Das Team sei charakterlich stark und lasse sich nicht hängen, weiß Kämmerer. Aktuell verhinderte sein Torhüter Kevin Braun mit starken Paraden ein höheres Zwischenergebnis, ehe dessen Gegenüber Christopher Smith die Rohrer zurück ins Spiel brachte. Er lenkte eine vom Wind unterstützte Bogenlampe von Tim Schürg ins eigene Netz.
Spvgg Holzgerlingen – SC Stammheim
Bleibt noch der SC Stammheim, der auf seinen Albtraum-Gegner traf. Schon im Hinspiel war es für den Tabellenletzten gegen die Spvgg Holzgerlingen mit einem 3:8 heftig gekommen. Das Ergebnis dieses Mal: aus Stammheimer Sicht sage und schreibe 1:17. Einzig den Personalmangel als Grund anzuführen, hält der Trainer Stefan Diesing dabei für zu billig. „Aufgrund des Zuckerfestes hatte ich nur 13 Spieler zur Verfügung. Das ist aber keine Entschuldigung. Kein Akteur brachte Normalform“, sagt er. Hinzu kam: aufgrund von Verletzungen und mangels Wechselalternativen war das Schlusslicht von der 60. Minute an nur noch zu zehnt.
Die Statistik zum 23. Spieltag
Spvgg Holzgerlingen – SC Stammheim 17:1. Tore: 1:0 Horn (2.), 2:0 Kislat (8.), 3:0 Hamm (12.), 4:0 Schildt (17.), 4:1 Skor-doulis (32.), 5:1 Hamm (34.), 6:1 Schildt (39.), 7:1 Quaranta (49.), 8:1 Quaranta (50.), 9:1 Schildt (53.), 10:1 Hamann (56.), 11:1 Hamann (59.), 12:1 Preuss (69.), 13:1 Hamann (73.), 14:1 Diem Julien Palenfo (74., Eigentor), 15:1 Wohlbold (78.), 16:1 Hamann (84.), 17:1 Wohlbold (90.). Besonderes: Stammheim verletzungsbedingt von der 60. Spielminute an nur noch mit zehn Spielern
Croatia Stuttgart – Sportvg Feuerbach 3:3. Tore: 0:1 Pranjic (22.), 1:1 Duje Tokic (24.), 1:2 Pranjic (33.), 1:3 Pranjic (55.), 2:3 Duje Tokic (65.), 3:3 Kajinic (82.). Besonderes: –
TSV Plattenhardt – SV Bonlanden 1:2. Tore: 0:1 Baur (1.), 1:1 Eiberger (54.), 1:2 Adam (80.). Besonderes: –
Türkischer SV Herrenberg – TSV Münster 2:1. Tore: 0:1 Coskun (37.), 1:1 Miftar (81.), 2:1 Muhammed Kilic (86., Foulelfmeter). Besonderes: –
SV Deckenpfronn – SV Vaihingen 1:1. Tore: 1:0 Wunsch (6.), 1:1 Dürr (57.). Besonderes: –
TSV Rohr – ABV Stuttgart 1:2. Tore: 0:1 Friese (31.), 0:2 Friese (38.), 1:2 Smith (41., Eigentor). Besonderes: –
Spvgg Cannstatt – VfL Oberjettingen 6:0. Tore: 1:0 Caruso (24.), 2:0 Lurz (34.), 3:0 Caruso (39.), 4:0 Hasanaj (88.), 5:0 Jordan (90.+1), 6:0 Ziegler (90.+4). Besonderes: Gelb-Rot für Ala (Cannstatt, 59.)
TSV Musberg – VfL Herrenberg 9:1. Tore: 1:0 Kessapidis (20.), 2:0 Kessapidis (25.), 3:0 Lukas Zug (41., Foulelfmeter), 4:0 Schellander (44.), 5:0 Kessapidis (55.), 6:0 Kessapidis (76.), 6:1 Franguere (80.), 7:1 Kessapidis (83.), 8:1 Schele (84.), 9:1 Schele (85.). Besonderes: –
SV Oberjesingen – TV Echterdingen II 1:1. Tore: 0:1 Grassi (7.), 1:1 Semirano (80.). Besonderes: –