Von wegen bereits entschiedenes Meisterrennen: Eine doppelte Last-Minute-Panne des TSV Plattenhardt bringt neue Spannung. Derweil fällt in Münster das wohl kurioseste Tor der Saison und zeichnen sich in Musberg und Rohr Trainerentscheidungen ab.
In Münster das wohl kurioseste Tor dieser Saison, für Cannstatt der Sechs-Minuten-Hattrick eines Fünffachschützen und beim Spitzenreiter TSV Plattenhardt der große Osterfrust – unter diesen Eckdaten hat die Fußball-Bezirksliga Stuttgart/Böblingen am Wochenende ihren 26. Spieltag absolviert. In rein tabellarischer Hinsicht steigt derweil die Spannung. Zum einen vorne, wo aus dem bis vor kurzem noch vermuteten Plattenhardter Titelsolo nun ein Aufstiegsdreikampf werden könnte. Zum anderen hinten, wo vier Mannschaften um den rettenden elften Platz wetteifern (TSV Musberg, TSV Münster, Türkischer SV Herrenberg, ABV Stuttgart). Die bislang fünfte, die Sportvg Feuerbach, steht hingegen nach einer Niederlage in ihrem aktuellen Alles-oder-nichts-Spiel vor dem Aus in der Staffel. Der erstmalige Abstieg in die Kreisliga A dürfte für den Traditionsclub nicht mehr zu verhindern sein.
VfL Herrenberg – TSV Plattenhardt
Freilich, mit Prognosen muss man dieser Tage vorsichtig sein, wie auch das Beispiel an der Spitze zeigt. Sechs Wochen ist es her, da hatten die Ersten in der Liga bereits Glückwunsch-Telegramme in Richtung Weilerhau verfasst. Einhelliger Tenor: Wer soll diesen TSV Plattenhardt noch stoppen? Im Gipfelduell war von den Filderstädtern deren Mitbewerber Spvgg Holzgerlingen gerade mit 8:0 auseinander geschraubt worden.
Inzwischen stellt sich die Situation anders dar. Haus und Hof würde bei seinem Meistertipp spätestens seit diesem Samstag wohl keiner mehr verwetten. Der große Favorit wackelt, und auf Plattenhardts Höhen muss zwar noch nicht gleich die Angst vor einem erneuten Scheitern umgehen, ein paar Sorgenfalten wölben sich aber durchaus. „Wir haben unsere gute Ausgangsposition ein bisschen verschenkt. Jetzt müssen wir schnell wieder in die Spur kommen“, sagt der Abteilungsleiter Sascha Krammer nach dem bitteren 2:2 beim VfL Herrenberg, mit welchem der vormals komfortable Acht-Punkte-Vorsprung weiter schmilzt. Die sechs Zähler Abstand zum Dritten Spvgg Cannstatt täuschen insofern, weil jener noch ein Nachholspiel hat. Und am 18. Mai kommt es am Neckar auch noch zum direkten Duell der beiden Teams.
Der aktuelle Frust brach über die Plattenhardter in der Nachspielzeit herein. 90 Minuten lang steuerten sie auf Kurs eines vermeintlich souveränen Auswärtssiegs. Zweimal Vorlage Ekrem Servi, zweimal Treffer Aristidis Perhanidis, der erste der beiden nach gerade mal 30 Sekunden, als dem gegnerischen Torhüter Niklas Lemberg der Ball versprang. Dann, nach mehreren Chancen gar zur 3:0-Führung, kam das ganz späte dicke Ende. Bei Gegentor eins agierte der Kapitän Emre Göcer im Zweikampf zu zögerlich. Und Gegentor zwei lässt Krammer auch noch mit ein, zwei Tagen Abstand kopfschüttelnd zurück. Nicht nur für ihn „völlig unverständlich“ rannte die eigene Mannschaft wild stürmend in einen Konter.
Auf dem Platz waren die Gäste zu diesem Zeitpunkt nur noch zu zehnt. Der spielende Co-Trainer Pierre Eiberger hatte nach einem Gerangel mit einem Gegenspieler Gelb-Rot gesehen. Also auch noch das.
SC Stammheim – Spvgg Cannstatt
Beim erwähnten Verfolger Spvgg Cannstatt hat man die Geschehnisse aufmerksam registriert. Auch wenn der dortige Trainer Christopher Eisenhardt sich weiterhin in verbaler Zurückhaltung übt. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Plattenhardt sich das noch nehmen lässt“, sagt er.
Was das für die eigenen Ambitionen heißt? „Stellen Sie mir diese Frage noch einmal nach den drei nächsten Spielen“, erwidert der Coach, „diese werden richtungsweisend sein.“ In Musberg, dann jeweils zuhause gegen Bonlanden und Oberjesingen. Anschließend wollen die Cannstatter neu auf die Tabelle schauen und für sich bewerten: Was kann gehen? Klar ist: Auch Platz zwei, die Vizemeisterschaft, wäre nicht zu verachten. Sie berechtigte ja zur Teilnahme an der Aufstiegsrelegation. In deren erster Runde wird der Stuttgart/Böblingen-Qualifikant am 14. Juni auf den entsprechend Zweiten aus Ostwürttemberg treffen, nach jetzigem Stand der FV Sontheim/Brenz.
Einstweilen taten die Cannstatter sich in ihrer Pflichtaufgabe beim punktlosen Schlusslicht SC Stammheim eine Hälfte lang schwer. „Kompliment an den Gegner. Er hat trotz seiner Situation gekämpft, gekratzt und gebissen“, sagt Eisenhardt – bis den Gastgebern in Unterzahl nach Gelb-Rot für Jassim Stitou die Puste schwand. Endstand aus Cannstatt-Sicht: 9:1. Vor allem einer tobte sich aus. Behar Hasanaj netzte fünffach ein, seine Saisontore Nummer 19 bis 23, darunter ein rekordverdächtiger Hattrick innerhalb von nur sechs Minuten.
SV Bonlanden – Spvgg Holzgerlingen
Der Dritte im Bunde, der nun noch als ernsthafter Aufstiegskandidat bezeichnet werden kann, sind indes die erwähnten Holzgerlinger – welche wiederum dem SV Bonlanden mit einem 3:1 in dessen Stadion den wohl vorentscheidenden Dämpfer verpassten. Ein eigener Sieg in diesem Schlüsselspiel, und die Filderstädter wären auf drei Punkte dran gewesen. So hat sich die Kluft auf neun vergrößert. Abruptes Ende der Aufholjagd. Ein Umstand, den der Trainer Carmine Napolitano allerdings mit Gelassenheit nimmt. „Deswegen ist hier keine schlechte Stimmung. Platz zwei war eh nicht unser wirkliches Ziel“, sagt er. Freilich, nein gesagt hätte bei der unverhofften Zugabe keiner.
Zum Verhängnis wurden den Schwarz-Weißen aktuell drei Komponenten. Erstens: eine zu schludrige Chancenverwertung. Dennis Adams Führungstreffer war, gemessen an der Feldüberlegenheit über weite Strecken der Partie, eine arg geringe Ausbeute. Zweitens: personelle Probleme. Der Ausfall des Abwehrchefs Tobias Scharnreithner (beruflich verhindert) sowie des Ex-Profis Giancarlo Pinna (frühe Auswechslung wegen Oberschenkelprellung) taten weh. Drittens: Der Gegner wartete dann seinerseits mit einer umso größeren Abschlusseffizienz auf. „Drei Bälle auf unser Tor, dreimal drin“, konstatiert Napolitano. Darunter zum Ausgleich per strittigem Elfmeter und zum Endstand mit einem direkt verwandelten Eckball von Max Horn.
Die positive Kunde vonseiten der Gastgeber: Fix ist inzwischen Napolitanos Vertragsverlängerung. Zudem hat der Verein geklärt, wer Jonathan Baur während dessen Hinrunden-Auszeit (geht wie berichtet auf Weltreise) in seiner Co-Trainerrolle ersetzen wird. Pinna übernimmt den Job. Darüber hinaus steigt Giuseppe Pellegrino von Napolitanos Vorgängerclub Spvgg Cannstatt als Torwarttrainer ein.
Croatia Stuttgart – SV Deckenpfronn
Ebenfalls wohl raus im Rennen um die Top-drei-Plätze sind zwei andere Höhenflieger der vergangenen Wochen, nämlich die Aufsteiger Croatia Stuttgart und TV Echterdingen II. Die Kroaten brachten gegen den SV Deckenpfronn wegen mehrerer Osterurlauber nur noch elf Erste-Mannschaft-Spieler zusammen. Auf der Bank hockten zwei A-Jugendliche und zwei Akteure aus dem Reserveteam. Die 0:4-Pleite, die es letztlich wurde, will der Trainer Mirko Sapina aber nicht allein auf die angespannte Personalsituation schieben: „Die ersten 25 Minuten waren gut. Danach hat bei uns nach vorne nicht mehr viel geklappt, und hinten haben wir uns die Gegentore durch Missverständnisse und unnötige Fehler quasi selbst reingelegt“, sagt der Coach.
Gleichwohl will zumindest er sein Team noch nicht abschreiben. Denn: „Diese Liga ist so verrückt und unberechenbar – das hat ja dieses Wochenende wieder ganz deutlich bewiesen.“ Sprich: Passieren kann immer noch viel.
TV Echterdingen II – Türkischer SV Herrenberg
Eine Heimniederlage musste derweil auch der TV Echterdingen II hinnehmen, in seinem Fall ein 0:1 gegen den Türkischen SV Herrenberg. Bemerkbar machte sich dabei, dass der Torjäger Dorde Smiljic (privat verhindert) und der Kapitän Felix Steyer (als Jugendtrainer bei einem Osterturnier in den Niederlanden) fehlten. „Wir sind zu keinem Zeitpunkt richtig in den Flow gekommen“, sagt der Trainer Martin Kittelberger. Außerdem sei der Gegner komplett anders aufgetreten als noch im Hinspiel, das die Gelb-Schwarzen 7:1 gewonnen hatten. Kittelbergers Beobachtung: „Die waren diesmal giftig, die waren kompakt, und sie haben es uns schwer gemacht, uns gute Möglichkeiten zu erspielen.“
Das Tor des Tages zwei Minuten vor der Pause fiel nach Ansicht des Coachs aus „sehr abseitsverdächtiger Position“. Der Schütze hieß Oguz Yüksel.
TSV Rohr – TSV Musberg
Die Türken haben damit ihrerseits die Chancen auf den Klassenverbleib gewahrt. Wie eingangs erwähnt: Es zeichnet sich ein Vierkampf um den rettenden elften Tabellenplatz ab. Die Nase hat dabei fürs Erste weiterhin der TSV Musberg knapp vorn. Er festigte seine Position mit einem 4:0-Derbysieg beim TSV Rohr. „Auch die Konkurrenz hat geliefert. Umso wichtiger, dass wir unsere eigene Aufgabe erfüllt haben“, sagt der Musberger Fußballchef Michael Hilbert. Als Türöffner betätigte sich Dennis Zschorsch mit seinem Führungstreffer kurz vor der Pause. Am Ende machte der eingewechselte Gideon Weller mit zwei Jokertoren alles klar.
Demgegenüber war es für die Rohrer die achte Niederlage im neunten Rückrundenspiel – aber eine „erhobenen Hauptes“, wie der Spielleiter Taddäus Ebert betont. Ein Notaufgebot der Gastgeber wehrte sich tapfer. Auf den Rasen musste so ziemlich jeder, der noch aufrecht laufen konnte. Der Angreifer Fabian Rück etwa war als Langzeitverletzter erstmals seit Oktober wieder dabei.
Für den praktisch sicheren Neuanfang nächste Saison in der Kreisliga A sollen sich nun in der kommenden Woche erste Personalien klären. Ebert ist „zuversichtlich“, dass der Trainer Klaus Kämmerer weitermachen wird, allem gerade Unerfreulichen zum Trotz. Auch in Musberg ist die Tendenz, dass das Trainerduo Denis Kühnle/Dominik Mayer erhalten bleibt. Dort sagt Hilbert: „Es ist nie einfach, in eine Planung zu gehen, wenn man nicht weiß, in welcher Liga man spielen wird. Aber wir sind in guten Gesprächen.“
TSV Münster – SV Vaihingen
Am dichtesten auf den Fersen ist den Musbergern im Klassement der TSV Münster. Jener hat mit einem 2:1 gegen den SV Vaihingen den ersten Sieg unter seinem neuen Trainer Andreas Contino verbucht. Wäre jetzt Saisonschluss, würden die Kicker vom Kraftwerk in der Relegation gegen den Abstieg spielen. Ausschlaggebend für den Sieg waren eine gute Defensivarbeit und zwei Traumtore: Marvin Haller zog in Arjen-Robben-Manier vom rechten Flügel nach innen und traf aus 16 Metern zur 1:0-Führung. Und das 2:0 entsprang einem Befreiungsschlag des Vaihinger Keepers Maximilian Ulmer, den Ismet Alkan, rund 15 Meter in der eigenen Hälfte stehend, umgehend zurückbeförderte. Folge: der Ball flog und flog, tippte noch einmal im Vaihinger Strafraum auf und sprang schließlich ins Netz – das wohl kurioseste Tor dieser Saison.
„So ein Ding macht der nur einmal in seiner Karriere, kein Vorwurf an meinen Keeper“, sagt der Vaihinger Trainer Jeremiah Geywitz, dessen bislang 31-facher Saisontorschütze Fabijan Krpan diesmal leer ausging. Ein Grund laut Geywitz: Ihm fehlt sein kongenialer Sturmpartner David Hug. Letzterer fällt mit einem angerissenen Kreuzband bereits seit Mitte März aus.
ABV Stuttgart – SV Oberjesingen
Unterdessen gelang dem ABV Stuttgart mit einem 4:0 gegen den SV Oberjesingen sogar sein vierter Sieg aus den vergangenen fünf Spielen. Auch die Degerlocher bleiben in Sachen Klassenverbleib dran. Der Widerstand des Gegners war schon nach vier Minuten durch den Führungstreffer von Luca Roth gebrochen. Danach versäumten die Gastgeber vor allem durch Alen Neksic, noch mehr für ihre Tordifferenz zu tun. Der Winterzugang vergab gleich drei Hochkaräter.
Ein letztes Mal fehlte am Samstag der eigentliche Torjäger Blessing Omoregie. Er hat seine Rotsperre abgesessen, die er sich für den Tritt gegen das Schienbein eines Gegners eingehandelt hatte. „Das war eigentlich gar nicht so wild, aber wegen seines Vorstrafenregisters hat er fünf Spiele bekommen“, sagt der Kapitän Leon Pachonick, der an diesem Wochenende selbst zwei Tore beisteuerte.
VfL Oberjettingen – Sportvg Feuerbach
Gesucht werden an den ausstehenden acht Spieltagen nun praktisch nur noch zwei der insgesamt sechs Direktabsteiger. Einer steht im SC Stammheim bereits definitiv fest – und drei andere so gut wie sicher, außer Rohr und Oberjesingen inzwischen auch die Sportvg Feuerbach. Die Nord-Stuttgarter dürften mit ihrer 1:2-Niederlage beim VfL Oberjettingen die letzte realistische Chance auf eine Rettung verspielt haben – eine Tatsache, die beim tief gefallenen Vorjahresfünften offenbar auf den Magen schlägt. Für eine Stellungnahme war von den Verantwortlichen keiner zu erreichen. Einzige Auskunft des Abteilungsleiters Robert Junak an diesem Montag: „Alle sind im Osterurlaub.“ Man möge ein anderes Mal anrufen. Tiefpunkt der Begegnung: Numan Sensoy sah für einen Faustschlag die rote Karte.
Die Rechnung, mit der Entlassung des Langzeittrainers Rocco Cesarano eine Wende herbeizuführen, ist nicht aufgegangen. Die Bilanz unter dem seitdem fungierenden Interimstrainerduo Kai Marquardt/Jochen Weber lautet: vier Spiele, null Siege. Von zwölf möglichen Punkten hat die Mannschaft lediglich einen geholt.
Die Statistik zum 26. Spieltag
TV Echterdingen II – Türkischer SV Herrenberg 0:1. Tore: 0:1 Yüksel (43.). Besonderes: –
VfL Oberjettingen – Sportvg Feuerbach 2:1. Tore: 1:0 Seeger (26.), 1:1 Bokilo (35.), 2:1 Seeger (43.). Besonderes: Busic (Feuerbach) wehrt Foulelfmeter von Yannick Ruß ab (77.); Gelb-Rot für Kravoscanec (Oberjet-tingen, 90.+8); rote Karte für Sensoy (Feuerbach, 90.+9/Faustschlag)
ABV Stuttgart – SV Oberjesingen 4:0. Tore: 1:0 Roth (4.), 2:0 Pachonick (47.), 3:0 Baumgartner (53.), 4:0 Pachonick (71.). Besonderes: –
TSV Rohr – TSV Musberg 0:4. Tore: 0:1 Zschorsch (43.), 0:2 Lukas Zug (53.), 0:3 Weller (70.), 0:4 Weller (73.). Besonderes: –
SC Stammheim – Spvgg Cannstatt 1:9. Tore: 1:0 Tuzi (5.), 1:1 Buzhala (18.), 1:2 Ajolbek (36.), 1:3 Hasanaj (45., Foulelfmeter), 1:4 Hasanaj (60.), 1:5 Caruso (64.), 1:6 Krijestorac (73.), 1:7 Hasanaj (79.), 1:8 Hasanaj (82.), 1:9 Hasanaj (84.). Besonderes: Gelb-Rot für Stitou (Stammheim, 41.)
TSV Münster – SV Vaihingen 2:1. Tore: 1:0 Haller (46.), 2:0 Alkan (63.), 2:1 Huhnke (65.). Besonderes: –
SV Bonlanden – Spvgg Holzgerlingen 1:3. Tore: 1:0 Adam (5.), 1:1 Quaranta (27., Foulelfmeter), 1:2 Horn (44.), 1:3 Horn (84.). Besonderes: –
Croatia Stuttgart – SV Deckenpfronn 0:4. Tore: 0:1 Wick (33.), 0:2 Patridas (39.), 0:3 Wunsch (68.), 0:4 Wick (76.). Besonderes: –
VfL Herrenberg – TSV Plattenhardt 2:2. Tore: 0:1 Perhanidis (1.), 0:2 Perhanidis (53.), 1:2 Atis (90.), 2:2 Franke (90.+1). Besonderes: Gelb-Rot für Eiberger (Plattenhardt, 56.)